Hallo King Kong!

TV-Moderator Dirk Steffens („Tierzeit“) über seine Begegnung mit den Gorillas von Dzanga-Sangha

Dirk Steffens. © WWF
Dirk Steffens. © WWF

Gorillas und Waldelefanten sind die Stars im WWF-Projektgebiet von Dzanga-Sangha. Damit sie und all die anderen Arten dort eine Zukunft haben, hilft neben der neuen Krombacher Regenwaldkampagne auch der langfristige Aufbau des Ökotourismus.

„Für eine vom Aussterben bedrohte Tierart machen die aber ganz schön viel Mist,“ grummle ich und setze leicht angewidert einen Fuß vor den anderen. Der Boden ist übersät von fast handballgroßen Dungkugeln. Angelique dreht sich böse zu mir um und legt einen Finger auf die Lippen. Ich soll den Mund halten, denn Makumba („Der Schnelle“) muss ganz in der Nähe sein. Irgendwo hier, im blickdichten Unterholz des zentralafrikanischen Regenwaldes, hockt er mit seiner Horde. Also sind wir vorsichtig. Schließlich wäre der Anführer der Gorillagruppe stark genug, um beide Klitschko-Brüder gleichzeitig umzuhauen. Trotzdem: Wer läuft schon gerne barfuß durch ein Elefantenklo?

„Es gibt keinen anderen Weg“, erläutert Primatenforscherin Angelique Todd, die Leiterin des WWF-Forschungscamps im zentralafrikanischen Regenwald. Wir müssen an den Waldelefanten vorbei, die von den Pygmäen „Njoku“ genannt werden. Diese Tiere sind deutlich kleiner als ihre Verwandtschaft in der Savanne. Sie bringen es auf höchstens 2,80 Meter Schulterhöhe.

Klein sein ist hier im dichten Regenwald aber von Vorteil, eine praktische evolutionäre Anpassung. Das wird mir klar, als die Dornenäste in mein Gesicht flitschen, unter denen der einheimische Fährtenleser vor mir locker hindurch schlüpft. Er ist BaAka-Pygmäe, nur gut einsfünfzig groß, und trägt den passenden Spitznamen „Piccolo“. 

Kraftbrühe für Elefanten 

Die Dickhäuter im Urwald der Zentralafrikanischen Republik sind zwar klein, ihre Angriffslust ist aber dennoch elefantös. Läuft man Njoku auf einem der verschlungenen Dschungelpfade vor die Stoßzähne, nehmen selbst erfahrene BaAka die Beine in die Hand.

Waldelefanten reagieren gereizt auf Menschen – kein Wunder, könnte man meinen: Rücksichtslose Abholzung der Wälder und gnadenlose Jagd bedrohen ihre Existenz. „Der Bestand ist in den vergangenen Jahren um mindestens 50 Prozent zurückgegangen,“ klagt Biologin Andrea Turkalo, die seit mehr als anderthalb Jahrzehnten ein wachsames Auge auf die Minifanten hat. 3.300 Individuen kenne sie persönlich, erzählt mir Andrea, als ich sie auf dem Hochstand am Rande einer großen, schlammlochübersäten Lichtung treffe. „Willkommen in Dzanga-Bai“, sagt sie noch, aber ich höre schon gar nicht mehr hin, denn direkt vor uns tummeln sich etwa 80 Waldelefanten. Die meisten haben ihre Rüssel tief in moddrigen Erdlöchern versenkt. Dann blubbern sie wie Kinder mit ihren Strohhalmen in der Cola und wühlen dabei Schlamm auf. „Genau hier ist der Boden extrem mineralhaltig. Die im Wasser gelöste Erde ergänzt die normale Blätternahrung der Tiere,“ erklärt Andrea. Und ganz nebenbei soll die Kraftbrühe auch noch die Zeugungsfähigkeit der Rüsseltiere steigern. Die Elefanten scheinen das zu wissen und kommen regelmäßig her. Einige im Wochentakt, andere nur alle paar Jahre. Sie kommen von nah und fern, manchmal sogar aus den Nachbarländern Kongo oder Kamerun. 

© WWF / Dirk Steffens
© WWF / Dirk Steffens

Schwergewichtige Wipfelstürmer

Selbst Makumba, der unumstrittene Boss im Regenwald, macht um diese Lichtung einen Bogen. Der Gorilla zieht mit seiner Sippe durchs dichte Unterholz, von Baum zu Busch, ständig auf der Suche nach leckeren Blättern, Früchten und Knospen – mehr als 300 verschiedene Pflanzenarten stehen auf dem Speiseplan unserer pelzigen Vettern, angereichert durch eiweißreiche kleine Termiten-Snacks.

Die Primaten wissen genau, wo die besten Futterpflanzen wachsen und ziehen zielsicher durch das Baumlabyrinth. Dabei übernehmen sie quasi nebenbei noch die Arbeit der Bienen: Im Kot stecken Samen der Futterpfanzen, die sich so mit Hilfe der Gorillas weiter verbreiten können. Selbst die Wipfel 50 Meter hoher Bäume sind vor ihrem Appetit nicht sicher. Wie behände sich der 250-Kilo Muskelberg Makumba da rauf schwingt, ist unglaublich.

Elegant sieht die akrobatische Luftnummer allerdings nicht aus, eher ulkig, denn als Fresser von Blättern – Futter mit relativ geringem Nährwert – müssen Gorillas ständig riesige Mengen in sich hineinstopfen. Als Folge davon sehen ihre Bäuche aus, als hätten sie einen Hüpfball verschluckt. Aus der Entfernung wirkt Makumba daher wie der große, behaarte Bruder von Dirk Bach. Doch im hiesigen Dschungelcamp wohnen keine Stars, sondern Wildhüter und Angeliques Forscherteam.

Im Nationalpark Dzanga-Ndoki und dem Dzanga-Sangha-Tropenwaldreservat haben neben Gorillas und Waldelefanten auch Schimpansen, Leoparden, Flusspferde sowie viele andere bedrohte Arten bisher überlebt. Die Gorilla-Population wird auf 2.200 bis 3.600 Tiere geschätzt. Illegaler Holzeinschlag und Wilderei sind die größten Gefahren für die Region. Das „Bushmeat“ genannte Fleisch, auch das von Menschenaffen, ist begehrt. Bewaffnete Wildhüter zum Schutz von Tieren und Pflanzen sind deshalb notwendig. Ebenso Fahrzeuge, Treibstoff, Zelte, Funkgeräte.

Das alles kostet natürlich viel Geld. Mit Hilfe von Spenden finanziert der WWF diese Arbeit in Zentralafrika seit über zehn Jahren. Eine große Hilfe sind zudem die Mittel, die seit 2002  aus dem Regenwaldengagement der Brauerei Krombacher in das Gebiet geflossen sind.

Aber auf Dauer müssen zusätzliche Einnahmequellen her. Am vielversprechendsten ist die Entwicklung des Ökotourismus. Ein Anfang ist bereits gemacht: Die Doli-Lodge, für zentralafrikanische Verhältnisse mit überraschend viel Komfort ausgestattet, liegt nur knapp anderthalb Geländewagenstunden von Angeliques Urwaldstation entfernt.

An Menschen gewöhnt

Von dort geht es zu Fuß in den Regenwald weiter, zwei Stunden lang. Pygmäen sind schnelle, ausdauernde Waldläufer, ich bin schon nach Minuten völlig durchgeschwitzt. Außerdem ist es mir ein Rätsel, wie die Männer sich zurechtfinden. Ich wäre in dem Blättergewirr schon nach fünfzig Metern hoffnungslos verloren. Irgendwann beginnen die Fährtenleser, laut mit der Zunge zu schnalzen. Makumba und seine Familie kennen dieses Geräusch, es ist Teil des Habituierungs-Projektes, also der Gewöhnung einzelner Gorilla-Gruppen an Menschen. Es wäre viel zu kompliziert, gefährlich und für die Tiere störend, würde man einfach aufs Geradewohl irgendeiner Gorilla-Familie im Dschungel nachstellen. Deshalb die Habituierung. Also schnalzen wir, ein „Hallo“ für den echten King Kong.

Makumba beachtet uns zunächst kaum, liegt lässig unter einem Busch, reckt seinen gewaltigen Kugelbauch nach oben und döst. Ab und zu entfleucht ihm ein zufriedener Verdauungspups. Die Weibchen seiner Gruppe rascheln unsichtbar in der Nähe, zwei Gorillababys tollen herum. Plötzlich steht der Silberrücken auf, sieht mich an und kommt näher. Noch zehn Meter, noch acht, noch fünf. Ich kann sein Atmen hören. Ihn riechen. Ich senke den Blick. Nach einer kleinen Ewigkeit gucke ich wieder hoch. Er ist ganz nah, schaut mich an, scheint in meinem Gesicht zu lesen. Seine Züge wirken vertraut, fast so wie die eines entfernten Verwandten aus meiner eigenen Famile. Dann ist er auf einmal weg, vom Dschungel verschluckt. Einfach so, ohne einen Laut. Leise flüstert Angelique mir ins Ohr: „Du sitzt mitten im Elefantendung.“ Ich antworte nicht, sondern lächle nur glücklich.