Unterwegs auf Brasiliens Fernstraße BR 163
Reportage von João Gonçalves, WWF Brasilien

- © Anton Vorauer / WWF
Es ist ein bewölkter Dienstagmorgen. Drei Geländewagen mit Allradantrieb verlassen das Zentrum von Santarém im nordbrasilianischen Staat Pará in Richtung Fernstraße BR 163, einer der Hauptverkehrsadern, die sich durch das Herzstück des Amazonas-Regenwaldes schneidet. Es ist noch früh, kurz nach sechs Uhr, und das Wetter ist schwülheiß mit leichten Regenfällen, es sind bereits 28 Grad Celsius – ein typischer Wintertag im Amazonas. Die Fahrzeuge – als Insassen drei internationale Journalisten, Mitarbeiter des WWF sowie des lokalen Partners des Amazonas-Umweltforschungsinstituts (IPAM) - sind beladen mit Ausrüstung und Vorräten für die harte, 100 Kilometer lange Fahrt auf einer von Brasiliens längsten Fernstraßen. Ein Großteil der Straße ist noch immer unbefestigt, häufig schlammig und unpassierbar während der Regenzeit. Naturschützer fürchten, dass die vollständige Befestigung der Straße zur weiteren Zerstörung des Amazonas führen könnte.
Lange Strecke, große Wirkung
Die Distanzen entlang der Fernstraße sind astronomisch – 2.910 Kilometer bis zur Hauptstadt Brasília, 3.922 Kilometer bis São Paulo, 4.114 Kilometer bis nach Rio de Janeiro. Die nächste Bundeshauptstadt, Cuiabá, ist nur 1.767 Kilometer weit entfernt. Die BR 163 wurde in den 1970er Jahren als Teil eines Regierungsplans im Rahmen der Erschließung des Amazonasgebiets angelegt. Diese 1.770 Kilometer lange Fernstraße verbindet Santarém mit Cuiabá im südlichen Teil des Bundesstaats Mato Grosso. Trotz ihrer Fertigstellung 1972 sind 956 Kilometer noch immer unbefestigt und viele der geteerten Stücke dringend reparaturbedürftig. Nach Regierungsplänen soll letztendlich die gesamte Strecke der Straße befestigt werden, um den Transport der Sojaproduktion und anderer kommerzieller Agrarprodukte zu fördern.
Für die Umwelt könnten die Konsequenzen katastrophal sein
„Durch Neubesiedelung und gestiegene Aktivitäten in der Holz- und Landwirtschaft hat die Fernstraßenentwicklung in Brasilien zu groß angelegten Rodungen und zur Ausbeutung anderer natürlicher Ressourcen geführt,” so Mauro Armelin, Koordinator des Programms für nachhaltige Entwicklung des WWF Brasilien. Eine kürzlich durchgeführte Untersuchung an einer anderen Fernstraße in der Amazonasregion zeigt, dass ein Großteil der Rodungen in einem Umkreis von 50 Kilometer Entfernung zur Straße stattfindet. Das einzige befestigte Stück der BR 163 in Pará befindet sich bei Santarém. Eine Seite grenzt an den 1974 eingerichteten Tapajós National Forest, der auf seinen 545.000 Hektar eine Vielzahl von Vogel- und Baumarten beheimatet. Er ist ebenfalls Wohnsitz traditioneller Gemeinschaften. Momentan leben rund 1.900 Familien im Wald oder in der Nähe. Sie sind auf 29 Gemeinschaften verteilt und in neun Gemeindeverbänden sowie einer Kooperative organisiert. Während die eine Seite der Fernstraße geschützt ist, sind auf der anderen nur fragmentierte Waldstücke übrig geblieben. Sojaplantagen und Weideland haben den Rest des Gebietes verwüstet. In der Nähe einer dieser Weiden muss unser Konvoi an den Straßenrand ausweichen, um eine riesige Viehherde von ungefähr 1.000 Rindern passieren zu lassen. Vier Hirten verwenden das kurze asphaltierte Stück, um ihre Herde zur nächsten Farm zu treiben.
Abseits der Straße
Begibt man sich auf eine der zahlreichen unbefestigten Nebenstraßen, so wird freies Weideland und stark gerodetes Gebiet weithin sichtbar. Unsere Nebenstraße führt uns zum Hauptquartier von Maflops, einem Forstwirtschaftsunternehmen, das sich nachhaltiger Holzgewinnungsmethoden bedient und Gemeinde-forstmanagement unterstützt. „Wir denken langfristig und arbeiten in vorab definierten Gebieten,” betont Manager Antonio Abelardo Leite. „Wir schonen immer eine bestimmte Anzahl an Bäumen, vor allem Samen produzierende Bäume. Diese können wir dann in den nachfolgende Perioden erforschen.“ Nach dem Mittagessen im Maflops-Hauptquartier ist der nächste Halt Santo Antônio, ein kleines Dorf in der Agrarsiedlung Moju. Eine Siedlungsparzelle umfasst durchschnittlich 100 Hektar, wovon 20 Prozent für Hausbaumaterial oder kleine Gemüsegärten abgeholzt werden können. Die verbleibenden 80 Prozent stehen unter der Verwaltung von Maflops. „Maflops hat Teile meiner Parzelle bereits gerodet. Jetzt kommen sie die nächsten 20 Jahre nicht mehr zurück,” so Seu Neguinho, Präsident der lokalen Anwohnervereinigung von Santo Antônio, der 2001 nach Pará gezogen war, um in den Goldminen der Itaituba-Region zu arbeiten. „Früher zog ich von hier nach da und besaß nichts,” sagt Neguinho. “Jetzt habe ich mich niedergelassen. Ich habe ein Haus, Familie und ein Stück Land mit 2.300 Pfefferpflanzen.” Seu Neguinho fügt hinzu, dass Siedler häufig dem Druck von landinteressierten Planern ausgesetzt sind. „Die Leute kommen hierher und bieten 100.000 Reais (rund 52.000 US-Dollar) für unser Land. Viele verkaufen, weil sie es für viel Geld halten, das alle ihre Probleme lösen wird. Aber wenn sie in die Stadt kommen, merken sie, dass das Geld nicht reicht und müssen letztendlich hungern.” Angesichts der Tatsache, dass der Wert des Landes im Bereich der BR-163 nach ihrer Befestigung steigen wird, erwartet man eine Zunahme von Konflikten um Grundbesitz und Planungsvorhaben.
Dialog
Es ist vier Uhr nachmittags und Zeit für die Rückkehr nach Santarém. Auf einer anderen Straße in Richtung BR 163 passieren wir die brasilianische Armee, die Straßenwartungsarbeiten ausführt. Trotz einer gewissen Zurückhaltung gegenüber den Medienvertretern und den Mitgliedern der Naturschutzorganisationen erklärt ein Soldat, dass man mit der Anlegung einer Wasserstraße beschäftigt sei, und dass sich die Befestigungsarbeiten im nächsten Monat mit dem Ende der Regenzeit intensivieren würden. In Anbetracht der Entwicklung des Fernstraßenprojekts versuchen der WWF und seine Partner sicherzustellen, dass die ansässigen Unternehmen durch Vermeidung von unkalkulierbarem und unaufhaltsamem Wachstum ihren Beitrag zum Naturschutz und zum Wohl der Gemeinschaften in der Amazonasregion leisten. Seit Oktober 2005 leitet der WWF Brasilien das Dialog-Projekt, dessen breit gefächerte Zielgruppe - lokale Gemeinschaften, Forstwirtschaft und Organisationen des öffentlichen und privaten Sektors - zur Förderung eines nachhaltigen Waldressourcen- und Landentwicklungsmanagements angeregt werden soll. Heute betätigt sich das Projekt in drei Regionen des östlichen und südlichen Teils des brasilianischen Amazonas - Region Santarém und Itaituba, Terra do Meio im Bundesstaat Pará und Guarantã do Norte im Bundesstaat Mato Grosso — und umfasst ein Gebiet von 280.000 Quadratkilometer und 25 Verwaltungsdistrikten. „Ziel des Projektes ist, die Diskussion zwischen den betroffenen Parteien zu stärken und zu unterstützen sowie die Qualität des Dialogs zu verbessern,” so Armelin. „Es ist wichtig, einen Prozess zu entwickeln, der zum effektiven Management und letzten Endes zum Schutz des Amazonas-Gebietes beiträgt.” Auf dem Rückweg des Teams nach Santarém - 100 Kilometer Schlamm und Asphalt - fiel es schwer, die Worte Seu Neguinhos nicht zu vergessen: „Der Amazonas ist ein schöner Ort, aber wenn man ihn zerstört, werden wir darunter leiden und unsere Kinder noch viel mehr.”
Das Dialog-Projekt wird unterstützt von der Europäischen Union in Partnerschaft mit WWF Brasilien, CIRAD (French Agricultural Research Centre Working for International Development), CDS/UnB (Center for Sustainable Development/University of Brasilia), IPAM (Amazon Institute for Environmental Research) und ICV (Center of Life Institute), sowie föderalen, regionalen und lokalen Stellen.


