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Mythos Tiefsee
Titanen, Leuchtwunder, Gold und Gas
Der mächtige Architeuthis hat nur einen Feind – den tonnenschweren Pottwal. Er ist der Rekordtaucher unter den Meeressäugern und kann bis in 3.000 Meter Tiefe schwimmen. Saugnapfspuren am Körper gestrandeter Wale, Kalmare in Walmägen und Funde abgerissener Tentakel zeugen von wahren Titanenkämpfen in der Tiefsee. Ein Schauspiel, das noch kein Mensch zu Gesicht bekommen und keine Kamera gefilmt hat. Kein Wunder, denn die Tiefsee ist noch weitgehend unerforscht.
Fast 70 Prozent der Erde sind von Ozeanen bedeckt. Vier Fünftel davon sind tiefer als 1.000 Meter. Wir leben auf dem „Planet Tiefsee“. 11.034 Meter unter dem Meeresspiegel liegt die tiefste Stelle, das Challenger Tief im Marianengraben. Ein imposantes Gebirge, der Mittelozeanische Rücken, erstreckt sich über etwa 60.000 Kilometer durch die Tiefsee. Es sind untermeerische Vulkanketten, aus deren Zentralspalten sich glühende basaltische Schmelze aus dem Erdmantel schiebt.
Allein im Pazifik sind bislang 30.000 vulkanische Seeberge kartiert. Seeberge und Kaltwasserkorallenriffe gelten als besonders artenreiche Lebensräume. Doch wir wissen noch immer extrem wenig über die Artenvielfalt und die Lebensräume dieser Unterwasserwelt. Eine „Volkszählung im Meer“ soll bis 2010 neue Erkenntnisse bringen.
Volkszählung? Wer kann denn da unten überleben? Es ist stockdunkel. Es ist bitterkalt (plus vier bis minus ein Grad Celsius). Und dann der enorme Druck: In 1.000 Meter Tiefe lastet auf jedem Quadratzentimeter ein Gewicht von 100 Kilogramm, in 10.000 Meter eine Tonne. Ein Mensch kann ohne Hilfsmittel bis 40 Meter tief tauchen, ohne dass seine Lunge zerquetscht wird. Extremtaucher, die sich mit einer Art Schlitten in die Tiefe ziehen lassen, schaffen es bis 214 Meter abwärts.
Leuchtköder und Liebesspiel
Trotz dieser auf den ersten Blick lebensfeindlichen Bedingungen ist der Artenreichtum der Tiefsee atemberaubend. Die Natur hat Mittel und Wege gefunden, sich anzupassen.
Hoher Druck? Tiefsee-Bewohner bestehen bis zu 99,9 Prozent aus Wasser. So halten sie dem immensen Gewicht stand, das auf ihnen lastet. Tiefsee-Taucher wie der Pottwal wiederum verfügen über einen flexibleren Körperbau als der Mensch: Seine Lungen können dem Druck nachgeben, ohne dass der Wal kollabiert.
Kein Licht? Kein Problem, dann leuchtet eben die Tierwelt. Es blitzt und funkelt, dass einem schwindelig wird. Zum Beispiel aus dem Maul des Vipernfisches, der so seine Beute anlockt, die er anschließend genüsslich mit seinen furchterregend langen Zähnen zermalmt. Auch der Tiefsee-Anglerfisch nutzt einen Leuchtköder. Seiner Stirn entspringt eine „Angelrute“, deren Ende leuchtend vor seinem Maul baumelt. Kleinere Fische halten den „leuchtenden Wurm“ für leichte Beute, den hungrigen Fisch dahinter sehen sie in der Dunkelheit nicht – ein tödlicher Irrtum.
Auch zur Tarnung oder – wie beim Riesenkalmar – zum Liebesspiel wird das Licht eingeschaltet. Wissenschaftler nennen diese Fähigkeit Biolumineszenz. Körpereigene Bakterien erzeugen durch chemische Prozesse das Licht. Sie erzielen damit eine vorbildliche Energieeffizienz von 90 Prozent. Eine Glühbirne schafft gerade mal schlappe fünf Prozent, der Rest geht als Wärme flöten.
Vorsicht Goldrausch!
Die Mineralstoffe aus der Tiefe haben es in sich: Gold, Silber, Schwer- und Buntmetalle lagern sich beim Abkühlen als Krusten an vielen Schwarzen Rauchern ab. Die Begehrlichkeiten der rohstoffhungrigen Weltwirtschaft sind längst geweckt. Im Jahr 2009 soll in der Bismarcksee nördlich von Papua-Neuguinea der Abbau starten. Ein spezielles Förderschiff befindet sich in Bau. In 1.700 Meter Tiefe sollen dann ferngesteuerte Planierraupen und Bohrmaschinen mit bis zu sieben Meter Durchmesser zum Einsatz kommen. Über Saugrohre kann das gewonnene Material nach oben befördert werden. Trübe Aussichten für die Tiefsee.
Die Folgen des Raubbaus für das noch weitgehend unerforschte Ökosystem sind unbekannt. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Mensch einen Lebensraum zerstört, bevor er ihn überhaupt richtig kennen gelernt hat.
Der WWF setzt sich deshalb dafür ein, Gebiete mit besonders häufigem Vorkommen Schwarzer Raucher unter Schutz zu stellen. Erste Erfolge sind die 2002 etablierten Meeresschutzgebiete „Lucky Strike“ und „Menez Gwen“ westlich der Azoren, die der WWF als „Geschenke an die Erde“ auszeichnete.
Aber nicht nur die Schwarzen Raucher sind in Gefahr. Im Visier der Rohstoffjäger befinden sich auch metallhaltige Manganknollen. Die ein bis zwanzig Zentimeter dicken Brocken liegen in 4.000 bis 5.000 Meter Tiefe am Boden der Weltmeere. Deutschland erwarb Mitte 2006 von der UN-Meeresbodenbehörde die Abbaulizenz auf einer Fläche von 75.000 Quadratkilometern zwischen Hawaii und Mexiko. „Eine Zukunft mit tausenden Rodungsmaschinen im Pazifik – das erinnert fatal an den Kahlschlag im Regenwald“, warnt WWF-Meeresexperte Christian Neumann. Die Gier hat Gründe: Im pazifischen „Manganknollengürtel“ lagern vermutlich unvorstellbare 7,5 Milliarden Tonnen Mangan und hunderte Millionen Tonnen Nickel, Kupfer und Kobalt. Eine wahre Goldgrube.
Und die Tiefseeforscher entdecken immer neue Rohstoffvorkommen. Erdöl und Gas werden bereits in Tiefen bis 1.800 Meter gefördert, bis 3.000 Meter scheint technisch möglich. Nach vorsichtigen Schätzungen ist in den seit einem Jahrzehnt erforschten Methanhydratvorkommen unter dem Meeresboden doppelt soviel Kohlenstoff gebunden wie in allen bekannten Erdöl-, Gas- und Kohlelagerstätten zusammen. Sollte die Förderung und Nutzung dieses „Tiefseegases“ technisch möglich werden, würde ein weiterer Klimakiller salonfähig.
Ralph Kampwirth, WWF
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