Dr. Eisenbarts Klimatherapie

Michael Crichton: Welt in Angst

"Umweltschützer sind Idioten", verkündete Michael Crichton kürzlich in der Bild. Die Zeitung mit den großen Buchstaben brachte die Botschaft des Bestseller Autors mit drei Worten auf den Punkt. Der Meister selbst braucht in seinem neuesten Werk dafür fast 600 Seiten. Wer dann immer noch nicht verstanden hat, worum es dem Dichter geht, dem sei die Lektüre seines 20seitigen Anhangs nahe gelegt: "Fürchtet euch nicht, alles wird gut".

"State of Fear" – "Welt in Angst" lautet der Titel seines neuesten Buches. Darin lässt Crichton mandeläugige Ökoterroristinnen gegen alles wissende Superhirne antreten. Kriminelle Naturschutzorganisationen inszenieren kalbende Eisberge. Finstere Umweltgangster manipulieren Stürme, initiieren Springfluten und versuchen selbst einen Tsunami auszulösen. Und das alles nur um die These vom drohenden Klimawandel zu untermauern und die leeren Kassen der Umweltschützer aufzufüllen. Doch der finstere Plan scheitert. Der vertrottelte Millionär mit Ökofimmel sieht schließlich ein, dass er sein Geld den Falschen anvertraut hat. Einer der naiven Gutmenschen aus der Umweltecke wird sogar von bösen Kannibalen mit Haut und Haar verspeist.

Damit wäre eigentlich schon alles gesagt, wäre da nicht noch die Message. Ähnlich blutrünstig zieht Crichton mit missionarischem Eifer gegen die Umweltschützer im Allgemeinen und den Klimaschutz im Besonderen zu Felde. Dazu spickt er seinen Roman mit Fußnoten und schickt seinen fiktiven Superhelden vor, um den naiven Ökos ein paar reale Fachaufsätze um die nicht ganz trockenen Ohren zu hauen. Er liegt damit auf einer Linie mit Björn Lomborg und seinem "Apocalypse No" oder mit Maxeiner und Miersch, die vor einigen Jahren die Müsliszene mit ihrem Öko-Optimismus aufgemischt haben.

Zugegeben, Crichton war fleißig. Hin und wieder – etwa bei ihren Ausführungen zum Anstieg des Meersspiegels – liegen seine Romanfiguren zwar daneben, aber das sei einem Literaten zugebilligt. Ärgerlich ist eher die Verbissenheit, mit der er seine Thesen vorbringt. Ob es um die wärmende Rolle von Städten bei der Erfassung von Temperaturdaten oder die Komplexität von Messungen zur Erfassung des Meeresspiegels geht, viele Fragen werden innerhalb der Klimaforschung diskutiert. Der Autor tut aber so, als wäre die Tatsache, dass es in Sachen Klima noch allerhand zu erforschen gibt, ein Beleg für unnötige Klimaangst. Das Gegenteil ist richtig. Das Klima hängt von vielen Faktoren ab: Das Spektrum reicht von Sonnenflecken bis hin zu Vulkanausbrüchen. Weltweit besteht Konsens darüber, dass die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas zu einem zusätzlichen Treibhauseffekt führt.

Crichton, seines Zeichens Mediziner, ist anderer Meinung. Als Dr. Eisenbarth liefert er mit seinem neuen Buch zweifelhafte Rezepte und empfiehlt lieber noch mal 20 Jahre abzuwarten, bevor man teure Klimaschutzmaßnahmen einleitet. Erneuerbare Energien würden sich irgendwann auch von allein durchsetzen. Für die Zuglektüre mag sein Buch reichen. Für die klimapolitische Diskussion ist es ungefähr so geeignet wie Noah Gordons "Medicus" auf einem Kongress von Krebstherapeuten.

JE


Michael Chrichton: Welt in Angst
Broschiert: 608 Seiten
Verlag: Goldmann; Auflage: 1 (November 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN: 3442463041