Im Taumel stiller Pfade

Die Wildnis erschließt sich dem modernen Menschen auf erlebnistherapeutische Weise, meint Ulf Doerner: Sie bietet uns ein seelisches Naturheilverfahren, wenn wir uns auf sie einlassen – wie auf einer Wanderung in Südafrikas Hluhluwe Umfolozi-Nationalpark

© B. Doerner
© B. Doerner

Alle Religionen berichten über die Wildnis als einen Ort der Offenbarungen. Das archaische Wissen darüber war allen Naturvölkern zu eigen und spiegelte sich in ihren kulturellen Initiationsriten wieder. Dahinter verbarg sich eine mystische Reise ins Ungewisse, an dessen Ende die Heimkehr eines neuen Menschen stand. Die wesentliche Erfahrung war jedoch die Reise selbst – der Weg als das Ziel.

Mitte der 80er Jahre lockte mich das Abenteuer nach Afrika. Meine Leidenschaft für Naturfotografie führte mich zu Dr. Ian Player, dem Gründer der Wilderness Leadership School. Er lud mich ein, gemeinsam mit ein paar Bekannten eine fünftägige Wanderung durch die Wildnis anzutreten. „Eine Wanderung durch den Busch, fernab der Zivilisation, schlafen unter freiem Himmel, Lagerfeuerromantik und die Vorstellung von der Begegnung mit wilden Tieren in freier Wildbahn,“ all das klang nach Abenteuer und einer guten
Fotoausbeute.

Im Hluhluwe Umfolozi-Nationalpark angekommen, stieß ich zu meiner Gruppe und lernte unsere beiden Ranger kennen. Andächtig lauschten wir ihren Sicherheitsanweisungen, versicherten uns ihrer Gewehre und erklärten uns einverstanden, die bevorstehende Wanderung auf eigenes Risiko zu machen. Mit der Unterschrift nabelten wir uns ab von einer bequemen und geschützten Welt.

Nachdem wir auf Empfehlung unserer Ranger nur das Nötigste in unsere Rucksäcke gepackt hatten, verließen wir die Zivilisation. Schweigend marschierten wir los, in Reih‘ und Glied. Einen Stein in der Linken, einen Stock in der Rechten, beides fest umklammert. Sie dämpften unsere nervöse Vorahnung, schon bald Aug in Aug hungrigen Löwen gegenüber zu stehen.

Den Rucksack auf dem Rücken und die Nase im Wind folgten wir den Trampelpfaden der Nashörner, die sich kreuz und quer durch die bewaldeten Hügellandschaften bahnten. Schmerzhaft lernten wir, uns trittsicher auf diesen Pfaden zu bewegen, denn abseits lauerten Stolperfallen, dornige Zweige und stachliges Gestrüpp.

Es war der erste Tag in der Wildnis. Nichts von dem, was wir taten, war Routine. Nichts von dem, was wir erlebten, war so erahnt. Jeder Schritt zwang zur Aufmerksamkeit, wollte man nicht stolpern oder stürzen. Der Rucksack wurde immer schwerer und zerrte an den Schultern. Die trockene Hitze machte durstig und die Sonne brannte unerbittlich. All diese Ungewohnheiten beschäftigten unsere Sinne und wir merkten gar nicht, dass uns eine Herde Zebras aufmerksam hinterher blickte.

Inzwischen war es später Nachmittag. In der Nähe des Flusses suchten wir erschöpft ein geeignetes Nachtlager. Es sollte ein wenig abseits der Trampelpfade liegen, damit die nächtlich umherziehenden Tiere nicht direkt auf unsere Schlafsäcke zumarschierten. Die Zeit drängte. Noch vor Sonnenuntergang galt es, ausreichend Feuerholz für die Nacht zu sammeln und Wasser zum Kochen zu holen. Danach stand der Aussicht auf ein erfrischendes Bad im Fluss allenfalls ein Krokodil im Wege.

Die schnell einfallende Dunkelheit ließ uns im Schutzkreis des flackernden Feuers eng zusammenrücken. Die bedrohlichen Schreie der Wildnis und unsere aufsteigenden Ängste verliehen den lautlos huschenden Schatten immer neue Fratzen. Aus dem Dickicht drang das aufgeregte Hufgeklapper unsichtbarer Herden, gehetzt vom Heulton einer streunenden Hyäne. Affen kreischten und immer näher rückte das Brüllen der Löwen. Die Welt dort draußen schien gleich jenseits des Feuerscheins zu lauern.

Langsam erahnte ich die Bedeutung der nächsten Prüfung: die Nachtwache! Jedem von uns standen eineinhalb Stunden bevor, in denen wir alleine am Lagerfeuer sitzen und angespannt in die Schwärze der Nacht hineinhorchen würden. Immer bereit, dem Ranger vom nahenden Unheil zu berichten und so für die Sicherheit der Gruppe zu sorgen. Da half auch nicht die ruhige Art und Weise, mit der die Ranger das Abendessen hingebungsvoll zubereiteten. Es kam einer gefühlten Henkersmahlzeit gleich. Eine letzte Tasse Tee und jeder zog sich still in seinen Schlafsack zurück.

All diese Eindrücke forderten meine Sinne aufs Äußerste heraus. Nie zuvor hörte ich besser und mehr, obwohl es still war. Nie zuvor sah ich besser und mehr, obwohl es dunkel war. Nie zuvor fühlte ich besser und mehr, obwohl mich nicht einmal ein Windhauch umgab. Und nie zuvor war ich orientierungsloser, gerade weil die Sinne alles in meine unmittelbare Nähe zu rücken suchten.

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