Schildkröten: Relikte aus der Urzeit

© WWF / Arnd Wünschmann
© WWF / Arnd Wünschmann

Um Schildkröten ranken sich bei vielen Völkern Mythen und Sagen. Bei den Indianern Nordamerikas galt die Schildkröte als Schöpferin des Erdfundamentes. Im Buddhismus und Hinduismus steht sie als Symbol für Unsterblichkeit. Nach diesem Glauben hat der Hindugott Vishnu nach einer großen Sintflut ihre Gestalt angenommen, auf deren Rücken dann eine neue Welt entstand.

Schildkröten wurden verehrt – aber auch verzehrt. Nicht nur ihre am Strand gesammelten Eier: Bereits vor mehreren Jahrhunderten wurden Galapagos-Riesenschildkröten und große Meeresschildkröten zu Tausenden als lebende Fleischkonserve und Heilmittel gegen Skorbut und Seekrankheit auf europäische Schiffe geladen. Zu allem Übel ließen die Schiffe auch noch ungebetene Gäste auf bislang unberührten Inseln und in abgelegenen Regionen zurück. Die so eingeschleppten Ratten, Hunde und Schweine vertilgten ebenfalls Schildkröteneier und Jungtiere in großen Mengen. Heute noch werden die Bestände vieler Schildkrötenarten vor allem durch den Menschen bedroht. Dabei sind neue Gefahren hinzugekommen.  

Erfolgsmodell der Evolution

Der vom Menschen ausgelöste Niedergang trifft die Tiergruppe mit der längsten Ahnenreihe unter den höheren Wirbeltieren: Bereits vor etwa 220 Millionen Jahren begann die Entwicklung der Schildkröten aus urtümlichen Reptilien. Bis heute hat sich ihr „Bauplan“ kaum verändert. Markantestes Merkmal der Schildkröten ist ihr Panzer. Er besteht bei fast allen Arten aus zwei Teilen: Dem knöchernen, mit der Wirbelsäule verwachsenen Rücken (Carapax) und dem flachen, ebenfalls aus Knochenplatten bestehenden Bauch (Plastron). Dieser knöcherne Panzer hat sich wahrscheinlich aus Wirbelsegmenten, Rippen und Becken gebildet und umhüllt wie eine Rüstung die inneren Organe – ein guter Schutz vor angreifenden Feinden. Bei den meisten heute noch lebenden Schildkrötenarten befinden sich auf den Knochenplatten des Rücken- und Bauchpanzers symmetrisch angeordnete Hornschilder. Die Hornplatten der Meeresschildkröten lieferten – bis zum internationalen Handelsverbot 1976 – das begehrte Schildpatt für die Herstellung von Kämmen und Brillengestellen. Innerhalb ihrer Grenzen erlauben bis heute noch einige Länder den Handel mit Schildpatt.   Schildkröten-Champions

So gerüstet haben die Schildkröten mit Ausnahme der Polargebiete alle Kontinente und die Weltmeere besiedelt. Und so urig sie aussehen: Sie sind alles andere als ein Auslaufmodell. Noch heute erzielen sie bemerkenswerte Rekorde im Tierreich:
• Sie können über 200 Jahre alt werden,
• monatelang ohne Nahrung auskommen,
• bis zu 15 Stunden unter Wasser bleiben (Weichschildkröten) – länger als jeder Wal oder Seehund,
• mehr als 1.200 Meter tief tauchen (Lederschildkröte)  und
• so schwer wie ein Kleinwagen werden: Lederschildkröten erreichen in der Regel eine Größe von maximal 2,50 Metern und ein Gewicht bis zu 500 Kilogramm. Vor der Küste von Wales wurde 1991 ein Exemplar gefangen, das sogar 995 Kilogramm auf die Waage brachte.  

Zu Lande wie zu Wasser

Von den weltweit etwa 230 Arten sind in Europa nur noch zwölf zu Hause: fünf Meeres-, vier Land- und drei Süßwasserschildkrötenarten. In Deutschland kommt nur die Europäische Sumpfschildkröte vor.

Das Verbreitungszentrum der Landschildkröten liegt im tropischen und südlichen Afrika sowie auf angrenzenden Inseln, wo allein 19 der insgesamt fast 40 Arten vorkommen. In Europa sind vier Landschildkrötenarten beheimatet (Griechische Landschildkröte, Maurische Landschildkröte, Breitrandschildkröte, Steppen- oder Vierzehenschildkröte). Typisch für die Landschildkröten ist ihr hochgewölbter Panzer.

Die große Mehrzahl der Schildkrötenarten lebt jedoch im Wasser. Aufs Trockene kommen sie meist nur, um sich zu sonnen oder ihre Eier abzulegen. Sieben Arten von Meeresschildkröten sind weltweit in tropischen und subtropischen Meeren verbreitet und sowohl auf hoher See als auch in Küstennähe anzutreffen. In Europa gibt es sie nur noch an wenigen Küsten wie auf der griechischen Insel Zakynthos, die von Unechten Karettschildkröten zur Eiablage aufgesucht werden.

Meeresschildkröten stammen ursprünglich von Land bewohnenden Artgenossen ab: Ihre Arme und Beine sind zu Flossen umgewandelt. An den Augen haben sie Drüsen, die konzentrierte Salzlösung abgeben, so den Salzgehalt des Blutes regulieren und damit die Nieren unterstützen. Ihr Panzer ist deutlich abgeflacht und stromlinienförmig. Bei der Lederschildkröte ist sogar der ursprüngliche Knochen- und Hornpanzer zurückgebildet. Übrig geblieben ist eine dicke, lederartige Haut, in der mosaikartig kleine Knochenplatten eingesetzt sind.

Die Vielfältigsten unter den Panzerträgern jedoch sind die Süßwasserschildkröten, die heute mit 180 Arten – darunter die Familien der Weichschildkröten und Schlangenhalsschildkröten – nahezu jeden geeigneten Bach, Fluss, Sumpf oder See der gemäßigten und warmen Zonen besiedeln. Mehr als die Hälfte von ihnen leben in Asien. In Europa kommen neben der Europäischen Sumpfschildkröte nur noch die Spanische Wasserschildkröte und die Kaspische Wasserschildkröte vor. Manche Süßwasserschildkröten sind recht wanderlustig und schwimmen sogar bis ins offene Meer hinaus. Während sich die Landschildkröten vorrangig vegetarisch ernähren, bevorzugen Süßwasserarten wie die Großkopf- und Alligatorschildkröten in der Regel tierische Kost. Zu ihren Beutetieren zählen beispielsweise kleine Fische, Lurche, Krebstiere und Schnecken sowie Wasserinsekten. Unter den marinen Arten ernährt sich nur die Grüne Meeresschildkröte rein pflanzlich, und zwar von Seegras. Die restlichen Meeresschildkröten fressen hauptsächlich Quallen, Krebse, Weichkorallen, Muscheln und Tintenfische sowie Seeigel und Seegurken.  

Ein schwieriger Akt

Nicht einfach machen es sich die Schildkröten bei der Paarung. Besonders bei den Meeresschildkröten ist dies ein akrobatischer Zeugungsakt im Wasser – hin- und hergeworfen von den Wellen. Das Weibchen speichert dabei genug Sperma für die gesamte Brutsaison mit vielen Gelegen. Für die Eiablage legen die Meeresschildkrötenweibchen, meist nur alle zwei bis drei Jahre, oft Tausende von Kilometern bis zu ihren eigenen Geburtsstränden zurück.

Wie genau sie dabei „navigieren“ ist bis heute nicht ganz geklärt. Vermutungen reichen von der Orientierung am Magnetfeld der Erde bis hin zur Fähigkeit, über Geruchs- und Geschmacksstoffe die Witterung von Zielstränden aufzunehmen. An sonnigen Plätzen oberhalb der Flutmarke legen sie dann in selbst gegrabenen Gruben 80 bis 100 tischtennisballgroße Eier ab. Es dauert bis zu zwei Monate, bis die Jungtiere, die wie Miniaturen ihrer Eltern aussehen, schlüpfen. Dabei entscheidet das Wetter das Geschlecht: Bei wärmeren Temperaturen schlüpfen mehr Weibchen.  

Gefahren lauern überall

Nur etwa jede Tausendste geschlüpfte Meeresschildkröte überlebt, bis sie erwachsen ist. Die größte Gefahr für die Reptilien weltweit sind jedoch nicht räuberische Tiere, sondern der Mensch. Dabei hat die traditionelle und lokale Nutzung der Schildkröte und ihrer Eier als Nahrungsmittel deren Bestand nie ernsthaft gefährdet. Erst seit etwa Anfang des 20. Jahrhunderts Schildkrötensuppe zu einer Delikatesse avancierte, Schildpatt in großem Stil zu Brillen und Schmuckstücken verarbeitet wurde und sich das „Abräumen“ ganzer Populationen lohnte, begann der dramatische Niedergang vieler Arten. Wie beispielsweise der Lederschildkröte: Gab es 1986 im Ostpazifik noch etwa 91.000 Tiere, leben dort heute nur noch 2.500 Individuen, also noch nicht einmal mehr drei Prozent des einstigen Bestandes.

Auch religiöse Riten werden Schildkröten zum Verhängnis: So landen vor Ostern in Mexiko tausende Meeresschildkröten als Fastenspeise auf der Schlachtbank. Dieser Brauch basiert auf der falschen Annahme, dass Meeresschildkröten kein „rotes Fleisch“ hätten und als Wasserbewohner somit Fische seien. Obgleich seit 1990 der Fang und die Nutzung von Meeresschildkröten und ihren Produkten in Mexiko wie in den meisten Ländern streng verboten sind, werden jedes Jahr entlang der mexikanischen Pazifikküste vermutlich rund 50.000 Meeresschildkröten getötet.

Eine weitere ernsthafte Gefahr ist die kommerzielle Fischerei. In ihren Netzen und an ihren Langleinenhaken verenden jedes Jahr Hunderttausende Reptilien ungewollt als Beifang. Außerdem werden die Brutgebiete der Schildkröten vielerorts Opfer einer ungebremsten Strandbebauung und intensiver touristischer Nutzung wie auf der beliebten griechischen Urlaubsinsel Zakynthos. Zu allem Überfluss verenden viele Tiere, weil sie im Meer umher treibende Plastiktüten fressen, die sie für Quallen halten.

Die Nachfrage nach Süßwasserschildkröten als Nahrungs- und Heilmittel ist heute noch vor allem in Asien sehr groß. Außerdem werden ihre Lebensräume trockengelegt oder durch Dämme zerstört. Der internationale Handel unter Terrarienhaltern wiederum ist besonders für die Landschildkröten ein Problem.

Urtiere brauchen mehr Schutz

Seit seiner Gründung 1961 hat der WWF weltweit zahlreiche Projekte zum Schutz von Meeresschildkröten durchgeführt und unterstützt. Dabei wurden beispielsweise Niststrände erfasst, Eiablagen und Bruterfolge untersucht, Strand- und Meeresschutzgebiete ausgewiesen und alternative Fischfangmethoden entwickelt.

Aktuell setzt sich der WWF zum Beispiel an der Westküste Afrikas dafür ein, bestehende Meeresschutzgebiete durch weitere zu ergänzen und zu verbinden und zugleich die Ausbeutung der Meeresressourcen zu stoppen. Diese Ökoregion – eine der produktivsten Meeresgebiete weltweit – dient gefährdeten Tieren wie der Grünen Meeresschildkröte und rund tausend Fischarten als Brutstation und Kinderstube. Die Umweltstiftung setzt sich ferner für einen naturnahen Tourismus ein, um den unkontrollierten Auswüchsen von zu vielen Strandbesuchern Einhalt zu gebieten. In Cirali, einem Dorf an der türkischen Mittelmeerküste, werden zudem im Sommer die Gelege der stark gefährdeten Unechten Karettschildkröte Caretta caretta von einem WWF-Team mit Drahtkörben geschützt. Große Tafeln am Strand mahnen die Urlauber zur Rücksicht.

In vielen Urlaubsregionen wird erfreulicherweise immer mehr erkannt, dass stabile Meeresschildkrötenbestände langfristig lukrative Einnahmequellen sind. Beobachtungstouren locken schon jetzt jedes Jahr mehrere tausend Menschen in die Lebensräume der Meeresbewohner. So lässt sich oftmals mehr Geld verdienen als durch den illegalen Handel mit Schildpatt, Eiern oder Fleisch der Tiere. Für alle sieben Meeresschildkrötenarten, ihr Fleisch, ihre Eier und ihr Schildpatt ist der kommerzielle Handel international verboten.

Auch viele Süßwasserarten und Landschildkröten sind durch ihre alarmierenden Bestandsrückgänge bereits im Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES als bedroht gelistet. Sie dürfen demnach entweder nicht mehr oder nur unter strenger Kontrolle gehandelt werden. TRAFFIC, das gemeinsame Artenschutzprogramm der Weltnaturschutzunion IUCN und des WWF, überwacht daher den internationalen Handel mit Produkten vieler Schildkrötenarten und arbeitet mit Regierungen daran, durch Handel bedrohte Spezies besser zu schützen und Schmuggelfälle aufzudecken.

Mit all diesen Maßnahmen haben die einst als Unsterbliche verehrten Schildkröten eine Chance, auch weiterhin zu überleben.


Claudia Kitschke und Vera Reifenstein, WWF Deutschland  

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