
- © Simon Buxton / WWF-Canon
Beifang: Meerestiere sind kein Müll
Die Fangleine spannt sich unter dem Gewicht, die Kurbel quietscht bei jeder Drehung, und die zuckenden Bewegungen der Beute bringen die Wasseroberfläche zum Brodeln. Doch der Kampf zwischen Mann und Meer ist längst entschieden. Etwa 2000 Köder, aufgespießt an Fischhaken entlang der viele Kilometer langen Leine, locken alle möglichen Meerestiere an – auch wenn Soehartoyo auf Gelbflossentunfisch hofft. Doch als sich die Leine spannt und die Kurbel ein letztes Mal quietscht, sieht der indonesische Fischer nicht einen der teuersten Speisefische der Welt – sondern in die gequälten Augen einer Lederschildkröte, die an einem seiner Haken hängt.
Die große Vergeudung
Grob geschätzt hängt an jeder zweite Leine, die täglich hakenbestückt ins Meer ausgebracht wird, eine Meeresschildkröte. Jedes Jahr sterben weltweit schätzungsweise 250000 dieser urtümlichen Reptilien durch Haken und Netze der Fischerei. Sie sind ungewollter Beifang auf der Jagd nach Tunfisch, Mahimahi oder Schwertfisch und werden von den Fischern zurück ins Meer geworfen, wo sie meist schwer verletzt sterben oder ertrinken. Dasselbe tödliche Schicksal teilen jährlich 300000 Wale, Delfine und Tümmler, viele Millionen Haie und ungezählte Meeresvögel. Massenhafter Beifang gefährdet inzwischen sogar die Fischbestände. Denn viel zu oft landen neben ungewollten Arten auch junge Fische in den Netzen.
Durch das wahllose Durchsieben der Weltmeere nach Lebewesen, sprich: durch unselektive Fangtechnik, zieht die Fischerei heute jedes Jahr rund 90 Millionen Tonnen Fisch an Bord ihrer Schiffe. Dabei landet bei weitem nicht nur das im Netz, was die Fischer haben wollen. Allein in der Nordsee wird laut einer aktuellen WWF-Studie jedes Jahr rund ein Drittel des gesamten Fanges als Müll wieder über Bord geworfen. Weil die Fische zu klein oder nicht verkäuflich sind oder nicht gefangen werden dürfen. Fische etwa, deren Fangquote bereits ausgeschöpft ist. Je nach Zielart und Fangtechnik werden sogar bis zu 90 Prozent eines Fischzuges wieder ins Meer zurückgeworfen.
Diese unvorstellbare Verschwendung von Leben ist nicht nur schrecklich, ethisch fragwürdig und unökologisch, sondern auch unwirtschaftlich. In der Nordsee beispielsweise wird derzeit jedes Jahr verwertbarer Kabeljau und Seelachs im Wert von mehr als 60 Millionen Euro einfach weggeworfen.
Für den Fischer Soehartoyo aus der Hafenstadt Benoa auf der indonesischen Insel Bali hingegen ist Beifang ein Existenzproblem. Nur Tunfisch ist für ihn von Wert. Jede seltene Meeresschildkröte am Haken ist ein Verdienstausfall.
Auf den Haken kommt es an
Doch für Soehartoyo gibt es eine Lösung, die seinen wirtschaftlichen Nutzen vergrößern kann – und die zugleich mithilft, die Meeresschildkröten vor dem Aussterben zu retten: Ein neuartiger Fischhaken. Nicht der J-förmige Haken, den fast alle indonesischen Fischer benutzen, sondern der rundliche Circle Hook.
In diesen Rundhaken können sich Schildkröten nicht mehr qualvoll verbeißen und ihn auch nicht verschlucken, weil der Durchmesser dieser Haken größer ist als ihr Maul. Werden Circle Hooks eingesetzt, verringert sich der Beifang von Schildkröten nachweislich um bis zu 90 Prozent.

- Imam Musthofa vom WWF Indonesien © WWF
Seit Jahren läuft Imam Musthofa vom WWF Indonesien in den Häfen Balis auf und ab und versucht, Fischer von der kleinen, aber wirkungsvollen Idee zu überzeugen, ihre J-Haken an den Langleinen ihrer Boote durch die neuen Rundhaken zu ersetzen. Darüber hinaus sollen die Fischer eine einfache Technik erlernen, die Schildkröten wieder lebend vom Haken zu lassen, wenn sie doch mal an der Leine hängen.
Doch die Fischer sind skeptisch. Bis heute ließen sich erst 38 von 780 der Tunfisch-Kapitäne auf Bali von Imam überzeugen, die Rundhaken zu übernehmen – und das, obgleich der WWF sie ihnen im Rahmen des Projekts kostenlos zur Verfügung stellt. Imam erzählt uns, den Fischern sei durchaus bewusst, dass eine Schildkröte weniger an der Leine womöglich ein Tunfisch mehr bedeuten kann. Trotzdem verabschieden sie sich aus Sorge um Fangeinbußen nur ungern von ihren etwa 2000 traditionellen J-Haken pro Boot, mit denen sie bis zu 70 Kilogramm schwere und 1,70 Meter lange Gelbflossen- und Großaugentunfische fangen.
Dass der WWF ausgerechnet arme Fischer auf Bali von den neuen Rundhaken überzeugen will, hat seinen guten Grund: Indonesien gilt als Schlüsselmarkt. Es ist die viertgrößte Fischereination der Welt. Und der wichtigste Exporteur für Tunfisch. Schon gibt es, angeregt durch den WWF, Überlegungen im indonesischen Fischereiministerium, die Rundhaken vielleicht innerhalb der nächsten fünf Jahre als Standardmaßnahme einzusetzen.
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