Die Rippenqualle

Berüchtigter Alien in der Ostsee

Rippenqualle Mnemiopsis. © Hans-Ulrich Rösner / WWF
Rippenqualle Mnemiopsis. © Hans-Ulrich Rösner / WWF

Groß war der Schreck, als Mnemiopsis leidyi am 17. Oktober 2006 erstmals von Forschern des Leipniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) in der Kieler Förde entdeckt wurde: Der höchstens zehn Zentimeter großen Rippenquallen-Art eilte ein verheerender Ruf als bedrohlicher Alien voraus.

Normalerweise in eher tropisch warmen amerikanischen Atlantikgewässern zu Hause, wurde das Glibberwesen 1982 durch so genanntes Ballastwasser (siehe unten) von Schiffen ins Schwarze Meer eingeschleppt. Die auch als „Meerwalnuss“ bezeichnete Qualle verdrängte dort durch ihren Appetit auf tierisches Plankton und Fischlarven einheimische Arten. Selbst die Delfinbestände gingen dramatisch zurück. Die Fischerei brach nahezu zusammen, die Fischer verloren eine Milliarde US-Dollar.

Steht nun der Ostsee ein ähnliches Menetekel bevor? Eher nicht, beruhigen Forscher vom IFM-Geomar. Zwar sind die Meerwalnüsse inzwischen auch bis in den Bottnischen und Finnischen Meerbusen hinein aufgetaucht. Doch erreicht die Ostsee im Frühjahr, wenn die Fischbrut heranwächst und ein starkes Anwachsen der potentiellen Fraßfeinde kritisch wäre, keine dauerhaften Wassertemperaturen von 25 Grad Celsius, bei denen Mnemiopsis leidyi sich am besten vermehrt und gedeiht. Mit Erwärmung des Wassers bis zum Juli sind dann die meisten Fischlarven bereits soweit angewachsen, dass sie als Beute für die Rippenquallen nicht mehr in Frage kommen. 

Gleichwohl geben die Wissenschaftler keine Entwarnung. Denn Mnemiopsis leidyi kann ununterbrochen fressen, bereits nach zwei Wochen Nachwuchs produzieren und ist zudem sehr widerstandsfähig. Bei neuen Studien im Bornholm-Becken fanden Wissenschatfler zudem im Magen-Darm-Trakt von Rippenquallen Reste von Dorsch-Eiern.

Ballastwasser bringt blinde Passagiere

Der WWF fordert aus diesem Grund einmal mehr, dass die bereits 2004 beschlossene internationale Vereinbarung zur Kontrolle von Schiffsballastwasser und -sedimenten (Ballastwasser-Konvention) endlich in Kraft treten muss. In der Vereinbarung werden die Behandlung und der Austausch von Ballastwasser und der dazugehörigen Technik geregelt.

Denn Ballastwasser bringt blinde Passagiere aus weit entfernten Ozeanen in Ost- und Nordsee. Im Ballastwasser, das die entladenen Schiffe zur Stabilisierung aufnehmen, befinden sich jede Menge Lebewesen – von Fischlarven über Quallen bis zu Krebsen und Algen. Diese werden dann vor der Beladung in die Ostsee gespült und breiten sich aus.

Die Verschleppung von Tieren und Pflanzen über Ballastwasser ist inzwischen eine Bedrohung für den Artenbestand vieler Meere geworden.

Bis jetzt haben der Ballastwasser-Konvention nur 13 Staaten zugestimmt, 30 Nationen wären erforderlich. Deutschland plant, die Vereinbarung dieses Jahr zu ratifizieren.