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Rechnung für verfehlte Flusspolitik

18. April 2006

Hochwasser an der rumänischen Donau: WWF fordert Renaturierung der Auen

 

Frankfurt, 18. April 2006-Die dramatischen Pegelstände entlang der Donau zeigen erneut, dass eine vorausschauende und grenzüberschreitende Hochwasserschutzpolitik nötig ist. 'Wenn die Fluten erst einmal da sind, kann man nur noch die Schäden begrenzen. Deshalb war die Entscheidung der rumänischen Regierung, die Deiche in möglichst unbewohnten Regionen zu öffnen, absolut richtig', findet Martin Geiger, Leiter des Fachbereichs Süßwasser beim WWF Deutschland. Weitaus wichtiger als solche Feuerwehrmaßnahmen seien aber langfristige Konzepte. Gerade in Rumänien bieten sich laut Geiger hervorragende Möglichkeiten, riesige Flächen als natürliche Überflutungsgebiete zurückzugewinnen. Eine WWF-Studie von 1999 weist allein in Rumänien mindestens 120.000 Hektar ehemalige Auengebiete aus, die wieder an die Donau angebunden und renaturiert werden sollten. So würde das Hochwasserrisiko erheblich entschärft und zugleich ein einmaliges europäisches Naturerbe wieder hergestellt und gesichert.

 

 

 

Die aktuellen Hochwasserschäden sind zum großen Teil noch eine verspätete Rechnung aus der Zeit des Kalten Krieges: Nicolae Ceaucescu ließ bis in die 1970er Jahre hinein die Sümpfe und Auwälder entlang der Donau für landwirtschaftliche Zwecke trockenlegen. Im Donau-Delta dauerten diese Projekte bis zur politischen Wende 1990 an. Schließlich blieben nur noch etwa 20 Prozent der gesamten Auen übrig. Doch der Traum von den Kornkammern entlang des Flusses zerplatzte schnell: Die Böden versalzten, die ständige Entwässerung mit Pumpen erwies sich als sehr kostspielig, die gewünschten Erträge blieben aus. Ein Teil der ehemals weiten Flussauen liegt daher heute weitgehend brach.

 

 

 

'Die Chancen für naturverträglichen Hochwasserschutz sind nirgendwo so groß wie in Rumänien, weil wir hier besonders große Auen zurückgewinnen könnten', meint Martin Geiger vom WWF. Besonders an der unteren Donau könnten lange Deichstrecken zwischen zwei und fünf Kilometer weit ins Landesinnere zurückverlegt werden. Geeignet wären zum Beispiel die landwirtschaftlichen Polder von Balta Greaca und Balta Potelu. Für den Polder Calarasi-Riaul, wo nun Deiche zur kontrollierten Flutung gesprengt wurden, liegen bereits vom WWF und dem rumänischen Donau-Delta-Institut erarbeitete konkrete Pläne auf dem Tisch. Sie scheiterten bislang, weil die rumänische Regierung der Landwirtschaft noch immer Vorrang vor dem Hochwasserschutz einräumt.

 

 

 

Mit dem für 2007 geplanten EU-Beitritt Rumäniens könnte Bewegung in die Diskussion kommen, denn die EU stellt als eine Bedingung für den Beitritt die Extensivierung von 500.000 Hektar Acker. Martin Geiger warnt allerdings davor, die gleichen Fehler zu machen wie in Westeuropa und um jeden Preis die ohnehin veralteten Deiche zu sanieren oder gar durch neue zu ersetzen. Der Verlauf der Donaudeiche müsse in Rumänien im großen Stil völlig neu konzipiert werden, um dem zweitlängsten Fluss Europas wieder mehr Raum zu geben. Ein solches Vorgehen hätte zugleich Vorbildfunktion für die übrigen zehn Anrainerstaaten des Flusses.

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