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Chinesische Plage

06. Februar 2008

Im Jahr der Ratte könnte China vor einer weiteren Ausbreitung des Nagers stehen

 

Wenn morgen das chinesische Jahr der Ratte eingeläutet wird, hoffen 1,3 Milliarden Chinesen darauf, dass die Prognose ihres Bauernkalenders „Nóngli“ eintrifft: Rattenjahre sind demnach ökonomisch stabil und erlauben es, aus allem einen Nutzen zu ziehen. Rattengeborenen wie Mozart, Prinz Charles oder Nena wird nachgesagt, sie seien intelligent, kreativ und ehrgeizig. Doch während sich die Chinesen im Olympia-Jahr auf Erfolg einstimmen, haben sich manche Rattenarten in der Volksrepublik zu einem echten Problem entwickelt. Ihre Zahl ist vor allem in der Mitte und im Osten des Landes sprunghaft gestiegen. Der WWF schließt für 2008 ähnliche Plagen wie vergangenen Sommer in den Provinzen Hunan, Anhui und Henan nicht aus. Damals waren nach tagelangem Dauerregen zwei Milliarden Ratten aus ihren überschwemmten Löchern geflohen und hatten Feldfrüchte auf über 1,6 Millionen Hektar vertilgt.

 

Die Gründe für die rasche Rattenverbreitung sind unterschiedlich. Für den letztjährigen „Baby-Boom“ in der West-Provinz Xinjiang beispielsweise machen Wissenschaftler den Klimawandel verantwortlich. Nach einem milden Winter war dort bereits im April Ratten-Nachwuchs geboren worden – einen Monat früher als sonst. Neben Wetterkapriolen spielt aber auch der starke Ausbau der Verkehrswege eine Rolle. Die moderne Wanderratte reist heute in Bussen und Bahnen bis nach Tibet und Qinghai.

 

Während dies noch für Heiterkeit sorgt, hören die Chinesen weniger gern, dass auch ihre Vorliebe für bestimmte Tiere in Nahrung und Medizin den Ratten Oberwasser gibt. Vor allem Schlangen und Eulen, beides natürliche Feinde der Ratte, finden wie etwa 750 andere Tierarten in der traditionellen asiatischen Medizin Verwendung. „Es ist eine einfache Rechnung: Eine Schlange kann im Laufe eines Jahres 400 Ratten fressen, eine Eule 1.500. Jedes Tier weniger bedeutet also unzählige Ratten mehr“, sagt Honnef.

 

Wie viele Tiere genau jedes Jahr für die Traditions-Medizin und in Küchen sterben, ist Spekulation. Der WWF geht allerdings davon aus, dass es immer mehr werden, weil längst nicht mehr für den Eigenbedarf gejagt wird. „Speziell aus der Provinz Hunan werden Schlangen und Eulen lukrativ innerhalb Chinas verkauft, was zu einer massiven Abnahme ihrer Bestände geführt hat“, so die WWF-Expertin Susanne Honnef. Ihr Fehlen mache sich nun deutlich bemerkbar.  

 

Allerdings geht es in China auch den Ratten bisweilen an den Kragen. So gilt in Südchina das „Drei-Schreie-Gericht“ als ausgesprochene Delikatesse. Es besteht aus lebenden Babyratten, die dreimal schreien – wenn man sie mit den Stäbchen fasst, in Soße tunkt und schließlich, wenn man ihnen den Kopf abbeißt. Zwar ist der Verzehr von Ratten und Mäusen seit dem Ausbruch der Lungenkrankheit SARS 2003 verboten, doch soll es weiterhin Küchen geben, die diese Speise anbieten.

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