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Kaum noch wilde Miesmuscheln im Nationalpark - doch die Befischung geht weiter

12. Dezember 2011

Kritik an Umweltministerium in Schleswig-Holstein: „Keine Rücksicht auf den Nationalpark!“

 

Hamburg/Husum - Tief enttäuscht sind die Naturschutzverbände Schutzstation Wattenmeer, NABU und WWF über das schleswig-holsteinische Umweltministerium. Sie werfen ihm vor, bei der Fischerei keine Rücksicht auf den Schutz des Nationalparks zu nehmen. So seien nur noch zehn Prozent der einstigen Bestände an natürlichen Miesmuschelbänken vorhanden. Die Fischerei soll dennoch fast unverändert für weitere 15 Jahre fortgeführt werden.  

 

„Die Bestände der Miesmuscheln sind dramatisch zusammengebrochen“, beklagt Silvia Gaus, Naturschutzexpertin bei der Schutzstation Wattenmeer. Dies gälte nicht nur für die Muschelbänke auf den trockenfallenden Wattflächen. Nach neuen Erkenntnissen seien auch im ständig wasserbedeckten Teil des Nationalparks Wattenmeer keine wilden Miesmuschelriffe mehr zu finden. „Damit geht ein Teil der biologischen Vielfalt des Wattenmeeres verloren, denn Miesmuscheln bilden mit ihren Bänken Riffe, auf denen viele andere Organismen leben“, so Gaus. Miesmuscheln sind auch die Lebensgrundlage von Wattvögeln wie Austernfischern und Eiderenten, deren Bestände ebenfalls zurückgehen. Nach Auffassung der Naturschutzverbände ist die Befischung der Muscheln für die negative Entwicklung mit verantwortlich.

 

„Es ist abenteuerlich, unter diesem Umständen die Fischerei fast unverändert fortzusetzen“, sagte Hermann Schultz, Vorsitzender des NABU Schleswig-Holstein. „Noch unverantwortlicher ist es, dies gleich für 15 Jahre bis zum Jahr 2026 festschreiben zu wollen, und dies alles noch bis zum Jahresende übereilt zu unterschreiben.“ Zwar beteilige man die Nationalpark-Kuratorien, die eigens Sitzungen in den Tagen vor Weihnachten abhalten wollen. Doch hat das Ministerium schon bei mehreren Gelegenheiten darauf hingewiesen, dass man sich an deren Beschlüssen nicht orientieren müsse.  

 

Den Import von Besatzmuscheln aus entfernten Regionen, mit denen man nun die Kulturflächen der Muschelfischer auffüllt, lehnen die Naturschutzverbände ab. Die Risiken für den Nationalpark sind viel zu groß, denn andere Arten reisen mit den Muscheln mit. Sie haften beispielsweise als Larven an ihnen, oder leben als Parasiten in den Muscheln. Viele können weder gefunden noch sicher entfernt werden, so dass mit solchen Importen weitere gebietsfremde und invasive Arten in das Wattenmeer eingeschleppt werden können.  

 

„So kann es nicht weitergehen,“ sagt Hans-Ulrich Rösner vom WWF. „Viele Menschen  sind stolz auf mehr als 25 Jahre Nationalpark Wattenmeer und die Anerkennung dieses einmaligen Gebietes als Weltnaturerbe. Doch wenn eine konkrete Entscheidung für die Natur gefragt ist, versagt das Ministerium. Es muss ohne künstlichen oder durch Wahltermine erzeugten politischen Druck nach einer Lösung gesucht werden, die den Nationalpark berücksichtigt.“ Bis dahin dürften die Muschelfischerei-Lizenzen nur für eine kurze Übergangszeit verlängert und die Genehmigung zum Import von Besatzmuscheln müsste ausgesetzt werden, so die klare Forderung der drei Naturschutzverbände.    

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