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Stand: 18.07.2013

Bildung und Umweltschutz: Wie erziehen wir eine nachhaltige Generation?

Debora, Loic und Prisca sind drei junge Erwachsene, die sich überdurchschnittlich für die Umwelt engagieren. Zufall? Nein. Eine neue Studie zeigt, wie Kinder zu umweltbewussten Erwachsenen heranwachsen.

Seit fünf Jahren hilft Debora, Kinderlager des WWF zu leiten. © WWF
Seit fünf Jahren hilft Debora, Kinderlager des WWF zu leiten. © WWF

"Es ist wichtig, dass wir alle den Respekt vor der Natur wiedergewinnen", sagt Debora Aus der Au. Ernsthaftigkeit liegt in dem Gesicht 21-Jährigen, ihr rotgelocktes Haar hat sie mit einer Spange gebändigt. Dieser jungen Frau ist es ernst. "Die Natur ist mehr als nur ein Ort, an dem ich mich wohlfühle. Sie ist eine Welt, die unbedingt geschützt werden muss." 

 

Seit fünf Jahren hilft Debora, Kinderlager des WWF zu leiten. Sie verbringt einen Großteil des Sommers draußen in der Natur. "Ich will dazu beitragen, Kinder für die Umwelt zu sensibilisieren." Mit ihren Schützlingen übernachtet sie im Tipi oder in abgelegenen Hütten ohne Strom, kocht auf dem offenen Feuer, besorgt Trinkwasser in Bergbächen oder sammelt das Brennholz im Wald. "Wir leben im Rhythmus der Natur", sagt Debora. "In diesen Lagern merken wir, wie sehr wir Teil des Ganzen sind."

Was muss Umweltbildung leisten?

Debora hat eine gelungene Umweltbildung genossen, davon ist sie überzeugt. Was aber braucht es, damit Kinder zu umweltbewussten Erwachsenen werden?

 

Antworten darauf gibt eine aktuelle Studie, die der WWF bei den pädagogischen Hochschulen Graubünden und Thurgau in Auftrag gegeben hat. Ausschließliche Wissensvermittlung bringe demnach kaum etwas, lautet das Ergebnis. Elementar hingegen sei die emotionale Verbundenheit zur Natur. 

 

"Eine positive Natureinstellung beeinflusst unser Verhalten viel stärker als reines Wissen – also etwa Kenntnisse über den schädlichen Einfluss des CO2 auf die Atmosphäre", bestätigt Florian Kaiser, Professor für Sozial- und Persönlichkeitspsychologie an der Uni Magdeburg."Wenn es gelingt, die Natureinstellung zu fördern, nehmen Menschen Umweltschutz vermehrt als persönliches Ziel wahr und richten ihr Leben danach aus."

Frühe Liebesbeziehung mit der Natur

Nur was uns wichtig ist, wird als schützenswert empfunden. "Kinder, die bereits ihren Schulweg auf dem Rücksitz eines Autos zurücklegen, entwickeln kaum einen echten Naturbezug", sagt Katia Weibel, Leiterin der Abteilung Jugend beim WWF Schweiz. "Nur wer mit der Natur vertraut ist, fühlt sich ihr auch verbunden." Und je früher die Liebe entfacht würde, desto stärker ausgeprägt sei sie.  

 

Debora beispielsweise ist im tiroler Dorf Preonzo aufgewachsen. Sie ging mit der Familie oft auf Spaziergänge und Wanderungen und spielte mit ihren Freunden wenn immer möglich draußen – bis heute: "Die freie Natur gibt mir Kreativität und das Gefühl, dass ich atmen kann."

"Sorge tragen zur Natur und allem Leben"

Als Sechsjähriger trat Loïc den Pfadfindern bei. © WWF
Als Sechsjähriger trat Loïc den Pfadfindern bei. © WWF

Schon seit immer – so lange dauert auch die Liebesbeziehung zwischen Loïc Roth und der Natur. Als sechsjähriger Knirps trat er den Pfadfindern bei und blieb 20 Jahre aktiv. "Das Motto 'Sorge tragen zur Natur und allem Leben' habe ich verinnerlicht", sagt Loïc. "Es begleitet mich als Lebensprinzip."

 

Vor zwei Jahren gründete der Bieler mit fünf WG-Freunden den Verein FAIR für nachhaltige Freizeitveranstaltungen. Sie sorgen bei Events für Ökostrom, Abfalltrennung und klimagerechtes Essen – mit Gemüse vom Biobauern aus der Region. Ihr Vorzeigeprojekt ist ein komplett ökologisch funktionierender Bar- und Loungebetrieb, der im Frühling 2014 eröffnet werden soll.

 

Die Liebe zur Natur ist das eine. Sich aber auch tatsächlich und regelmäßig für sie einzusetzen, ist das andere. Warum also machen manche den Sprung zur aktiven Handlung, während es bei anderen bei der schwärmerischen Liebeserklärung bleibt?

 

Christina Colberg, Mitautorin der WWF-Studie, erklärt, dass grundsätzlich drei Phasen dafür verantwortlich sind: die Motivations-, die Intentions und die Handlungsumsetzungsphase. "Ohne Motivation gibt es keine Handlungsabsicht und dementsprechend auch keine Handlung", erklärt die Forscherin.

Umweltbildung: Vom Wissen zum Handeln

In der Motivationsphase kämen zur reinen Naturliebe zwei wesentliche weitere Punkte dazu: konkrete Naturerlebnisse und die Wissensaneignung über natürliche Zusammenhänge. Im Idealfall trügen verschiedene Bereiche dazu bei, Kinder zu ökologischen Handlungen zu motivieren: Neben den WWF-Lagern könnten dies die Schule, eine Jugendorganisation oder das familiäre Umfeld sein.

 

Aber auch Nachbarn oder Freunde spielten dabei eine Rolle. Sie alle können im gegenseitigen Wechselspiel helfen, die Liebe zur Natur sowie Naturerlebnisse und -wissen zu verstärken. Wenn einem Kind dämmert, dass den geliebten Eisbären die Eisschollen unter den Pfoten wegschmelzen, ist es motiviert, etwas dagegen zu unternehmen.

 

In diesem Fall folgt die Intentionsphase: Das Kind hat die Absicht, etwas zu unternehmen, und tut es auch, allerdings oft noch ungezielt. "Diese Phase kann und soll sich bis ins Erwachsenenalter hinziehen", sagt Katia Weibel vom WWF Schweiz. "Ob man auf Anhieb das richtige Engagement findet, ist nicht wesentlich." Egal also, ob Kinder und Jugendliche kurzzeitig zu Vegetariern werden, ihren Schulweg endlich zu Fuß zurücklegen oder ihr Taschengeld einer Umweltorganisation spenden – Hauptsache, sie tun etwas. Selbst wenn diese Handlungen nur von kurzer Dauer sind, sind sie ein wichtiger Schritt zu einem

späteren, umfassenderen Engagement.

Wenn Umweltschutz zum Lebensmittelpunkt wird

Prisca will etwas verändern. © WWF
Prisca will etwas verändern. © WWF

Bei Prisca Müller, 24, war das nicht anders. Solange die Sankt Gallerin zurückdenken kann, wollte sie etwas zu bewirken. "Ich hatte schon immer den Drang, aktiv zu sein." Aber erst als Teenager wurden Umwelt und Naturschutz zentrale Themen für sie. Sie war mehrere Jahre im Forum der Jugendsession tätig, wo sie mit Politikern eine Petition für Minergie-Häuser ausarbeitete. Außerdem organisierte sie Podiumsdiskussionen zu erneuerbarer Energie. Eine äußerst wertvolle Erfahrung: "Ich weiß heute, dass ich mit meinem Handeln etwas bewirken kann."

 

Schließlich folgt die dritte Phase, die der dauerhaften Handlungsumsetzung. Bei Prisca Müller wurde daraus gleich ein ganzer Beruf: Vor einem Jahr gründete sie mit der Umweltwissenschaftlerin Majka Baur das Startup weACT. Sie führen in Firmen Online-Teamwettbewerbe durch, welche die Mitarbeitenden für nachhaltigeres Handeln im Alltag motivieren sollen. "So können sich beispielsweise die Buchhaltungs- und die Logistikabteilung einer Firma darin messen, wer mehr Umweltpunkte sammelt", erklärt Prisca. "Dabei spielt es nicht so sehr eine Rolle, ob jemand mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt oder sich klimafreundlich ernährt – solange er überhaupt etwas tut."

Vorbilder sind gefragt

"Es ist nicht unser Ziel, dass sich alle unseren jungen Mitglieder später beruflich mit Umweltschutz beschäftigen", meint Katia Weibel. "Aber wenn wir dazu beitragen, dass Kinder verantwortungsvolle und ökologisch handelnde Erwachsene werden, haben wir sehr viel erreicht." Dafür braucht es neben Liebe, Wissen und Erlebnissen aber noch einen weiteren, wichtigen Pfeiler: Vorbilder.

 

"Im Idealfall handelt es sich dabei um Eltern oder andere nahe Bezugspersonen", sagt Co-Studienautorin Christina Colberg. Hauptsache sei, dass Kinder mit ihren ökologischen Interessen keine exotischen Außenseiter wären.

 

Deboras Vorbilder waren ihre Eltern: naturliebend und seit Jahrzehnten beim WWF. Loïc stammt aus einem Zuhause, wo Abfalltrennung und ein eigener Kompost selbstverständlich sind. Und bei Prisca war es der Großvater, der sie nachhaltig prägte: "Er war ein totaler Vogel-Fan und erklärte mir immer alles über die Tiere, wenn wir im Waldspazieren gingen." 

 

 

Der Originaltext "Generation Zukunft", verfasst von Claudia Langenegger, erschien im WWF MAGAZIN 2/13 (CH). 

 

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