Neuland für Neusiedler
Balanceakt Ostsee Teil 2

- Fischerei: Eine erhebliche Belastung für das biologische Gleichgewicht in der Ostsee. © Kevin Schafer / WWF-Canon
Unter anderem der süß- salzige Wechsel in der Ostsee machte es für Bewohner schwierig, den geologisch noch jungen Lebensraum dauerhaft zu besiedeln. Es gelang vor allem ökologischen Alleskönnern wie der Miesmuschel oder dem Blasentang, die sehr anpassungsfähig sind und mit dem geringen Salzgehalt des Wassers zurechtkommen. Sie sind hier kleiner und die Muscheln haben dünnere Schalen als in der Nordsee. Sie müssen außerdem Temperaturextreme aushalten – eine oft 100 Tage andauernde Eisbedeckung im winterlichen Norden und bis zu 24 Grad Celsius in den flachen Buchten und Bodden im sommerlichen Süden.
Auch die Schwankungen des Salzgehaltes beeinflussen das Spektrum der Tierarten: Wenn in einem Jahr mit häufigen Weststürmen besonders viel salzhaltiges Wasser in die Ostsee gelangt, kann etwa der Gemeine Seestern auch östlich der Lübecker Bucht den Boden besiedeln.
Auch die Gesamtzahl an höheren Tierarten sinkt von West nach Ost: von über 800 im Kattegat bis 52 im Bottnischen Meerbusen. Dennoch steckt die Ostsee voller Leben – besonders in den flachen lichtdurchfluteten Küsten. Gerade die eigentümlich geformten Bodden, Haffe oder Schären sind begehrte Laich- und Aufwuchsgebiete für Fische – wie etwa die Bodden um Rügen für den Ostseehering. Sie sind zugleich Vogelparadiese – nicht nur während der Brutzeiten im Sommer: Allein in der Pommerschen Bucht zwischen Rügen, Bornholm und der polnischen Küste halten sich im Winter mehr als 3,5 Millionen Seevögel auf – darunter Eisenten, Trauerenten, Taucher- und Sägerarten. Sie ernähren sich vor allem von Miesmuscheln, Würmern und Fischen, die im flachen Wasser reichlich gedeihen. 2005 wurden große Teile der Bucht als EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen.
Die Vogelwarten auf der Kurischen Nehrung und auf Hiddensee haben über Jahrzehnte dokumentiert, dass sich Brutvögel auf ihren Zügen aus Nordosteuropa an der südlichen Ostseeküste wie in einem Flaschenhals konzentrieren. Besonders eindrucksvoll ist dies im Herbst, wenn in der Vorpommerschen Boddenlandschaft und auf Rügen zwei Monate lang bis zu 50.000 Graue Kraniche gleichzeitig Station machen.
Eine Erfolgsgeschichte konnte der WWF für die Seeadler mitschreiben, die nach jahrelangem Niedergang durch Umweltgifte, Eierdiebstahl und Störung der Brutplätze stark dezimiert waren. Heute hat sich der Bestand der majestätischen Vögel in allen Ostseeländern wieder so erholt, dass sie wieder fast überall an der Küste zu beobachten sind.
Tödlicher Dünger
Auch die Menschen folgten den zurückweichenden Gletschern und besiedelten das Land rund um die Ostsee. Heute leben rund 85 Millionen Bewohner an den Küsten rings um das Quasi-Binnenmeer. Ihre Abwässer und Abgase aus Haushalt, Industrie und Landwirtschaft belasten die Ostsee. Vor allem der Überschuss an Nährstoffen aus der Landwirtschaft: Längst hat die Überdüngung mit Stickstoff und Phosphaten zu einem solchen Wachstum von Planktonalgen geführt, dass sie Pflanzen das Licht und Fischen den Sauerstoff nehmen. Grünbraune Fadenalgen überwuchern bereits vielerorts Blasentang und Seegräser. Diese sterben ab, sinken zu Boden und werden dort ebenfalls von Bakterien zersetzt, die dabei weiteren Sauerstoff verbrauchen. Dieser Teufelskreis setzt der Ostsee – da sie selten frisches Salzwasser bekommt – besonders hart zu. Immer mehr Lebensräume für Seenadel, Flohkrebs und Jungfische verwandeln sich in ein trübes, gärendes Fäulnisbecken. Mehr als ein Sechstel des Ostseebodens ist bereits lebensfeindliche tote Zone, in der es zeitweilig oder dauerhaft keinen Sauerstoff mehr gibt. In manchen heißen Sommern vergrößern sich diese Todeszonen bis in die Küstengewässer – was jedes natürliche Ausmaß bei weitem übertrifft.
Dagegen wurden 2007 endlich erste Maßnahmen beschlossen: Im Rahmen des Ostsee-Aktionsplanes verpflichteten sich die Anrainerstaaten auch auf Druck des WWF, jährlich insgesamt 135.000 Tonnen Stickstoff und etwa 35.000 Tonnen Phosphor weniger ins Meer einzuleiten – ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.
Nicht nur Landwirte müssen jetzt vorrangig handeln – auch Schiffseigner. Denn mittlerweile stammt rund ein Viertel des Stickstoffs, der über die Luft in die Ostsee gelangt, von Schiffen. Weil immer mehr Schiffe die Ostsee befahren – zurzeit sind es etwa 2.000 täglich – und jedes Jahr drei bis fünf Prozent hinzukommen. Allein der Transport von Erdöl über die Ostsee hat sich in den vergangenen zehn Jahren von 75 auf über 160 Millionen Tonnen mehr als verdoppelt.
Viel befahren und leer gefischt
Und die Schiffe werden größer: Viele liegen mittlerweile mit bis zu 150.000 Tonnen Gewicht bis zu 15 Meter tief im Wasser. In den Meerengen der Ostsee, wie im Öresund, dem Finnischen Meerbusen oder der Kadetrinne vor der Halbinsel Darß, bleibt vielen der etwa 60.000 Schiffe jährlich dann nur noch ein bis zwei Meter Wasser unter dem Kiel bis zum Grund – und das in einer manchmal nur 800 Meter breiten Fahrrinne. Eine Herausforderung für jeden Schiffsführer, denn es geht dort zu wie auf einer Autobahn.
Es besteht daher ein vergleichsweise großes Risiko: Der größte Schiffsunfall auf der Ostsee geschah 2001, als aus dem Öltanker „Baltic Carrier“ 2.700 Tonnen Öl ins Meer flossen und etwa 20.000 Vögel starben. Trotzdem ein noch glimpflicher Ausgang – denn selbst ein gewöhnliches großes Frachtschiff führt heute bereits etwa 8.000 Tonnen Öl im Treibstofftank mit sich, vollbeladene Tanker erheblich mehr.
Umso erfreulicher, dass die Weltschifffahrtsorganisation IMO die Ostsee 2004 zum „Besonders Sensiblen Seegebiet“ erklärte. Der WWF hatte jahrelang dafür gekämpft, damit strengere gesetzliche Schutzmaßnahmen für alle Schiffe erlassen werden konnten. Seit 2005 gibt es auf gefährlichen Passagen „Einbahnstraßen“: Schiffe, die in unterschiedliche Richtungen fahren, müssen auch verschiedene Routen nehmen. Außerdem wurden Vogelschutzgebiete ausgewiesen, in denen große Schiffe nicht fahren dürfen. Beide Maßnahmen haben mehr Sicherheit gebracht – aber noch nicht genug. Noch immer gibt es keine Lotsenpflicht. Dabei waren es meist Schiffe ohne diese erfahrenen Berater, die Unfälle verursachten. Der WWF wird daher weiter insistieren, bis diese Selbstverständlichkeit und weitere Umweltstandards endlich gesetzliche Pflicht und umgesetzt werden.
Auch die Fischerei ist heute eine erhebliche Belastung für das biologische Gleichgewicht in der Ostsee. Einst war sie ein prosperierender Wirtschaftzweig, der im Einklang mit der Natur erfolgte. Heute ist der Stör längst ausgerottet, sind die Wildlachsbestände fast völlig vernichtet und die Dorschbestände dramatisch rückläufig. Deren Alttiere sind überfischt und Jungdorsche wachsen immer weniger nach, weil sie in immer größeren sauerstofffreien Todeszonen am Boden absterben. Bislang zeigen die EU-Fischereiminister jedoch wenig Einsicht, die Fangmengen endlich drastisch zu reduzieren.
Lesen Sie weiter im Teil 3: Mehr Klarheit unter Wasser

