WWF Deutschland
Geboren wurde sie als gigantischer Süßwassersee, gespeist von tauenden Gletschern am Ende der letzten Eiszeit. Vor rund 10.000 Jahren schwappte erstmals Meerwasser in die Ostsee – im heutigen Mittelschweden. Dann hob sich das von Eislast erleichterte Land im Norden und versperrte den salzigen Zustrom vom Atlantik. Erst vor etwa 7.500 Jahren schwemmte ein ansteigender Meeresspiegel erneut salzige Fluten in den riesigen Süßwassersee, diesmal über die Landschwelle zwischen schwedischem Festland und dänischen Inseln. Bis heute blieb dieser Durchbruch die einzige Verbindung der Ostsee zum Weltmeer.
Neben dem Salzwasserstrom aus der Nordsee speisen Niederschläge und vor allem mehr als 200 Flüsse die Ostsee mit Süßwasser. Daher entspricht ihr Salzgehalt mit 0,8 Prozent dem von Brackwasser – im Durchschnitt. In Wirklichkeit schmeckt die Ostsee von West nach Ost immer süßer: Während der Salzgehalt im Kattegat noch bei rund drei Prozent liegt (sonstige Nordsee: 3,5 Prozent), sinkt er in der Kieler Förde auf 1,5 Prozent und im Finnischen Meerbusen im Osten sogar auf 0,1 Prozent – was fast schon Süßwasser entspricht.
Und auch von oben nach unten wirkt die Ostsee wie schlecht durchgerührt: Weil salzreiches Nordseewasser schwerer als süßeres Ostseewasser ist, strömt es in der Tiefe über die Schwelle der dänischen Meerengen Belte und Öresund ins Ostseebecken – besonders heftig und weit während der alljährlichen Herbst- oder Winterstürme. Leichteres Ostseewasser hingegen fließt an der Oberfläche in Richtung Westen. Es wird nur bei sehr starken Stürmen mit salzigem Tiefenwasser durchmischt.
Genau diese regelmäßige Durchmischung mit frischem, sauerstoffreichem Salzwasser ist entscheidend für das Ökosystem Ostsee. Sie verhindert einen längeren Sauerstoffmangel am Meeresboden. Als in den Jahren 1977 bis 1993 größere Salzwasserschübe fast ganz ausblieben, starben daraufhin ganze Lebensräume großflächig ab.
Noch gravierender scheint der Klimawandel das Schicksal der Ostsee zu verändern. Nach Prognosen führender Wissenschaftler wird die Ostsee spätestens in 30 Jahren das Mittelmeer als Badewanne Europas ablösen – wenn bis dahin nicht dicke Matten von Blaualgen den Badespaß verderben. Denn das Wasser wird sich um mehrere Grad erwärmen. Die Sommer werden länger – an der Südküste trockener, im Norden regnerischer. Also rosige Aussichten auf polnische Oliven, Mecklenburger Riesling und jede Menge Touristen?
Nur im bestmöglichen Szenario. Damit dies eintreten kann und sich die Ostsee durch die Erderwärmung nicht vollends in ein totes Meer verwandelt, müssen wir die jetzigen Belastungen erheblich verringern:
Auch bei der geplanten Ostseepipeline, dem größten Bauprojekt der ganzen Region, hat der WWF beim russisch-europäischen Konzern Nordstream die erforderlichen Standards für die Umweltprüfungen eingefordert – inklusive des Verzichts auf einen Streckenverlauf durch den Greifswalder Bodden.
Es gibt also noch Einiges zu tun, damit unsere Vision Wirklichkeit wird: Die Ostsee als einzigartiges Erbe der Eiszeit für unsere Kinder und Enkel zu bewahren.
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Titel: Juli 2008
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