Weltwunder

Kinder als Naturforscher

"Vor der Schule schauen die Kinder noch genau hin. Im Vorschulalter kann man die Begeisterung für Naturwissenschaften und für verwandte Fächer entfachen, weil sie noch so unverbildet sind von der Schule und dem kanalisierten Lernen." Das sagt der Direktor des Naturkunde-Museums Senckenberg in Frankfurt am Main. Professor Dr. Fritz Steininger hat auch ältere Kinder bei den Museumsführungen beobachtet: "Das Allgemeinwissen ist in den naturwissenschaftlichen Fächern bei den älteren Schülern gleich null. Und dieses Desinteresse."

Eine Erklärung dafür liefert Donata Elschenbroich gleich zu Anfang ihres neuen Buches: Die Erfolgsautorin von "Weltwissen der Siebenjährigen" sieht bei vielen Fragen kleiner Kinder nach dem "Wie" und "Warum" der Dinge ihre Eltern oft überfordert.

Erzieherinnen im Kindergarten wiederum können einem Kind erklären, warum das andere weint. Aber nicht, warum die Tränen salzig schmecken.

Eine Ursache: Frauen vermitteln offenbar vorrangig soziale Kompetenzen. Für naturwissenschaftliche Zusammenhänge, so Elschenbroich, scheinen, von Ausnahmen abgesehen, noch immer die Väter vorrangig zuständig zu sein. Und die glänzen bekanntlich mehrheitlich durch Abwesenheit.

Wo früher sich Söhne und Töchter von Vaters Bastelkompetenz eine Wissensscheibe abschneiden konnten, findet heute das große Schweigen statt. Gemeinsame Zeit ist oft selten: Die Kinder haben ja ihre Gitarren-, Reit- und Fußballstunden.

Noch schlimmer: Die Schulen scheinen den Fehlstart in Sachen Naturwissen zu verstärken - PISA zeigte, wie dürftig deutsche Schüler im Durchschnitt in Physik, Biologie oder Chemie sind. Wie gut, dass man diese Fächer abwählen kann! Und Geologie ist erst gar kein Schulfach. Deshalb erfuhren viele erwachsene Deutsche an Weihnachten letzten Jahres erstmals, dass Erdbeben riesige Flutwellen auslösen können.

Was also ist zu tun? Einfach hinsetzen, zuhören, antworten! Steigen Sie ein in die elementare Grundlagenforschung Ihres Kindes. Denn, so die Autorin: Alle Kinder sind von Natur aus kleine Wissenschaftler, die allem auf den Grund gehen wollen. Wenn man sie lässt, schon beim Frühstück: Woher kommt der Schimmel auf der Marmelade? Und warum bildet sich eine Haut auf der heißen Milch?

Und werden Sie nicht ungeduldig, wenn Ihr Kind rasch abschweift. Seien Sie gewiss: Es kommt bald wieder auf das Thema zurück und wird die passende Fortsetzungsfrage stellen. Vielleicht beim Kochen oder der Autofahrt. Bleiben Sie deshalb immer auf Empfang. Kinder senden ständig ihre Fragen. Und sie sind durchaus einsichtig, wenn Sie kein Superhirn sind. Gemeinsames Suchen im Lexikon, Fachbuch oder Internet kann ganz schön spannend sein. Was Ihr Kind dabei lernt, kann es noch bei der Abfassung seiner Diplomarbeit gebrauchen.

Und vielleicht stellen Sie wie die Autorin fest, dass, so ganz nebenbei, das Suchen ansteckender ist als das Wissen. Halten Sie das Fragen im Fluss, bleiben Sie neugierig, ein Leben lang. Bald werden ein Fünftel der Deutschen über 50 Jahre alt sein. Was für Kinder spontane Welteroberung, so die Autorin, kann für die Älteren ein Wiedererkennen von einst gestellten, unbeantworteten Fragen und zu kurz gekommenen Interessen werden. Wer weiß, vielleicht wird die Vision von Donata Elschenbroich bald Wirklichkeit: Statt dem Enkel den Daumen zu zeigen, wie er die Pflaumen schüttelt, untersucht die Großmutter mit ihm den Stromkreis.

"Kinder als Naturforscher" als Untertitel ist daher eigentlich zu kurz gegriffen. Donata Elschenbroich hat klammheimlich eine Anleitung zum Neugierigbleiben für die Eltern geschrieben – voller Lebensweisheiten wie der, dass gerade den lebensfrohen Menschen die Fragen wohl nie ausgehen werden.

Bey

Donata Elschenbroich: Weltwunder
Kinder als Naturforscher
Verlag Antje Kunstmann 2005
270 Seiten
ISBN 3-88897-398-8, 19,90 €