Schöne neue Welt?
Biologische Globalisierung

- © Waschbär im Kellerwald. WWF / Manfred Delpho
Seit Schiffe und Flugzeuge die letzten geografischen Barrieren überwinden, gelangen immer mehr Tier- und Pflanzenarten bis in entlegene Winkel der Erde. Die meisten verursachen in ihrer neuen Heimat keine Schäden. Einige wenige jedoch bedrohen die biologische Vielfalt.
Jeder hat sie wohl schon bei uns gesehen, die „Aliens“ unter den Tier- und Pflanzenarten. Ob Waschbär, Halsbandsittich, Regenbogenforelle, Drüsiges Springkraut oder Robinie: Vom Menschen eingeführte gebietsfremde Arten – Biologen bezeichnen sie als Neobiota – fügen sich teilweise schon wie selbstverständlich in die heimische Natur ein. Von den 76.000 in Deutschland frei vorkommenden Tier- und Pflanzenarten sind bereits ein Prozent etablierte Neubewohner. Manche gebietsfremde Pflanzen – so genannte Neophyten – wie die Schachblume und die Wilde Tulpe wurden sogar unter Schutz gestellt.
Einige Neobiota jedoch richten in ihrer neuen Heimat ökologische Schäden an, indem sie die biologische Vielfalt gefährden. Der bis zu 20 Zentimeter große Amerikanische Ochsenfrosch zum Beispiel frisst in Europa heimischen Amphibien zunehmend deren Nahrung weg. Die Robinie verändert ganze ökologische Kreisläufe, indem sie nährstoffarme trockene Sandböden und Kalkmagerwiesen mit Stickstoff anreichert. Die Bastardpappel wiederum bedroht die heimische Schwarzpappel auf genetischer Ebene: Da die Arten sich kreuzen und Bastardpappeln häufiger sind als Schwarzpappeln, haben letztere kaum noch reinerbige Nachkommen.
Durch Menschen eingeführt
Kein Wunder, dass vor allem in Fachkreisen teilweise Rufe gegen die „bösen Eindringlinge“ laut werden. Dabei wird leicht vergessen, dass wir Menschen es sind, die sie eingeführt haben. Die Bastardpappel etwa wurde in Frankreich als schneller wachsende Variante für die Holzwirtschaft gezüchtet und dann in ganz Europa angepflanzt. Andere Pflanzen oder deren Samen wurden zum Anbau oder zur Zierde des Gartens und Tiere für die Jagd oder zu Zuchtzwecken eingeführt. Zusätzlich gibt es blinde Passagiere, die in Fahrzeugen und Containern, an Schiffsrümpfen oder in Touristengepäck unbeabsichtigt in neue Lebensräume eingeschleppt werden.
Jeder war mal Einwanderer
Wanderungen in der Natur sind ein alltäglicher Vorgang. Seit es Leben gibt, besiedeln Tiere und Pflanzen neue Standorte und verdrängen mitunter vorhandene Arten. Auch unsere heutigen so genannten einheimischen Arten waren einst Einwanderer, als sie nach der letzten Eiszeit Mittel- und Nordeuropa neu besiedelten. Diese haben sich allerdings im Gegensatz zu den heutigen gebietsfremden Arten ohne menschliche Hilfe ausgebreitet. Solche natürlichen biologischen Invasionen verlaufen in kleinen Schritten, so dass natürliche Feinde und Konkurrenten, Krankheitserreger und Parasiten gewissermaßen mitwandern können.
Bei von Menschen verursachten Invasionen dagegen werden natürliche geographische Ausbreitungsbarrieren sprunghaft und oft über große Distanzen überschritten – zum Beispiel mit dem Schiff oder Flugzeug. Die natürlichen Feinde bleiben oft zurück. So können sich eingeschleppte Arten in einem neuen Gebiet ungestört ausbreiten. In Zeiten der Globalisierung finden solche vom Menschen gemachten Invasionen in großem Umfang statt – mit fatalen Folgen: Invasive Neobiota gelten heute nach dem Verlust von Lebensräumen als größte Bedrohung der biologischen Vielfalt.
Nur wenige bleiben auf Dauer
Nicht alle eingeführten Arten können im neuen Lebensraum überleben und sich vermehren. In Deutschland wurden insgesamt rund 1.150 Tierarten und 12.000 Gefäßpflanzenarten vom Menschen eingebracht. Davon haben sich aber nur 264 Tierarten und etwa 400 Pflanzenarten fest etabliert. Wissenschaftliche Untersuchungen an höheren Pflanzen haben gezeigt, dass nur ein bis zwei Prozent der gebietsfremden Arten auf Dauer – über mehrere Generationen – in ihrem neuen Lebensraum bleiben.
Politische Maßnahmen
Das Thema invasive Neobiota wird in Deutschland fachlich vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) betreut, das wiederum dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) und den Länderbehörden fachlich beratend zur Seite steht.
Derzeit wird unter Federführung des Bundesumweltministeriums an einer umfassenden Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes gearbeitet, in deren Rahmen existierende gesetzliche Schwachstellen geschlossen werden sollen.
Außerdem sollen erstmals bundesweit abgestimmte Listen invasiver Arten in Deutschland erstellt werden. Bislang gibt es nur eine, im Auftrag des BfN verfasste, inoffizielle Liste invasiver Pflanzen. Oft ist es daher eine Einzelfallentscheidung der zuständigen Behörden, ob bestimmte gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten als invasiv betrachtet werden und mit welchen Maßnahmen gegen sie vorgegangen wird. Dazu werden derzeit vor allem Erfahrungen anderer Länder wie der Schweiz herangezogen. Dort gibt es bereits seit 2001 Listen invasiver Arten (Schwarze Liste) und zu beobachtender Arten (Graue Liste).
Eine ähnliche offizielle Liste in Deutschland zu erstellen – der Abstimmungsprozess findet zurzeit zwischen Bund und Ländern statt – wäre ein wichtiger Schritt zu einer abgestimmten Handlungsweise und damit zum besseren Schutz unserer einheimischen Tier- und Pflanzenarten.
Dr. Christelle Otto, Bundesamt für Naturschutz
Excerpt aus dem WWF Magazin 1/07. Dort finden Sie den kompletten Artikel.
Weitere Informationen des Bundesamtes für Naturschutz
Positionspapier zu gebietsfremden Arten >>

