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Wir müssen zeigen, dass es möglich ist, dem Klimawandel mit Hilfe der sauberen Energien Herr zu werden.

Mojib Latif ist einer der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands. Im Rahmen des 2°Campus des WWF hatten wir Gelegenheit, mit ihm zu sprechen – über kalte Winter, warme Weihnachten und wie man den Klimawandel einem Sechsjährigen erklären kann.

Klimaforscher Mojib Latif © Dagmar Heene / WWF
Klimaforscher Mojib Latif © Dagmar Heene / WWF
© Dagmar Heene / WWF
Klimaforscher Mojib Latif © Dagmar Heene / WWF

WWF: Herr Latif, es ist nach Ostern – und es ist kalt, vielerorts ist gerade erst der Schnee geschmolzen. Zufall?

Herr Latif: Das ist eigentlich normal. Ich erinnere mich noch ganz gut, dass ich als Kind im Schnee  Ostereier gesucht habe. Wir haben nur vergessen, dass es so etwas wie Winter gibt – und alleine das zeigt schon, dass wir uns an die hohen Temperaturen gewöhnt haben. Aber der Winter kann eben immer wieder zuschlagen. Nicht umsonst stöhnen wir momentan alle über diese Eiseskälte.

Und wie erklären Sie sich umgekehrt die 20 Grad in Deutschland zur Weihnachtszeit?

Das liegt in der Natur der Sache. Die Atmosphäre ist ein chaotisches System und sie schlägt mal in die eine oder andere Richtung. Insofern dürfen wir einzelne Tage oder Monate, selbst einige Jahre, nicht zu ernst bewerten. Es muss immer die langfristige Entwicklung gesehen werden.

Sie engagieren sich nun schon sehr lange für das Klima. Was war der Auslöser dafür? Gab es einen bestimmten Moment?

Ich habe mich schon immer für Naturwissenschaften interessiert und schon als Schüler hat es mir Spaß gemacht, Dinge auszuarbeiten. Die Klimaforschung kam erst mit meiner Doktorarbeit. Dort habe ich dann Feuer gefangen – und gesehen, dass wir etwas tun müssen.

Das tun Sie jetzt seit 30 Jahren. Werden Sie nach einer so langen Zeit nicht ein wenig müde?

Nie. Ich habe da etwas Missionarisches in mir. Ich werde immer weitermachen, in der Hoffnung, dass es irgendwann funkt und die Politik die Zeichen der Zeit erkannt hat. Aber es geht nicht nur um Politik. Denn die macht letzten Endes nur, was die Menschen wollen. Deswegen müssen wir auch die Zivilgesellschaft ins Boot holen.

Die Zusammenhänge des Klimas sind sehr komplex. Wie erklären Sie einem sechsjährigen Kind den Klimawandel?

Unsere Lufthülle ist wie eine Decke, die uns wärmt. Das nennen wir den Treibhauseffekt. Wenn wir nun durch unsere Aktivitäten, wie zum Beispiel durch Verbrennen von Kohle, immer mehr Klimagase in die Atmosphäre entlassen, dann wird die Decke immer dicker. Somit wird es immer wärmer. Das hat weitreichende Konsequenzen, wie eben mehr Wetterextreme oder der Anstieg des Meeresspiegels.

Ist der Klimawandel noch aufzuhalten?

Er ist in gewissen Grenzen noch aufzuhalten.

Was bedeutet das konkret?

Wenn man Realist ist, wird sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um mindestens zwei Grad erwärmen. Alles was darüber hinausgeht, können wir noch vermeiden. Der Meeresspiegel wird vermutlich um einen halben Meter ansteigen oder, wenn es richtig schlimm kommt, sogar um einen Meter.

Klimaforscher Mojib Latif © Arnold Morascher / WWF
Klimaforscher Mojib Latif © Dagmar Heene / WWF
© Arnold Morascher / WWF; © Dagmar Heene / WWF
Klimaforscher Mojib Latif © Dagmar Heene / WWF

Diese zwei Grad Erwärmung ist sehr abstrakt. Was bedeutet das für uns Menschen konkret?

Zwei Grad Erderwärmung heißt, dass wir hier ein Klima hätten, dass wir seit vielen, vielen tausenden von Jahren nicht mehr gehabt haben. Im Klartext bedeutet es, dass viele Menschen ihre Heimat verlieren könnten, insbesondere die Menschen auf den tropischen Inseln im Pazifischen und Indischen Ozean. Denn dort reicht schon ein Meeresspiegelanstieg von einigen Dezimetern, um diese Inseln zu überfluten.

Auf welcher Basis können Sie solche langfristigen Klimaprognosen treffen?

Es gibt natürlich Messungen, anhand derer wir sehen, dass es deutlich wärmer geworden ist: Weltweit ungefähr 0,7 Grad seit hundert Jahren und in Deutschland schätzungsweise ein Grad. Auf der anderen Seite gibt es Klimamodelle, die wir mit Hilfe von gigantischen Computersystemen rechnen können, und so haben wir ein Abbild der Erde vor uns. Mit den Modellen können wir verschiedene Zukunftsszenarien durchgehen.

Und was genau bedeutet ein Grad für Deutschland?

Für Deutschland bedeutet das konkret, dass sich die Vegetationsperiode schon um zwei Wochen verlängert hat. Die kalten Winter sind immer seltener geworden, sie fangen im Schnitt später an und hören früher auf.

Warum sollte Deutschland sich für den Klimaschutz, wenn etwa China und die USA immer wieder die Klimaverhandlungen blockieren und weiter machen wie bisher? Sind wir nicht, weltweit gesehen, viel zu unbedeutend?

Wir müssen zeigen, dass es möglich ist, dem Klimawandel mit Hilfe der sauberen Energien Herr zu werden. Denn das Klimaproblem ist letzten Endes ein Energieproblem – und mit sauberer Energie können wir es auch lösen. Deutschland hat weltweit die besten Ingenieure und kann hier einen wichtigen Beitrag leisten. Und wenn wir es hinkriegen, dann werden alle anderen es auch nachmachen.

Sie haben beim 2°Campus des WWF Deutschland mit Jugendlichen gesprochen. Was haben Sie ihnen für die Zukunft mitgegeben?

Es ist wichtig, dass man den jungen Menschen zeigt: Es lohnt sich etwas zu tun. Und es ist genauso wichtig, den jungen Menschen gute Argumente an die Hand zu geben. Denn es tauchen immer wieder Scheinargumente gegen den vom Menschen verursachten Klimawandel auf, die ganz einfach zu entkräften sind. Es ist einfach leichter gegenüber den Blockierern zu argumentieren, wenn man tatsächlich etwas über die Dynamik des Klimas weiß.

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