Biologische Vielfalt
Das Netzwerk des Lebens

- © WWF
Ob Eisbären in der Arktis oder Anglerfische in der Tiefsee: Im Lauf der Erdgeschichte besiedelten Tiere und Pflanzen selbst die unwirtlichsten Regionen unseres Planeten. Durch perfekte Anpassung an ihre Lebensräume entstand bis heute eine immer größere Vielfalt an Arten – und damit ein Netzwerk des Lebens, dessen Ausmaß einer gigantischen Bibliothek gleichkommt.
Der kleinste „Zugang“ ist gerade einmal 400 Millionstel Millimeter groß: Das vor kurzem entdeckte Bakterium Nanoarchaeum equitans („der reitende Urzwerg“) lebt an 100 Grad Celsius heißen Schwefelquellen im Meer vor der Küste Islands. Neben diesem Winzling gibt es auch Riesen unter den Arten wie den Blauwal: Mit mehr als 30 Meter Länge und bis zu 200 Tonnen Gewicht ist er vermutlich das größte Tier aller Zeiten. Das größte Lebewesen allerdings ist ein Pilz: Ein amerikanisches Exemplar des dunklen Hallimasch Armillaria ostoyae dehnt sich über 880 Hektar aus und wiegt schätzungsweise 600 Tonnen. Zwischen diesen Extremen erstreckt sich eine gewaltige Bandbreite verschiedenster Lebewesen auf unserem Planeten. Und biologische Vielfalt ist noch weit mehr: Auch der Reichtum an Genen und Lebensräumen gehört dazu.
Wie viele Arten gibt es?
Die Fülle unterschiedlicher Lebensbedingungen – von der Tiefsee bis zum Hochgebirge, vom Boden bis zur Luft, von der Wüste bis zum Regenwald – bietet einer unüberschaubaren Zahl von Tieren und Pflanzen unzählige ökologische Nischen, in denen sie sich eigenständig neben anderen Arten entwickeln können. Zu welchen Ausmaßen das führen kann, entdeckten Wissenschaftler 1982 im Regenwald Panamas: Im Blätterdach eines einzigen Baumes fanden sie mehr als 1.200 verschiedene Arten von Käfern. 163 davon hatten sich ausschließlich auf diese Baumart spezialisiert!
Es war vor allem diese Entdeckung, die Biologen in aller Welt elektrisierte und die geschätzte Summe aller existierenden Arten gewaltig in die Höhe trieb: Nicht rund 1,8 Millionen, wie bislang beschrieben, sondern vermutlich eher zehn oder sogar 100 Millionen Tier- und Pflanzenarten bevölkern unseren Planeten. Die Inventur des Lebens hat also erst begonnen.
Diese biologische Vielfalt ist nicht gleichmäßig auf der Erde verteilt. Etwa drei Viertel aller Tier- und Pflanzenarten der Erde leben in den tropischen Wäldern entlang des Äquators, obwohl sie nur rund sieben Prozent der Landoberfläche bedecken. Auf einem einzigen Hektar Wald in Amazonien stehen bis zu 400 Baumarten – rund zehnmal mehr als in ganz Mitteleuropa. In nur drei Ländern – Brasilien, Indonesien und Madagaskar – durchstreifen mehr als die Hälfte aller Säugetierarten auf der Welt den Dschungel. Allein auf der Insel Borneo wurden bereits 15.000 höhere Pflanzen, 622 Vogelarten, 221 Säugetiere sowie 400 Reptilien- und Amphibienarten entdeckt. Und es kommen noch immer welche dazu: Allein zwischen 1994 und 2004 wurden dort 361 neue Arten beschrieben.
Auch das Artenspektrum in gemäßigten Breiten ist keineswegs kümmerlich: Allein in Deutschland gibt es mehr als 3.000 verschiedene Blütenpflanzen, 314 Vogelarten und 91 Säugetierspezies, die sich auf beachtliche 700 Lebensraumtypen verteilen.
weiter zu Teil 2 des Artikels >>
WWF Magazin April 2008
Titelthema
Das Übereinkommen über biologische Vielfalt >>
Interview mit dem Autor Jörg Roos (Audio) >>
Biodiversität kinderleicht erklärt >>
Weitere Themen im Heft
TV-Moderator Dirk Steffens berichtet aus Dzanga-Sangha >>
Suchhunde gegen Artenschmuggel >>
Verbrauchertipp: Was steckt hinter dem Biosiegel >>

