Im Taumel stiller Pfade
Teil 2

- © U. Doerner
Der ferne Klang umherziehender Hornraben kündigte die Morgenröte an. Die augenblickliche Freude überwog die Müdigkeit einer schlecht durchträumten Nacht. Beim Frühstück berichtete jeder von den einsam erlebten Momenten, die mehr ängstliche Fragen als einfache Antworten aufwarfen. Unser Nachtlager verließen wir so, wie wir es vorgefunden hatten. Sorgsam hatten wir die Feuerstelle beseitigt und unsere Spuren verwischt. Niemand sollte erkennen, dass hier einmal ein Lagerplatz war.
Der Rucksack kam mir heute schwerer vor. Aber vielleicht war es auch nur der Muskelkater. Wir brachen auf und folgten den Wildwechseln. Keinen Stein mehr in der Hand und auch keinen Stock. Scharfe Gräser und spitze Dornen griffen ständig nach unseren Beinen. Mühsam durchwateten wir Flüsse, wanderten hügelauf und hügelab. Bald hatten wir vergessen, woher wir kamen und trotteten müde unseren Fußspitzen hinterher.
Die Mittagshitze legte sich lähmend über das Land. Im Schatten einer Schirmakazie rasteten wir. Kaum einer von uns, der den Ausblick genießen konnte. Zu müde waren Körper und Geist.
Am nächsten Morgen änderte sich etwas. Jeder von uns hatte tief und fest geschlafen. Auch ich erwachte erholt aus meiner Erschöpfung auf. Zum ersten Mal nahm ich den würzigen Geruch der trockenen Erde wahr. Auch andere hörte ich von neu Entdecktem erzählen. Nach dem Frühstück machten uns auf, die Wildnis auf ihren verschlungenen Pfaden zu entdecken. Alles, was aussah wie gestern, war heute anders. Meine Sinne hatten begonnen sich dem, was mich umgab, zu öffnen. Die staubigen Tierspuren der vergangenen Nacht erwachten zum Leben. Ich hörte ein paar Antilopen durchs Unterholz sprengen und am Horizont erblickte ich eine Büffelherde seelenruhig grasend in der Morgensonne. Über uns zog schwerelos ein Adler seine Kreise und mit ihm verflog der dritte Tag.
Im wärmenden Morgenlicht zitterte das taugeschmückte Radnetz einer regungslosen Spinne. Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten den Schlaf aus unseren Augen. Es dauerte nicht lange und wir saßen beisammen, vertieft ins Gespräch. Neugierig und in Vorfreude brannten wir darauf, den neuen Tag zu erleben, ganz gleich was er für uns bereithielt.
Etwas in uns hatte sich verändert. Die Furcht vor dem Unbekannten, das Hadern mit dem Ungewohnten, war Vertrauen gewichen. Beschwingt und frohgemut machten wir uns auf die Pirsch.
Tiere in der freien Wildbahn zu beobachten, hatte ich mir sehr viel leichter vorgestellt. Doch zu schnell war unsere Tarnung weg. Mal war es die Nase, die juckte, oder die Hose, die zwickte. Mal war es ein Zweig, der knackte, oder der Wind, der sich drehte. Wohin wir auch gingen, die Tiere hielten uns auf sicheren Abstand.
Dann kam Aug in Aug ganz unverhofft der plötzliche Ansturm eines ziemlich schlecht gelaunten Nashorns, was mir bis heute in bleibender, wenn auch verwackelter Erinnerung ist. Wir hatten das Nashorn in seiner Suhle übersehen und aus dem Schlaf aufgeschreckt.
Die Zeit verstrich und langsam ging der Tag zur Neige. Schlafplatz suchen, Feuerholz sammeln, Wasser holen und beim Kochen helfen war zum Ritual geworden, dass den Tag beschloss. Auf meine letzte Nachtwache freute ich mich ganz besonders, denn schon morgen würden wir uns auf den Rückweg machen. Inzwischen hatte ich gelernt, die vermeintlich bedrohlichen Geräusche ihren Ursachen zuzuordnen. Die Stimmen der Nacht, sie murmelten jetzt in der Ferne und wir schliefen ungestört.
Nur das Knistern des Feuers schien immer deutlicher mit meiner Seele zu sprechen. Sein anfänglich leises Flüstern war mir vertraut geworden. Fragend blickte ich in das Firmament, das mich nun in seinen Armen hielt. Am vierten Tag war ich in der Wildnis angekommen. Zum letzten Mal auf dieser Reise entstieg die Sonne dem tiefen Horizont. Der perlende Gesang des Regenvogels lag verheißungsvoll in der Morgenluft.
Die Zeit der Heimreise war gekommen. Aufrecht und still saßen wir in unseren Schlafsäcken, während die Welt sich vor uns ausbreitete. Die Natur war wie ein Mandala, das die Wildnis täglich neu erschuf. Die Erlebnisse vergangener Tage fügten sich in Demut und Dankbarkeit zu einem neuen Bild zusammen.
Nachdenklich bereitete sich jeder auf seinen Abschied vor. Was blieb am Ende übrig, außer den Erinnerungen an eine Reise, die kein Ziel kannte? Vielleicht war es die Einsicht, dass uns die Wildnis von der seelischen Bürde selbst geschöpfter Götzen zu befreien vermag. Für ein paar Tage drehte sich nicht die Welt um uns, sondern wir drehten uns in der Welt.
Und ich? Ich dachte, ich kam des Abenteuers wegen hierher. Mein größtes Abenteuer jedoch war die Begegnung mit mir selbst. Und dabei erlebte ich die Wildnis als meinen verloren geglaubten Zwilling, der mich die Landschaft meiner eigenen Seele erblicken ließ.
Ulf Doerner, Mitglied des WWF-Stiftungsrates

