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Die Plünderung der Meere stoppen

Die Fischerei in Europa muss nachhaltig werden

© WWF

Unsere Meere sind überfischt. Doch Politik und Fischerei-Industrie tun bislang nicht genug dagegen. Deshalb fordert der WWF endlich die Trendwende zu einem nachhaltigen Management unserer marinen Nahrungsreserven  – vor allem in der Europäischen Union.

 

Seit Menschengedenken steht Fisch ganz oben auf unserer Speisekarte. Zum Glück „wachsen“ Fische nach und können eine dauerhafte Nahrungsquelle sein – solange man nicht mehr fischt, als der Bestand verträgt. 

 

Genau das passiert jedoch – schon seit Jahrzehnten. Gerade wir Europäer plündern die Meere sehr gründlich – zuerst den Nordostatlantik, inzwischen auch die Fischgründe vor Westafrika.

 

Heute sind weltweit mehr als ein Viertel aller Fischbestände (28 Prozent) überfischt – darunter Roter Tunfisch im Mittelmeer, Kabeljau in der Nordsee oder Rotbarsch im Nordatlantik. Weitere 53 Prozent der Bestände werden maximal genutzt, eine Steigerung ist nicht mehr möglich.


Die Fischerei läuft aus dem Ruder

Unter dieser Überfischung leidet das Ökosystem Meer – aber auch die Menschheit, der in Zukunft eine wichtige Nahrungsquelle fehlen dürfte. „Rund um den Globus läuft ein Großteil der Fischerei aus dem Ruder“, sagt Heike Vesper, Leiterin Meeresschutz beim WWF Deutschland. „Weiter machen wie bisher ist definitiv keine Option.“ Nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch, weil es unwirtschaftlich ist: Schätzungen zufolge belaufen sich die Verluste durch Überfischung und schlechtes Management weltweit mittlerweile auf etwa 40 Milliarden Euro im Jahr.

 

Europa ist heute in Sachen Überfischung Weltmeister. Im Nordostatlantik gelten mittlerweile sogar fast zwei Drittel (63 Prozent) der kommerziell genutzten Fischbestände als überfischt. Das bedeutet: In 30 Jahren gemeinsamer europäischer Fischereipolitik hat sich die Lage in Europa weder für die Fische, noch für die von der Fischerei lebenden Menschen verbessert. Seit Jahren sinkt die Zahl der Arbeitsplätze, in Deutschland sind es heute noch 40.000, in ganz Europa 270.000.

 

Die Fischerei scheint kein Job mit Zukunft mehr zu sein. Immer weniger Menschen arbeiten in der Fischindustrie, Einerseits gehen die Fangflotten mit immer effektiverer Technik zu Werke. Andererseits wird mit immer größerem technischem Aufwand immer weniger gefischt. Entsprechend sind die in europäischen Häfen registrierten Fischfänge zwischen 1998 bis 2008 um rund ein Drittel zurückgegangen.

 

Die Zahlen indes sind noch immer gewaltig: Weltweit werden jährlich 90 Millionen Tonnen Fisch gefangen, rund ein Zehntel davon für den europäischen Markt. Fünf Millionen Tonnen fängt die Europäische Union selbst, davon eine Million außerhalb ihrer Gewässer. Zusätzlich werden weitere 3,9 Millionen Tonnen von der EU importiert. Hinzu kommt der Anteil an Zuchtfisch, der in Europa weitere rund 1,3 Millionen Tonnen Fisch pro Jahr ausmacht. 

 

Deutschland fängt nur noch zwölf Prozent des hier verzehrten Fisches selbst. Der Rest wird importiert, um den wachsenden Bedarf zu decken, der hierzulande bei derzeit 15,7 Kilogramm pro Kopf und Jahr liegt. Die beliebtesten Speisefische der Deutschen sind Alaska-Seelachs (23,3 Prozent Marktanteil), Hering (20 Prozent), Lachs (12,8 Prozent), Tunfisch (10 Prozent) und Pangasius (5,6 Prozent). Diese fünf Arten stellen damit fast Dreiviertel des hier verzehrten Fischs.

Fangquoten und Beifang

Der gesamte weltweite Fang im Jahr 2008 hatte einen Wert von 93,3 Milliarden US-Dollar. Fisch ist damit auch ein äußerst wichtiges Wirtschaftsgut. Verständlich, dass bereits 1983 die Gründungsmitglieder der EU eine eigene, so genannte „Gemeinsame Fischereipolitik“ (GFP) formulierten, um die wertvolle Ressource Fisch zentral und in Einigkeit mit allen Mitgliedsländern zu verwalten.
Seither gibt es Fangquoten, die von den Fischereiministern der EU-Staaten jährlich neu verhandelt werden. Ursprünglich sollten die Quoten das Angebot und die Preise stabil halten – die schrumpfenden Bestände spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle.


Der Haken an den Quoten: Deren Einhaltung wird erst bei der Anlandung geprüft. Da fehlt aber bei den meisten Fängen der so genannte Beifang. Die Mehrzahl der Fanggeräte sammelt nämlich viel mehr Arten ein als beabsichtigt. Diese unerwünschten Fische und andere Meerestiere werden nach dem Fang zumeist tot wieder über Bord geworfen. Eine enorme Verschwendung: Es gibt Fischereien mit einer Rückwurfrate von 60 Prozent und mehr. Allein in der Nordsee kommt es so zu jährlichen Beifängen von fast einer Million Tonnen Fisch und anderen Meerestieren. Das entspricht einem Drittel der gesamten dortigen Fangmenge.


Die Gemeinsame Fischereipolitik ist gescheitert

Schon vor Jahren stellte der WWF fest, dass die europäische Fischereipolitik ihr wichtigstes Ziel verfehlt, nämlich das langfristige Überleben der befischten Bestände zu sichern und die Fischerei nachhaltig auszurichten. Im Sommer 2011 konstatierte selbst die zuständige EU-Kommissarin Maria Damanaki: „Die Gemeinsame Fischereipolitik ist gescheitert!“


Immerhin hatte die EU-Kommission bereits im April 2009 die Debatte um eine neue Fischereipolitik mit der Frage gestartet: „Was braucht Europas Fischereipolitik, um wirklich zu funktionieren?“ Sie wurde von Antworten aus allen Kreisen der Gesellschaft – auch vom WWF – regelrecht überschüttet. Aus all den Eingaben destillierten die EU-Fachleute ihren Entwurf für das neue Fischereigesetz und stellten ihn am 13. Juli vergangenen Jahres der Öffentlichkeit vor.


Der Vorschlag enthält wichtige Schritte, bleibt aber in weiten Teilen zu zaghaft. Zwar legt das Papier erstmals fest, Fischbestände nur so stark zu nutzen, dass ihr Überleben auf lange Sicht nicht gefährdet wird. Der WWF bemängelt jedoch, dass der Entwurf weder Zeitvorgaben macht, noch Verantwortlichkeiten und Umsetzungsrahmen bestimmt. Dem Kommissionspapier fehlt nach Ansicht der Umweltstiftung auch eine klare Vision zum Abbau der Überkapazität. Die europäische Fischfangflotte ist zwei bis drei Mal größer, als für eine nachhaltige Fischerei verträglich wäre. Und der Vorschlag, die kommerzielle Verwertung des Beifangs zu erlauben, würde nach WWF-Ansicht keinen Anreiz bieten, künftig zielgenau zu fischen und unerwünschte Arten zu vermeiden.


Vorschläge für eine nachhaltige Fischerei

Inzwischen befasst sich das Europäische Parlament mit dem Entwurf. Zum ersten Mal in der EU sind auch die Parlamentarier an der Neugestaltung eines so umfangreichen Gesetzes beteiligt. Aber vor Mitte 2013 werden die neuen Gesetze nicht in Kraft treten. Zu umfangreiche sind die Abstimmungsprozesse, die allein das Parlament fast ein ganzes Jahr beanspruchen werden.
Der WWF fordert alle Parlamentarier sowie die Mitgliedstaaten auf, diesen in Teilen laschen Entwurf der EU-Kommission zu stärken – und hat eigene Vorschläge für eine Fischereireform gemacht. Demnach muss eine zukunftsfähige, europäische Fischerei aus WWF-Sicht folgende Kriterien erfüllen:


•    Beendigung der Überfischung, indem nach besten wissenschaftlichen Erkenntnissen nur so viel gefischt wird, wie nachwächst.
•    Vermeidung von Rückwürfen schon beim Fang durch bessere Techniken und genauere Planung, was, wann und wo gefischt wird.
•    Wirkungsvolle Maßnahmen zum Abbau der Flottenkapazität, um den Druck auf die Fischbestände zu senken und gleichzeitig die geringer werdende Zahl der Arbeitsplätze in der Fischerei langfristig zu sichern.
•    Langfristige Managementpläne, die  zusammen mit Vertretern aus Fischerei, Umweltschutz, Wissenschaft und Politik für jede Fischerei in der EU erstellt werden.
•    Für jeden dieser Pläne sollen Kapazitätsanalysen erstellt und wirkungsvolle Maßnahmen zur Vermeidung der Rückwürfe vereinbart werden.
•    Grundsätzlich sollen die Fischereiregeln nicht nur innerhalb der EU gelten, sondern auch für alle Fangschiffe, die unter EU-Flagge außerhalb europäischer Gewässer arbeiten.


Europaweite Kampagne des WWF

Damit der Reformprozess aus Sicht des Umweltschutzes erfolgreich wird, hat der WWF eine europaweite Kampagne gestartet. Kern der Arbeit wird die Beratung der politischen Entscheider in Deutschland und Brüssel sein. Mit Veranstaltungen für die Fraktionsvertreter, in Einzelgesprächen sowie durch Studien und durch Vorträge wie etwa auf dem ersten CDU/CSU-Kongress zum Meeresschutz im Oktober 2011 stellt die Umweltstiftung die Folgen der bisherigen Fischereipolitik dar und zeigen umweltverträgliche Lösungen auf.
Weiterhin arbeitet der WWF direkt mit Fischereien und Unternehmen zusammen. In Pilotprojekten wie auf der Ostsee werden zum Beispiel bestmögliche Lösungen zur Vermeidung von Beifang ganz praktisch erprobt.

 

Außerdem konnte der WWF mit großem Erfolg Unternehmen für eine umweltschonende Fischerei gewinnen: Mittlerweile sind bereits mehr als 20 Prozent des in Deutschland erhältlichen Wildfisches nach den Regeln des Marine Stewardship Council (MSC) als garantiert nachhaltig zertifiziert. Die Umweltstiftung will nun weitere Firmen überzeugen, für eine nachhaltige Fischerei einzutreten – und mit Unternehmen gemeinsam einen Aufruf für mehr Nachhaltigkeit an die europäische Politik starten.


Mehr Nachhaltigkeit im Einkaufswagen

In Deutschland sind die Verbraucher eine der wichtigsten Zielgruppen der WWF-Arbeit. Sie können den Politikern zeigen, wie wichtig ihnen die nachhaltige Gewinnung von Fisch und anderen Meeresfrüchten ist. Mit ihrer Kaufentscheidung setzen sie bereits jetzt ein Zeichen für mehr Nachhaltigkeit im Einkaufswagen. Das zeigt eine im Frühjahr 2011 vom WWF in 14 europäischen Mitgliedstaaten durchgeführte repräsentative Umfrage: 88 Prozent aller Befragten gaben an, es sei ihnen wichtig, dass die vermarkteten Fischprodukte in Europa aus nicht überfischten Beständen stammen. Für den WWF sind die Umfrageergebnisse ein klares Signal an die Europäische Union, bei der anstehenden Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik endlich ambitionierte Maßnahmen umzusetzen. „Unser Ziel ist es“, sagt WWF-Meeresexpertin Heike Vesper, „dass Verbraucherinnen und Verbraucher möglichst bald beim Einkauf nur noch nachhaltige Fischprodukte vorfinden und dass Produkte aus bedrohten Fischarten oder umweltschädlichem Fischfang ganz aus den Regalen verschwinden werden.“

 

Damit es endlich dazu kommt, ist ein deutlicher Kurswechsel im europäischen Fischerei-Management nötig. Vor allem: Kein alljährliches Quotengeschacher mehr auf der politischen Bühne, stattdessen Mehrjahrespläne für jede Fischerei in Europa.

 

„Wir stehen an einem Wendepunkt“, sagt Heike Vesper. „Unser Weg muss vom Raubbau zum Wiederaufbau führen – zu einer verantwortungsvollen, Ressourcen schonenden Fischerei. Genau das machen wir mit unserer Arbeit allen politischen Entscheidern klar. Damit unsere Fischbestände für nachkommende Generationen erhalten bleiben, muss Europa jetzt die Verschwendung in der Fischerei beenden.“


Karoline Schacht und Michaela Flint, WWF, aus WWF Magazin 1/2012

 

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