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Europas großes Naturerbe

Die Alpen sind ein Labyrinth von bis zu 4.800 Meter hohen Bergketten und tiefen Tälern mit ganz verschiedenen Klimaten. Die steilen Hänge machen es möglich: Während es im Tal noch genauso warm wie in München sein kann, ist es ab etwa 1.000 Meter Höhe schon so kühl wie in Nordeuropa.

© Daniel Goliasch / WWF
© Daniel Goliasch / WWF

Mehrere Klimazonen auf engstem Raum bedeuten viele Lebensräume. Deshalb leben in den Alpen rund 30.000 Tier- und etwa 13.000 Pflanzenarten. Sie sind meist auf bestimmte Höhenzonen und manchmal sogar auf nur wenige Täler spezialisiert und sehr anfällig für Störungen.

 

Die Alpen speichern in ihren Gletschern Milliarden Kubikmeter Süßwasser, deren Abflüsse die Wasserversorgung des Alpenvorlandes sichern. Darüber hinaus nutzt der Mensch die Alpen noch in vielfältiger Weise: Ihre Wasserkraft dient der Stromgewinnung, Täler und Hänge sind Flächen für die Land- und Forstwirtschaft und das gesamte Gebirge ist ein attraktives Urlaubsziel. Für Touristen, aber auch für den wachsenden Transitverkehr werden außerdem immer mehr Straßen durch und über die Alpen gebaut. Der ehemals große, zusammenhängende Naturraum wird in immer kleinere Landschaftshäppchen zerstückelt. Große Tierarten wie Braunbär, Wolf oder Luchs wurden gejagt und in den Alpen bereits vor geraumer Zeit weitgehend ausgerottet.

 

Zudem wurden früher zahlreiche Gewässer begradigt. Die Folgen – wie die Gefahr von Überschwemmungen – beschäftigen viele Menschen noch heute. Derzeit werden immer mehr Gewässer zur Herstellung von Strom genutzt – was auch nicht ohne Auswirkung auf das Ökosystem bleibt.

 

Hinzu kommt auf der Liste der Gefahren für den Lebensraum Alpen der Klimawandel, der die Gletscher immer weiter schmelzen lässt und verstärkt zu Bergstürzen und Lawinenabgängen führt.

 

Daher gibt es in den Alpen eine Menge für den Naturschutz zu tun. Der WWF Deutschland will mit seiner Projektarbeit in den Alpen aktuell zwei konkrete Ziele erreichen: Großen Beutegreifern die Rückkehr in ihre alten Lebensräume ermöglichen und die Ammer als Wildfluss zu bewahren.

 

Durch den Schutz von Wildflüssen und den verstärkten Einsatz für die Rückkehr der Beutegreifer unternimmt der WWF Deutschland zwei wichtige Schritte in Richtung Schutz, Erhaltung und Wiederherstellung der reichen Lebensraum- und Artenvielfalt in den Alpen. Der WWF setzt sich in den Alpen ferner dafür ein, dass

  • Strom aus Wasserkraft gewonnen wird, ohne der Natur zu schaden,
  • ökologische Landwirtschaft gefördert wird, um die Artenvielfalt in den Alpen zu bewahren,
  • die Erderwärmung gebremst wird, damit die Gletscher nicht weiter abschmelzen und
  • mehr Touristen naturfreundlich Urlaub machen, ohne die Landschaft mit Lärm und Schmutz aus dem Straßenverkehr zu belasten oder Tiere zu verdrängen.

Die wilde Ammer schützen

Die rund 80 Kilometer lange Ammer ist ein kleiner, aber feiner Wildfluss auf deutscher Seite der Ostalpen. Sie besitzt vor allem im Oberlauf enorm viel Kraft. Davon zeugt die etwa 30 Kilometer lange und bis zu 80 Meter tiefe Schlucht von Altenau bis Peißenberg mit dem berühmten Felsdurchbruch Scheibum.

 

Auf ihrem Weg bergab hat die Ammer wie andere Wildflüsse der Alpen vielfältige Lebensräume geschaffen, in denen viele Tier- und Pflanzenarten zuhause sind. In der Ammerschlucht leben zum Beispiel fast alle Spechtarten Deutschlands. Denn dort gibt es noch intakten Bergwald mit vielen alten Bäumen und genügend insektenreichem Totholz. In den Felswänden der Schlucht nistet der Uhu und entlang der Ammer ist der Flussuferläufer unterwegs. Er brütet auf den Kiesbänken – nicht ohne Risiko, denn der dynamische Fluss formt sein Bett in unregelmäßigen Abständen immer wieder neu.

 

Auf den blanken Kiesflächen leben außerdem seltene Insektenarten wie die Gefleckte Schnarrschrecke und der Kiesbankgrashüpfer. In der Ammer schwimmen 30 Fischarten, darunter Bachforelle, Äsche, Koppe (auch Groppe genannt) und der Huchen.

 

Leider ist die Ammer nicht mehr auf ihrer gesamten Länge so natürlich und unberührt. Es gibt im Flussverlauf eine Reihe von Wehren, die wie eine Mauer im Wasser stehen. Bei Hochwasser können Fische schon einmal über die Wehre flussabwärts gespült werden. Der Wanderweg zurück bleibt ihnen jedoch versperrt. Somit reduziert sich oberhalb eines Wehres die Anzahl der Arten. An einem dieser Wehre wird außerdem Wasser aus der Ammer geleitet, was den Pegelstand des Flusses auf ein für Tiere und Pflanzen der Ammer bedrohliches Maß sinken lässt.

 

Auch die Flussauen der Ammer wurden verbaut – durch Wohn- und Gewerbegebiete. Oder sie werden heute forst- oder landwirtschaftlich genutzt. Dazu wurden diese Flussabschnitte begradigt und das umgebende Land durch Deiche vor Hochwasser geschützt. Das geht zu Lasten der Natur. Jene Arten, die eine natürliche Dynamik zum Überleben brauchen, sind heute stark gefährdet. Dazu gehört die Deutsche Tamariske, die sich auf den immer wieder neu bildenden Kiesbänken ansiedelt. Dort verankert dieser Pionierstrauch seine Pfahlwurzeln fest im Untergrund und übersteht so Überschwemmungen und Umschichtungen der Sedimente. An der Ammer ist diese Zeigerart für intakte Wildflüsse seit mehreren Jahrzehnten so dramatisch zurückgegangen, dass heute nur noch drei Standorte mit überalterten Pflanzen bekannt sind.

 

Auch Freizeitsportler und Touristen an der Ammer können Probleme verursachen. Der Flussuferläufer zum Beispiel reagiert sehr empfindlich, wenn auf der Kiesbank, auf der er brütet, Kajakfahrer anlanden oder Wanderer ein Picknick machen.

 

Bereits 1999 wurde die Ammer-Allianz gegründet. Zu dieser haben sich Naturschutzverbände und -vereine, die Wasserwirtschafts- und Forstverwaltung, Fischereivereine, die Jägerschaft, der Kanuverband und seit 2009 auch der WWF Deutschland zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie den Fluss auf weiter Strecke schützen und gezielt renaturieren. Dazu gehört zum Beispiel der Umbau oder Rückbau der Wehre, damit Fische wieder flussaufwärts wandern können. Außerdem die Rückverlegung von Deichen, um natürliche Überschwemmungsflächen wiederherzustellen und Altarme wieder an den Fluss anzubinden. So könnte die Ammer aus ihrem Korsett befreit werden und sich wieder weitgehend zu einem Wildfluss entwickeln. Voraussichtlich im Frühjahr 2011 soll ein erster Fahrplan für die konkrete Umsetzung einer Gewässerentwicklung erstellt werden. Dazu müssen vor allem strategisch wichtige Grundstücke entlang der Ammer gekauft werden. Allein dafür werden die Gesamtkosten derzeit auf rund 23 Millionen Euro beziffert.

 

Das Vorhaben bedarf auch der Unterstützung der Anwohner. Sie müssen überzeugt werden, dass eine Renaturierung – etwa eine Deichrückverlegung – der gesamten Region zu Gute kommt. Und sie müssen Verständnis für störungsempfindliche Wildtiere aufbringen und einige Abschnitte der Ammer meiden, zumindest zu bestimmten Jahreszeiten. Der WWF Deutschland hat dazu bereits Informationstafeln entwickeln und in der Ammerschlucht aufstellen lassen.

 

Schließlich sind auch klassische Artenschutzprogramme, wie die Wiederansiedlung der Deutschen Tamariske, wichtige Bausteine für das gesamte Wildfluss-Projekt. Diese sollen künftig vom WWF gemeinsam mit Partnern durchgeführt werden.

 

Darüber hinaus könnte das Ammer-Projekt schon bald zu einem Modellfall für die Alpen werden. Der WWF untersucht derzeit eine Reihe weiterer nordalpiner Flüsse, ob auch diese geschützt und renaturiert werden können.     


Claire Tranter, Volker Homes WWF

 

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