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Weiter Bulldozer am Meeresgrund

10. Dezember 2013

Verbot von Grundschleppnetzen in Tiefsee vorerst geplatzt / WWF kritisiert EU-Parlament

Schleppnetzfischerei © Quentin Bates / WWF-Canon
Schleppnetzfischerei © Quentin Bates / WWF-Canon

Hamburg/Brüssel: Der Versuch Fische und Lebensräume der Tiefsee besser zu schützen, ist heute im EU-Parlament gescheitert. Die Abgeordneten stimmten gegen ein Verbot von Grundschleppnetzen ab 600 Metern Tiefe in EU-Gewässern und der Hohen See. „Es ist der blanke Hohn: Die zerstörerischste Fischereitechnik soll weiterhin in einem der empfindlichsten Lebensräume des Meeres eingesetzt werden“, kritisiert Stephan Lutter, Meeresschutzexperte beim WWF das heutige Votum. „Nachhaltige Fischerei muss unabhängig sein von der Wassertiefe.“

 

Jahrhundertealte Korallenriffe werden in wenigen Minuten zerschlagen und abrasiert, wenn auf der Jagd nach Rot- und Granatbarsch riesige Grundschleppnetze über einen Seeberg der Tiefsee gezogen werden. Damit wird auch der Lebensraum für bedrohte Tiefseehaie und hunderte wirbelloser Tierarten regelrecht planiert. Zudem sind Tiefseefische besonders anfällig für Überfischung, da sie langsam wachsen, sich erst im hohen Alter fortpflanzen und oft nur wenige Nachkommen produzieren. Unter den bisherigen EU- Regeln für Tiefseefischerei konnten sich die Bestände nicht vom stetigen Fischereidruck erholen. Nur in mühsamer Kleinarbeit wurden bestimmte Flächen per Verordnung für die Flotten der großen Bodentrawler gesperrt.

 

„Die Beifangraten in der Tiefseefischerei sind haarsträubend, bis zu 100 Arten werden neben der erwünschten mitgefangen, weil die riesigen Netze alles Leben verschlucken“, erläutert Stephan Lutter, Meeresschutzexperte ein weiteres Umweltproblem dieser Fischerei. „Ganze Artengemeinschaften werden viel stärker geschädigt, als durch eine zielgerichtete Fischerei.“

 

Die EU hat eine der größten Tiefsee-Flotten der Welt, sie fischt in europäischen Gewässern und der Hohen See. Die Bestände von Tiefseefischen im Nordostatlantik gehören weltweit zu den am stärksten befischten. Der Löwenanteil von 90 Prozent der Fänge geht auf das Konto von nur drei Nationen – Portugal, Spanien und Frankreich. Die zerstörerischen Grundschleppnetze zählen zu den verbreitetsten Fangmethoden der europäischen Tiefseeflotte. Ein Großteil der umweltschädigenden Fischereien wird auf den Kontinentalhängen und an Seebergen in Tiefen zwischen 200 und 1000 Metern  betrieben. Gerade hier finden sich ökologisch wertvolle Kaltwasserkorallenriffe und -gärten und andere empfindliche Lebensräume wie Formationen von Tiefseeschwämmen.

 

Auch wenn die Verordnung einige gute Regelungen vorschlägt und das Votum der EU-Parlamentarier mit 342 zu 326 Stimmen zum Verbot des Einsatzes von Grundschleppnetzen denkbar knapp war, hat heute die Vision einer umfassenden, nachhaltigen Fischereipolitik laut WWF eine herbe Niederlage erfahren. Die Entscheidung des Ministerrates zur Tiefseefischerei steht bislang noch aus. WWF Experte Stephan Lutter, Meeresschutzexperte sieht hier aber wenig Hoffnung für einen Kurswechsel. „Bisher haben sich die Fischereiminister nicht für den Schutz der Tiefsee stark gemacht.“

 

Auch der Gesetzgebungsprozess zur Reform der europäischen Fischereipolitik wurde heute durch die finale Zustimmung des Parlaments formell beendet. Wie wirksam diese für eine nachhaltige Fischerei sorgt, wird sich bei der jetzt anstehenden Umsetzung zeigen müssen.


Nachtrag: Bis 18. Dezember 2013 hatten 20 Mitglieder des Europaparlaments ihr Votum korrigiert, so dass nun eine Mehrheit von 343 zu 330 Stimmen für das Verbot von Bodenschleppnetzen und gegen den Vorschlag des Fischereiausschusses ist. Formal ändert sich dadurch zwar nichts am Abstimmungsergebnis des Plenums, aber es ist ein wichtiges politisches Signal für die Verhandlungen im Fischereiministerrat.

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