Jahrbuch Ökologie 2006

Jahrbuch Ökologie? Tatsächlich, das gibt es noch. Prall gefüllt mit klugen Artikeln und Essays führender Köpfe des Umwelt- und Naturschutzes, viele von ihnen schon seit Jahrzehnten bekannt, als es noch "die Umweltszene" hieß und die Grünen noch grün waren.

Hermann Scheer ist noch immer der streitbare Verfechter erneuerbarer Energien. Und Ernst-Ulrich von Weizsäcker kämpft weiter für die Effizienzrevolution: Er sieht Autos voraus, die nur noch zwei Liter auf 100 Kilometer verbrauchen und Häuser, die extrem wenig Heizkosten verursachen. Und Hubert Weinzierl fordert erneut eine Wertediskussion und plädiert für "gut leben statt viel haben".

Das alles ist nichts Neues, viele Ideen in diesem Buch sind sogar schon Jahrzehnte alt. Aber ist es deshalb obsolet?

Keineswegs. Es ist das Verdienst des Jahrbuches, gegen den Mainstream zu schwimmen. Denn längst sind wir alle umweltmüde geworden. Das Abschalten von Atomkraftwerken, das Sammeln von Blechdosen und das Emittieren von Treibhausgasen scheint nicht mehr so wichtig angesichts fünf Millionen Arbeitsloser, wachsender Terrorgefahr und drohender Armut. Das ist verständlich.

Nicht verständlich ist indes der Aufruf "Schluss mit dem Umweltschutz", wie er im Landtagswahlkampf in der ersten Jahreshälfte von Politikern zu vernehmen war. Zumal wir nach 30 Jahren Umweltschutz in Deutschland mehr Ressourcen verbrauchen denn je.

"Everything counts in large amounts" scheint das Motto der XXL-Generation: Wir fahren mit monströsen Geländewagen zum Aldi und haben im Durchschnitt mehrere Handys, Digitalkameras, PCs, DVD-Player und Fernseher im Haushalt. Wir ernähren uns vorrangig von industriell vorgefertigter Nahrung und tragen Kleidung, die zumeist in Fernost für wenige Cent hergestellt und über Tausende Kilometer zu uns transportiert wird.

Unser Verbrauch an Rohstoffen, Energie und Landschaft – unser ökologischer Fußabdruck – hat seit 1961 um 160 Prozent zugenommen. Er wuchs damit schneller als die Erdbevölkerung. Die Folgen beschreiben WWF-Geschäftsführer Peter Prokosch und WWF-Umweltsprecher Christoph Heinrich akribisch in ihrem Schlusskapitel des Jahrbuchs: Ob in der Luft, im Wasser oder an Land – die biologische Vielfalt der Erde schwindet dramatischer denn je. Schon jetzt verkonsumieren wir viel mehr an Ressourcen, als nachwachsen kann. Und die aktuellen Trends, so Prokosch und Heinrich, zeigen, dass sich die Menschheit von den "Mindestanforderungen für Nachhaltigkeit" sogar noch weiter entfernt.

Das liegt nicht daran, dass es immer mehr Menschen gibt. Vor allem wir in Europa und den USA leben über unsere Verhältnisse. Schon deshalb ist eine "Versöhnung von Ökonomie und Ökologie", wie Weizsäcker und andere sie in diesem Buch erneut praktikabel skizzieren, so immens wichtig. Denn die Millionen Armen Afrikas klopfen – siehe Marokko – immer lauter an unsere Tore. Und Hunderte von Millionen Menschen Chinas werden sie vermutlich bald einreißen mit ihrer wachsenden Wirtschaftsmacht und ihren immer billigeren Produkten. Unsere Tage des Konsums auf Kosten der Welt sind gezählt.

Die Beiträge des Jahrbuchs zeigen: Die Konzepte für ökologische Vorsorge, für einen nachhaltigen Lebensstil, für eine faire und menschliche Zukunft für die Mehrheit der Weltbevölkerung liegen seit langem in der Schublade. Es ist höchste Zeit, sie herauszuholen und umzusetzen. Deshalb verdient dieses 15. Jahrbuch Ökologie mehr Aufmerksamkeit als vielleicht jemals zuvor.

Bey

Günter Altner, Heike Leitschuh-Fecht, Gerd Michelsen, Udo E. Simonis, Ernst U. v. Weizsäcker (Hrsg.): Jahrbuch Ökologie 2006
C.H. Beck 2005
288 Seiten
ISBN 3-406-52820-1, 14,90 €