Warum Robben kein Blau sehen und Elche ins Altersheim gehen

Pleiten und Pannen im Bauplan der Natur

Nobody is perfect: Das gilt nicht nur für uns Menschen, sondern erstaunlicherweise auch für die Tierwelt, erklärt uns der Wissenschaftsjournalist Jörg Zittkau. Zwar gilt nach wie vor: Gute Anpassung an die Umwelt ist alles. Doch gibt es Tierarten, die ganz offensichtlich gar nicht so perfekt zu ihrem Lebensraum passen – und trotzdem erfolgreich seit Jahrmillionen überleben.

So können ausgerechnet Wale und Robben kein Blau sehen. Und kommen trotzdem unter Wasser bestens zurecht: Dank kreativen Gesängen, Echolot und extrem gutem Gehör.

Die Strumpfbandnatter Nordamerikas bevorzugt aus einer Vielzahl möglicher Delikatessen ausgerechnet Molche, die extrem giftig sind. Dafür zahlt sie einen hohen Preis: Das Molchgift versetzt sie nach Vertilgung des Opfers in Zeitlupe, verlangsamt ihre ganzen Lebensabläufe. So betäubt wird das Raubtier selbst zum potenziellen Opfer von Vögeln. Was jedoch den Artbestand offenbar bislang nicht beeinträchtigt hat.

Koalabären wiederum machen sich eigentlich mit ihrem erlesenen Geschmack das Leben ganz schön schwer: Nur Blätter bestimmter Eukalyptusbaumarten in bestimmtem Reifegrad verspeisen die australischen Kuscheltiere. Das harte, faserige und energiearme Blattwerk können sie nur dank eines gigantischen Blinddarms, eines ständigen Wiederhochwürgens aus dem Magen in den Mundraum sowie einer ganz besonderen Mikroflora im Darm zu Brei zerkleinern. Weil diese kleinen Verdauungshelfer nicht angeboren sind, müssen junge Koalabären einen speziellen Kot ihrer Mutter fressen – als eine Art „probiotischen Joghurtdrink“. Ein enormer Aufwand für eine sichere ökologische Nische. Kein Wunder, dass die Tiere bis zu 20 Stunden am Tag schlafen.

Nicht alle geschilderten über 35 Fälle sind wirkliche Pannen oder Pleiten der Evolution, sondern aus unserer menschlichen Sicht eher eklige Verhaltensweisen – wie das Kotwirbeln der Flusspferde, um Konkurrenten zu beeindrucken –, tragikomische Überlebenskämpfe – wie das tapsige Starten und crashartige Landen der Albatrosse –, oder Freude an sexueller Vielfalt – wie etwa schwules Schmusen von Kraken und Störchen.

Doch bei allen Beispielen wird deutlich: Evolution geht nicht immer gerade Wege, sondern öfter „um die Ecke“. Was für uns Menschen nicht immer Sinn macht. Aber durchweg erfreulich ist: Wer pfiffig oder ausdauernd ist, kommt auch als wenig angepasster Stromlinien-Evolutionär locker Millionen Jahre weiter. Niemand braucht perfekt zu sein, um zu überleben.

Und das ist eine ganz wunderbare Botschaft dieses Buches, die jeder Leser für sich bitte weitertragen möge. Da sehen wir dem Autor auch gerne so manche Flapsigkeit nach, schließlich überwiegt in vielen seiner Texte das Augenzwinkern.

Bey

 

Jörg Zittlau

Warum Robben kein Blau sehen und Elche ins Altersheim gehen. Pleiten und Pannen im Bauplan der Natur
Econ Verlag 2007, 191 Seiten, geb., ISBN-13: 978-3430300124, 18 €