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Staudamm am Amazonas

„Die Wirklichkeit ist widersprüchlich“

Carl von Siemens © Juliana Spinola / WWF

WWF: Herr von Siemens, Sie sind zum Belo Monte-Staudamm ins Amazonasgebiet gefahren, was haben Sie dort erwartet - und was tatsächlich vorgefunden?

 

Carl von Siemens: Durch eine Reportage wollte ich einen Anstoß dazu geben, den desaströsen Folgen dieses Projektes in die Augen sehen. Ich hatte erwartet, mich ausschließlich mit Belo Monte zu beschäftigen. Aber es geht um viel mehr. Überall im Amazonasgebiet sind neue Dämme in Bau oder in Planung. Was in Belo Monte geschieht, ist eine Fallstudie für die gesamte Region. 

 

Was hat Sie besonders beeindruckt/bewegt?

 

Der Mut der Menschen, die sich in zivilgesellschaftlichen Bewegungen engagieren und dabei persönliche Risiken auf sich nehmen. Und die Dimensionen der Flusslandschaften, vor allem das Delta des Tapajós – ein weitgehend unberührter Strom, der nun von einer Serie neuer Staudämme bedroht wird.

 

Was hat sich durch die Reise persönlich für Sie verändert?

 

Ich habe die Frustration von Männern und Frauen erlebt, die sich mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen Staudammprojekte zu wehren versuchen, von denen sie buchstäblich überrollt werden. Es ist eine Sache, von diesen Menschen zu lesen. Es ist eine andere, mit ihnen zu reisen. Auf dem Tapajós saßen wir alle in einem Boot.

 

Welche Konsequenzen haben Sie nach Ihrer Reise gezogen?

 

Ich bin politischer geworden. Doch die lateinamerikanische Wirklichkeit ist widersprüchlich und komplex. Umso verführerischer ist es, das Leben aus einer literarischen Perspektive zu betrachten - als eine Komödie – oder Tragödie - menschlichen Irrtums.

 

Hätte der Damm nach Ihrer Einschätzung auch mit deutlich weniger Vertreibung und Naturzerstörung gebaut werden können?

 

Nein. Der Damm ist bereits jetzt schon eine wesentlich abgespeckte Version früherer Planspiele, deren Finanzierung von der Weltbank zu Recht abgelehnt worden ist.

 

Wie könnte man Ihrer Ansicht nach verhindern, dass viele weitere geplante Dammprojekte genauso desaströse Folgen haben?

 

Die Verantwortlichen sollten den Empfehlungen der „Weltkommission für Staudämme“ folgen. Auch muss ein Weg gefunden werden, Verantwortung für die Umweltschäden zuzuweisen. Für diese Kosten zahlt im Augenblick niemand. Es gibt Mikroprojekte, auf denen für Wiederaufforstungen bis zu 10.000 Euro pro Hektar ausgegeben werden. Am Tapajós könnten bis zu eine Million Hektar Primärwald durch die neuen Staudämme verloren gehen. Das veranschaulicht die Dimensionen des Raubbaus, der betrieben wird.

 

Sie sind langjähriger WWF-Förderer. Warum?

 

In seiner Enzyklika „Laudato Si’“ hat Papst Franziskus zu Recht darauf hingewiesen, dass der Norden durch den exzessiven Verbrauch von Ressourcen ökologische Schulden gegenüber dem Süden aufgebaut hat. Die Unterstützung von dortigen Projekten ist eine Geste, diese Schulden zu korrigieren. Doch sie ist leider eher symbolischer Natur, ich mache mir dabei wenige Illusionen.

 

Warum ist es wichtig, dass der WWF sich in Brasilien engagiert?

 

Eine große Organisation wie der WWF hat besondere Hebel, breite Bevölkerungsschichten und die Regierung zu erreichen. Ich hoffe, dass sie an der richtigen Stelle eingesetzt werden. 

Carl von Siemens ist Schriftsteller und Journalist. Er arbeitet nicht für den gleichnamigen Konzern, der von einem seiner Vorfahren gegründet worden ist.. Reportagen und Essays erschienen u.a. in  »Lettre International«, im MAGAZIN des Züricher Tagesanzeigers und dem Feuilleton der WELT. Sein Roman „Kleine Herren. Ein Deutscher in Oxford“ wurde von den Fischerverlagen veröffentlicht.

Das macht der WWF am Amazonas

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