Die Zukunft der Arten

Natur Natur sein lassen – oder sie einfach sich selbst überlassen: Das bekommen wir alle leicht über die Lippen. Aber, so Josef Reichholf, die Wirklichkeit in Deutschland sieht anders aus. Da überlassen Naturschützer die Natur nach seiner Ansicht nur ungern sich selbst: Kiesgruben werden zugeschüttet und begrünt, Bäche mit Baggern aufwendig renaturiert, Arten massenweise als bedrohte Arten mit viel Aufwand geschützt und der Mensch mit vielen gesetzlichen Regularien aus Schutzgebieten entfernt. In guter Absicht, die "echte" Natur zu erhalten oder eine "ursprüngliche" wiederherzustellen.

"Kaum irgendwo sonst haben sich die Ablehnung von Wandel und die Bevorzugung von Beständigkeit so sehr ausgeprägt wie in der Ökologie", sagt Reichholf. Mit schlimmen Folgen, findet er. Unser Ordnungswahn verhindere natürliche Abläufe: Steinbrüche zum Beispiel werden so rasch wie möglich nach Gebrauch zugeschüttet. Dabei werden gerade offene Gruben als "Extras" der Natur in kürzester Zeit von wunderbar vielen Pflanzen- und Tierarten in Besitz genommen – von Klettergewächsen über Libellen bis hin zu Schlangen.

Zugleich entfremden immer mehr Verbote vor allem Kinder von allem Lebendigen. Gerade in der Schule, sagt Reichholf: Im Biologieunterricht, beklagt der Zoologe, könne zum Beispiel kaum noch etwas Lebendiges gezeigt werden, weil Fachlehrer nicht wüssten, was sie noch ohne Genehmigung zeigen dürfen.

Josef Reichholf, Professor für Biologie und Naturschutz an beiden Münchner Universitäten und Mitglied des WWF-Stiftungsrates, bürstet gerne lieb gewonnene Ansichten konservativer Naturschützer gegen den Strich: "Des Menschen "ökologischer Fußbadruck" belastet längst die ganze Erde bis zum Übermaß. Also soll er wenigstens seinen Fuß nicht direkt in die Natur setzen. Dann sieht auch die große Mehrheit nicht mehr, was draußen in der Natur wirklich vorgeht. Unbefugte werden sich keine Gedanken machen."

Das es dazu nicht kommen darf, macht Reichholf mit seinem neuen Buch unmissverständlich klar. Und er erinnert erneut daran, dass es eigentlich kein ökologisches Gleichgewicht gibt. Natur sei von Natur aus instabil. Die Erde bebt, Vulkane brechen aus. Blitze schlagen zum Beispiel in den Wald ein und schaffen riesige kahle Flächen, auf denen Insekten und Reptilien und jede Menge junge Pflanzen gedeihen können. Überflutungen oder natürliche Entwaldungen nach Gewittern oder Stürmen genügen bereits, um eine Landschaft immer mal wieder tüchtig aufzumischen und damit überhaupt erst eine Vielfalt an Lebensräumen zu schaffen.

Wir vergessen nach Meinung Reichholfs zu oft, dass Natur nicht gleichbedeutend ist mit Stillstand. Naturschutz müsse demnach künftig viel mehr Veränderung zulassen, als uns bislang lieb ist. Ob das in einem Industriestaat mit täglich schrumpfender freier Bodenfläche überhaupt umsetzbar wäre, könnte vielleicht Thema eines weiteren Buches werden.

Auch wenn man nicht alle Ansichten teilt: Dieses Buch regt jeden an, aus ökologischen Denksackgassen wieder herauszukommen.

Bey


Josef H. Reichholf: Die Zukunft der Arten

Neue ökologische Überraschungen
Verlag C.H. Beck 2005
240 Seiten
ISBN 3-406-52786-8, 19,90€