Die Amur-Region
Das Amur Gebiet erstreckt sich mit rund 2,1 Millionen Quadratkilometern – viermal so groß wie Spanien – über den fernen Osten Russlands, die Ostmongolei und den Nordosten von China. Es wird vom gewaltigen Fluss Amur beherrscht und vereint subarktische (Taiga) und temperierte Flora und Fauna in einzigartiger Vielfalt. Hier erstrecken sich ausgedehnte, zum Teil noch unberührte Laub- und Nadelwälder. Sie sind die Heimat der letzten 450 bis 500 Amur-Tiger (auch Sibirischer Tiger genannt).
Vom Riesenseeadler bis zum Amur-Leoparden
Die Amur-Region liegt vor allem auf dem Territorium Russlands und Chinas (Heilong ist der chinesische Name des Amur-Flusses) sowie Nordkoreas und der Mongolei. In ihren riesigen, ursprünglichen Laub- und Mischwäldern mit über 400 Baumarten lebt die letzte größere Population des majestätischen Amur-Tigers.
Auch andere der hier heimischen Tiere und Pflanzen gehören zu den weltweit am meisten gefährdeten Arten: Etwa der Amur-Leopard, von dem nur noch rund 35 bis 40 Tiere in freier Wildbahn leben. Darüber hinaus ist die Region Heimat von Moschustier, Kragenbär, Mandschurenkranich, Amur-Katze, Zobel und Riesenseeadler sowie von zahlreichen endemischen Arten – also solchen Spezies, die nur hier zu finden sind.
Die Bedrohung der Naturgüter
Die Natur der Amur-Region ist durch menschliche Eingriffe massiv in Gefahr, ihre biologische Vielfalt und ihr ursprüngliches Landschaftsbild unwiederbringlich zu verlieren. Mit der weltweit steigenden Nachfrage nach Rohstoffen wie Holz, Erzen (zur Metallgewinnung) und anderen Mineralien erhöht sich auch der Druck auf die ressourcenreiche Amur-Region. Holz wird beispielsweise zu Papier, Zellstoff und anderen Holzprodukten weiterverarbeitet.
Das im russischen fernen Osten eingeschlagene Holz stammt oft aus illegalen Einschlägen. Die Zerstörung der Wälder in der gesamten Amur-Region wird zusätzlich durch nicht-nachhaltige und unkontrollierte Einschlagspraktiken vorangetrieben.
Ähnlich verhält es sich bei der Gewinnung von Mineralien, vor allem Erzen. Durch veraltete Abbautechniken werden riesige Naturräume zerstört sowie Gewässer und Böden mit giftigen Substanzen belastet. Nach dem Abbau bleibt oft eine Mondlandschaft zurück. Vorgeschriebene Renaturierungsmaßnahmen der stillgelegten Abbauflächen werden in der Regel aufgrund fehlender Kontrollen nicht durchgeführt. Verstärkt wird die großflächigen Wald- und Landschaftszerstörung durch korrupte Behörden, fehlende oder schlecht funktionierende behördliche Kontrollsysteme und verantwortungslos agierende Konzerne.
Für die Umwandlung in landwirtschaftliche Produktionsflächen werden Wälder verstärkt gerodet. Waldbrände nehmen besonders in diesen Gebieten stark zu, da Ernterückstände abgebrannt werden und sich die Feuer unkontrolliert auf die angrenzenden Wälder ausbreiten können.
Nach Auflösung der Sowjetunion und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch vieler staatlicher Betriebe waren viele Regionen im russischen fernen Osten von einer hohen Arbeitslosigkeit und einer daraus resultierenden wachsenden Armut betroffen. Mit diesem Trend erhöhte sich auch zunehmend der menschliche Einfluss auf die Natur. Die Wilderei nahm beispielsweise seit dieser Zeit drastisch zu. Zum einen werden Wildarten wie Rehe, Wildschweine und Hirsche gejagt, um Wildfleisch für die Eigenversorgung zu beschaffen. Zum anderen erzielen Wildtierprodukte wie Felle, Knochen, Körperteile vom Aussterben bedrohter Arten wie des Amur-Tigers oder Amur-Leoparden auf dem chinesischen Schwarzmarkt hohe Preise. Auch die vermehrte Nachfrage nach Wildfisch und Kaviar erhöhte die illegale Fischerei in der gesamten Amur-Region.
Zudem bergen Großprojekte wie Staudämme zur Energieerzeugung und der Bau von Ölpipelines für die Zukunft Gefahren für Mensch und Umwelt in der Amur-Ökoregion.
Aktionen gegen die Naturzerstörung
Seit 1993 engagiert sich der WWF in der Amur-Region für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Die vielseitigen Aufgaben lassen sich nur in Kooperation mit anderen nationalen und internationalen Organisationen und mit Unterstützung der Behörden realisieren.
Trotz schwieriger politischer Rahmenbedingungen fördert der WWF weiterhin die Ausweitung von Schutzgebieten. Darüber hinaus sollen die bestehenden Schutzgebiete erweitert und benachbarte miteinander vernetzt werden. Schließlich sollen die Verantwortlichen der bereits bestehenden Schutzgebiete dabei unterstützt werden, ihre vielseitigen Aufgaben wie die Bekämpfung der Wilderei und des illegalen Holzeinschlags effizient zu bewältigen.
Um eine nachhaltige Forstwirtschaft zu fördern, unterstützt der WWF Holzkonzerne, sich nach Richtlinien des Forest Stewardship Councils (FSC) zertifizieren zu lassen. Dieses unabhängige Zertifizierungssystem gewährleistet zum einen eine nachhaltige, ökologische Forstwirtschaft und garantiert soziale und ökologische Standards. So wurde als erstes Unternehmen in der Region das russische Unternehmen Terneyles nach FSC-Standards zertifiziert. Bis Ende 2012 sollen fünf Millionen Hektar im russischen und eine Millionen Hektar im chinesischen Teil der Amur-Region nach diesem System zertifiziert sein.
Im Einzugsgebiet des Bikin-Fluss konnte der WWF, in Zusammenarbeit mit der indigenen Bevölkerung, außerdem ein Einschlagsmoratorium durchsetzen.
Der WWF unterstützt ferner zahlreiche Anti-Wilderer-Brigaden in dieser Region, die Jagdgesetze und Jagdverbote durchsetzen. Die Anti-Wilderer-Brigaden leisten zudem aktive Aufklärungsarbeit, um beispielsweise die Bevölkerung für die Belange des Natur- und Artenschutz zu sensibilisieren. So wird jedes Jahr in verschiedenen Orten der Amur-Region der Tigertag ausgerichtet, an dem Kinder spielerisch über die Tigerschutz-Aktivitäten des WWF und anderer Organisationen informiert werden.
Um aktuelle Informationen über die Bestandesentwicklung und die Verbreitungsgebiete der Tiger und Leoparden zu bekommen, werden alle fünf bis acht Jahre Erhebungen (Monitoring) durch Experten des WWF und seiner Partner durchgeführt. So konnte durch die letzten Zählungen ein wachsender Bestand des Amur-Tigers nachgewiesen werden. Beim Amur-Leoparden hingegen kann leider noch kein Populationszuwachs verzeichnet werden. Dessen stabile Zahlen beweisen jedoch, dass auch hier die Schutzmaßnahmen greifen.
Fakten zur Amur-Heilong-Ökoregion in englisch
Ökoregion Amur: Einzigartige Natur in Russlands fernem Osten
