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Modell Deutschland: Ausweg aus dem Treibhaus

15. Oktober 2009

WWF-Studie „Modell Deutschland“: Der Weg zu 95% weniger Treibhausgasemissionen

 

Berlin - Die Klimawissenschaftler sind sich weitgehend einig: Die globale Temperatur darf nicht um mehr als zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten steigen. Nur so lassen sich die schlimmsten Folgen des Klimawandels abwenden. Dazu müssen die Industrieländer ihre Treibhausgase allerdings bis 2050 um 95 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Wie dieses Ziel erreicht werden kann, zeigt die heute in Berlin vorgestellte Studie des WWF: „Modell Deutschland – Klimaschutz bis 2050“. Die WWF-Studie liefert ein Navigationssystem zum Klimaschutzziel 2050 und zeigt, dass Emissionsminderungen von 95 Prozent möglich und bezahlbar sind. „Modell Deutschland zeigt, dass der geforderte Wandel von der klimaschädlichen zur klimaverträglichen Wirtschaftsweise möglich und unabdingbar ist. Er schafft Stabilität, Sicherheit, Wohlstand und neue Arbeitsplätze für Deutschland“, erklärt Eberhard Brandes, Geschäftsführer des WWF Deutschland.  

 

Die Studie, erstellt von der Arbeitsgemeinschaft Prognos AG, Öko-Institut und Dr. Ziesing, entwickelt aus der Utopie erstmalig einen durchgerechneten Politikentwurf. Sie beschreibt bis ins Jahr 2030 detailliert und übergreifend die erforderlichen technischen Maßnahmen und politischen Instrumente, um das 95%-Ziel zu erreichen. Im Jahr 2050 können die Deutschen demnach einen CO2-Ausstoß von 0,3 t pro Kopf (anstelle der heutigen 11 t) erreichen – ohne dass sich das Leben dramatisch verändert.  

 

Die Mehrkosten für eine derartige Reduktion sind laut WWF-Studie überschaubar und liegen bei durchschnittlich 0,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Dafür müsse die neue Regierung jedoch langfristig planen und gleichzeitig schnell handeln. Denn selbst eine ambitionierte Weiterführung der bisherigen deutschen Energie- und Klimaschutzpolitik führe bestenfalls zu einer Reduzierung um 45 Prozent bis 2050. „Die Berechnung der Treibhausgasemissionen zeigt unmissverständlich, dass Deutschland mit den bisherigen Maßnahmen das geforderte Reduktionsziel dramatisch verfehlen wird“, erklärt Regine Günther, WWF-Klimachefin.  

 

Die Gutachter haben ermittelt, dass gezielte Investitionen und Förderungen von Innovationen in allen Bereichen notwendig sind, um minus 95 Prozent zu erreichen. Es wurden erstmalig die komplexen Zusammenhänge zwischen allen Bereichen analysiert. Als zentrale Handlungsfelder wurden die Stromerzeugung, der Gebäudesektor, der Straßenverkehr sowie die Industrie ermittelt. Ohne den Einbezug der Landwirtschaft sowie der Landnutzung sei das ambitionierte Klimaschutzziel jedoch nicht zu erreichen. „Anspruchsvoller Klimaschutz muss endlich alle Sektoren erfassen“, so Regine Günther. „Die Mehrheit der Treibhausgasminderungen hängt von sehr langfristigen Entscheidungen ab. Die heute vermeintlich preiswerten Wege führen langfristig häufig in die Irre.“  

 

Neben einer massiven Steigerung der Energieeffizienz spielen die Erneuerbaren Energien eine herausragende Rolle für das „Modell Deutschland“. Sie könnten 83 Prozent der Stromerzeugung bis 2050 ausmachen. Dafür würden intelligente Stromnetze, massiv ausgebaute Speicherkapazitäten sowie neue Marktregeln benötigt. „Laufzeitverlängerungen der Atomkraftwerke sowie neue Kohlekraftwerke sind für das Reduktionsziel überflüssig“, betont Eberhard Brandes. Auch für den Verkehrssektor sind im Modell Deutschland die erneuerbaren Energien extrem wichtig, denn bis 2050 werden zu 80 Prozent Hybrid- und Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein. Die Effizienz des gesamten Fahrzeugparks muss um 60 Prozent erhöht werden. Neben der Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene könne die Nutzung nachhaltig erzeugter Biotreibstoffe wesentlich zur Emis­sionsreduktion im Verkehrssektor beitragen. 

 

„Wir werden 2050 gut leben können und dabei kaum noch Treibhausgase produzieren“, so Günther. Klimaschonende Produkte und neue Technologien, wie Induktionsherde beim Kochen, LED bei der Beleuchtung oder wasserfreie Waschmaschinen, würden sich in den Haushalten durchsetzen. Durch eine massiv ausgebaute Dämmung verringert sich der Heizwärmebedarf um rund 85 Prozent und ein geringerer und gesünderer Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten führt zu einer signifikanten Senkung von Methan- und Lachgasemissionen in der Landwirtschaft.  

 

„Die Studie sendet eine klare Botschaft an die laufenden Koalitionsverhandlungen, dass der Klimaschutz ganz anders positioniert werden muss. Wenn wir Klimaschutz weiter nur als Stückwerk betrachten, werden wir nicht erfolgreich sein“, so Brandes.  

 

„Mit „Modell Deutschland“ wollen wir der internationalen Gemeinschaft in Kopenhagen im Dezember eine realistische Strategie für eine kohlenstofffreie Wirtschaftsentwicklung bis 2050 vorlegen“, so Brandes weiter. „Deutschland könnte damit zum Entwicklungsmodell für andere Länder werden und wieder eine Vorreiterrolle bei den Klimaverhandlungen einnehmen. Wir müssen diesen Weg nur beschreiten wollen.“

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