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Stand: 25.11.2016

Foodwatch hat uns etwas zu Mineralöl im Adventskalender von Netto gefragt – hier unsere Antwort

Adventskalender von Netto Marken-Discount
Adventskalender

Die Anfrage von Foodwatch an den WWF

Sehr geehrter Herr Brandes,

 

in einer vom WWF beauftragten Untersuchung eines Adventskalenders von Netto Markendiscount wurden sowohl gesättigte (MOSH), als auch aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe (MOAH) nachgewiesen. Die Untersuchungsergebnisse wurden in einer heute vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit veröffentlichten Untersuchung bestätigt.

 

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stuft MOAH als „möglicherweise krebserregend und erbgutverändernd“ ein. Für derartige Substanzen lässt sich keine unbedenkliche Aufnahmemenge definieren, sie sollen grundsätzlich nicht in Lebensmitteln nachweisbar sein Für detailliertere Informationen zu Mineralölen in Lebensmitteln und den durch deren Aufnahme über die Nahrung verbundenen Gesundheitsrisiken verweisen wir auf die „Scientific Opinion on Mineral Oil Hydrocarbons in Food“  der EFSA (http://tinyurl.com/EFSA-MOH). Auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist der Ansicht, dass „aufgrund des möglichen krebserzeugenden Potentials […] kein nachweisbarer Übergang von MOAH auf Lebensmittel stattfinden sollte“. Für MOSH gibt es Belege für eine Anreicherung im menschlichen Körper. Das BfR ist daher der Ansicht, dass „der Übergang dieser Substanzen so weit wie technisch möglich minimiert werden [sollte]“ (http://tinyurl.com/BfR-Q-A-MOH).

 

Auf seiner Website äußert sich der WWF wie folgt zu dem Vorfall: „Wir sehen Netto Marken-Discount in der Verantwortung, auf das vorliegende Ergebnis angemessen und im Sinne der Verbraucher zu reagieren. Aus dem Verkauf erzielte Erlöse, die eigentlich WWF-Artenschutzprojekten zugutekommen sollten, nehmen wir nicht in Anspruch.“

 

foodwatch begrüßt, dass der WWF das Problem anerkennt und auf die aus dem Verkauf der belasteten Adventskalender erzielten Erlöse verzichtet. Dies ändert jedoch nichts daran, dass sich die Adventskalender weiterhin im Verkauf befinden: Der Hersteller Netto Markendiscount hat bislang darauf verzichtet, die Produkte aus dem Sortiment zu nehmen und öffentlich zurückzurufen. Dass es auch anders geht, beweist die Handelskette Norma, die die belasteten Adventskalender des Herstellers Rübezahl öffentlich zurückruft: https://www.produktwarnung.eu/2016/11/23/ruecknahme-mineraloelrueckstaende-norma-nimmt-adventskalender-vom-markt/4325

 

Uns verwundert, dass der WWF aus einer eigenen Untersuchung schon vor rund 10 Tagen von der MOAH-Belastung des Adventskalenders erfahren hat, dies jedoch erst am heutigen Tag – nach der Veröffentlichung des LGL – publik gemacht hat, offenbar in Kenntnis der Tatsache, dass Netto die belasteten Produkte weiterverkauft. Konsumentinnen und Konsumenten verbinden mit Lebensmitteln, die das WWF-Logo tragen, eine besondere Produktqualität, die im Fall der belasteten Adventskalender nicht gegeben ist – ganz im Gegenteil. Wir sind davon überzeugt, dass es nicht im Interesse des WWF sein kann, dass ein Produkt, von dem laut EFSA insbesondere für Kinder eine Gesundheitsgefahr ausgeht, mit dem Logo des WWF vermarktet wird.

 

Daher fordern wir den WWF ausdrücklich dazu auf, gegenüber dem Hersteller eine klarere Stellung zu beziehen und von Netto Markendiscount öffentlich zu verlangen, den Verkauf der belasteten Adventskalender zu stoppen und die bereits verkauften Exemplare noch vor dem 1. Dezember 2016 zurückzurufen. Da ab diesem Datum die Schokolade – vorwiegend von Kindern – verzehrt wird, bitten wir kurzfristig um eine Stellungnahme bis Freitag, den 25.11.2016, 10:00 Uhr.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Matthias Wolfschmidt (Stellvertretender Geschäftsführer und Leiter Kampagnen)

Johannes Heeg (Campaigner)

Unsere Antwort an Foodwatch

Sehr geehrter Herr Wolfschmidt,

sehr geehrter Herr Heeg,

 

vielen Dank für Ihre Mail und Ihr Interesse an unserer Position. Gerne stelle ich Ihnen den Sachverhalt aus unserer Sicht dar.

 

Die Belastung von Lebensmitteln mit Mineralölrückständen wird seit etwa 10 Jahren intensiv diskutiert. Weil die Eintragsquellen entlang der Produktions- und Lieferketten so vielfältig sind und die Einträge massiv sein können, gelten physikalische Barrieren als eine der wirksamen Minimierungsmaßnahmen gegen die Migration von Mineralölrückständen auf Lebensmittel. Netto Marken-Discount hat daher bei der Produktion des Adventskalenders, auch beraten durch uns, sehr viel Sorgfalt verwendet, um eine Migration von Mineralölen auf die Schokolade nach der Produktion zu verhindern bzw. zu minimieren: Die Pappverpackung ist aus Frischfaser, die verwendeten Druckfarben sind frei von Mineralöl, die Schokoladenstücke sind einzeln mit einer Schutzfolie aus Aluminium und einer weiteren Papierverpackung umwickelt.

Diese physikalischen Barrieren sollten verhindern, dass Mineralölrückstände z.B. aus Recyclingmaterial in die verarbeitete fair gehandelte Bio-Schokolade im Kalender übergehen, auch nicht beispielsweise aus Transportverpackungen oder bei der Lagerung im Geschäft. Wir haben diese Vermeidungsmaßnahmen ausdrücklich begrüßt, obwohl sie – mit Blick auf den Verbrauch von Rohstoffen und Verpackungsmaterial – für uns nicht ideal sind.

 

Wir haben Anfang November einen einzelnen Adventskalender in einem Berliner Netto Marken-Discount erworben, um eine Stichprobe zu nehmen und die darin enthaltene Schokolade von einem unabhängigen Labor untersuchen zu lassen; das Prüfergebnis dieser Einzelprobe vom 14. November finden Sie auf unserer Webseite hier.

 

Wir haben Netto Marken-Discount umgehend darüber informiert, dass unsere Einzeluntersuchung im Ergebnis die vom BMEL vorgeschlagenen Werte hinsichtlich eines möglichen Übergangs von MOSH und MOAH aus der Verpackung in das Lebensmittel überschreitet. Uns war bekannt,  dass auch das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) eine Untersuchung von verschiedenen Adventskalendern vorgenommen hat und in Kürze mit einer Veröffentlichung der Ergebnisse zu rechnen war. 

 

Wir haben entschieden, diese anstehende Veröffentlichung durch das LGL abzuwarten, um das Ergebnis der von uns beauftragten Einzelprobe durch ein behördliches Untersuchungsergebnis zu validieren.

 

Das LGL hat kurz darauf am 23.11. (fünf Tage später als ursprünglich angekündigt) seine Ergebnisse zur „Risikoorientierten Untersuchung von Adventskalendern“ veröffentlicht. Von fünf Kalendern wurden jeweils Verpackungen und Schokoladen untersucht (siehe: https://www.lgl.bayern.de/adventskalender_mineraloelbestandteile).

 

Das LGL bescheinigt den Herstellern Problembewusstsein, es schreibt: „Die Analyseergebnisse zeigen, dass sich die Hersteller der Problematik bewusst geworden sind, denn die Kalender sind so gestaltet, dass eine Kontamination der Schokoladen v. a. mit MOAH durch die Kartonverpackung vermieden wird. Allerdings sind andere Quellen nicht sicher auszuschließen.“

 

In allen Schokoladen wurde MOSH nachgewiesen. Laut LGL führen die MOSH-Konzentrationen in den Schokoladen nach einer toxikologischen Einschätzung zu keiner Gesundheitsgefährdung. In drei der fünf Kalender wurde MOAH in der Schokolade nachgewiesen. Das LGL konstatiert zu diesen Untersuchungen: „Das Ergebnis: Der Verzehr von Adventskalenderschokolade gibt auf Grundlage der vorliegenden Ergebnisse und Erkenntnisse nach Auffassung des LGL keinen Anlass zur Besorgnis. Auch lebensmittelrechtlich sind die festgestellten MOSH- und MOAH-Gehalte nicht zu beanstanden.“

 

Darüber hinaus erkennt das LGL einen umfassenderen Untersuchungsbedarf und kündigt an „Da Adventskalender jedoch saisonale Produkte darstellen und für sich alleine keine umfassende Risikoabschätzung ermöglichen, erweitert das LGL seinen Untersuchungsradius auch auf andere Schokoladenerzeugnisse, die ganzjährig und in größeren Mengen verzehrt werden. Die Untersuchungsergebnisse sollen einen grundlegenden Beitrag für künftige Beurteilungen und Grenzwertfestlegungen durch nationale oder europäische Behörden liefern und werden den entsprechenden wissenschaftlichen EU-Institutionen übermittelt.“

 

Der WWF begrüßt dies ausdrücklich, da es dazu dient, den Fokus der Auseinandersetzung auf eine generelle und politische Ebene zu heben.

 

Wir haben direkt nach Bekanntgabe der offiziellen Untersuchungsergebnisse durch das LGL umgehend auf unseren Kanälen informiert (u.a wwf.de, facebook). Auch wenn das Produkt lebensmittelrechtlich derzeit nicht zu beanstanden ist (worauf auch das LGL auf seiner Website ausdrücklich hinweist) haben wir klargestellt, dass wir aus dem Verkauf erzielte Erlöse, die eigentlich WWF-Artenschutzprojekten zugutekommen sollten, nicht in Anspruch nehmen werden. Aus Sicht des WWF sollte die Aufnahme von Mineralölrückständen über Lebensmittel vorsorglich vermieden werden.

 

Wir sehen Netto Marken-Discount in der Verantwortung, auf das vorliegende Ergebnis der Untersuchung des LGL angemessen und im Sinne der Verbraucher zu reagieren. Das Themenfeld Verpackungen ist generell ein wichtiger Bestandteil unserer Partnerschaft mit Netto Marken-Discount. Auch das Thema "möglicher Übergang von Mineralölbestandteilen aus Verpackungen auf das Lebensmittel und deren Minimierung" ist ein Ziel im Rahmen der Partnerschaft, das wir gemeinsam angehen. Hersteller- und Produzentenverantwortung zu stärken, sind Kernanliegen des WWF. Uns ist es daher wichtig, dass Netto Marken-Discount seine unternehmerische Verantwortung wahrnimmt und über den Umgang mit dem Kalender entscheidet. 

 

Wir werden über unsere eigenen Kommunikationskanäle weiterhin über die Problematik informieren. Denn aus unserer Sicht ist es erforderlich, Mineralölrückstände in Lebensmitteln über alle Einzelaktionen hinaus zum Thema von Politik und der Hauptverantwortlichen für den Eintrag von Mineralölen in Verpackungen zu machen.

 

Der WWF sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, verbindliche Grenzwerte für die Belastung von Lebensmitteln zu entwickeln, auch wenn Grenzwerte allein das Problem nicht lösen werden. Wirksam adressiert werden müssen bekannte Haupteintragsquellen von Mineralölen entlang der Lieferkette, z.B. bei Anbau, Ernte und Produktion durch Maschinenöle, aber vor allem durch den Übergang von Mineralölrückständen aus Verpackungen auf die Lebensmittel. Seit vielen Jahren ist bekannt, dass v.a. die von Zeitungen eingesetzte Druckerfarbe eine der Hauptquellen für Mineralölrückstände in Recyclingkartons ist und Lebensmittel belastet. Um das Problem der Haupteintragsquellen im Sinne von Umwelt und Verbrauchern wirksam zu lösen, müssen Verlage und Druckereien endlich in die Pflicht genommen werden. Alle bisherigen Versuche mit den Verlagen und insbesondere dem BDZV zu Lösungen zu kommen, blieben erfolglos. Hier sind unserer Auffassung nach sowohl die Branche als auch der Gesetzgeber gefordert.

 

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und verbleibe

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Jörg-Andreas Krüger

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