
- Susanne Honnef mit Frauen der Yazhe-Baima. © WWF / A. Deilmann
Ab durch die Mitte
Auf der Suche nach dem grünen China
Wie steht es vor den "Green Olympics" um Umwelt- und Naturschutz in der wirtschaftlich erfolgreichsten Diktatur der Welt? Zehn Tage lang waren Susanne Honnef und Astrid Deilmann vom WWF mit deutschen Journalisten in China unterwegs. Sie trafen Olympia-Offizielle und Angehörige tibetischer Minderheiten, wanderten mit Panda-Rangern und sprachen mit Regierungsangestellten. Einblicke in den unbekannten Alltag im Reich der Mitte.
Tag 1: Ankommen in Peking
Wo ist Peking? Beim Anflug auf die Hauptstadt der Volksrepublik China stoßen wir auf eine dichte graue Wolkensuppe und sehen – nichts. Ist das schon der berüchtigte Smog oder einfach nur eine ungünstige Wetterlage?
Im nagelneuen Flughafen-Terminal 3, von Stararchitekt Norman Foster gebaut, um zu beeindrucken, krame ich meinen Schal aus dem Rucksack. Egal, was das Thermometer sagt: Ab dem 15. März werden in China öffentliche Gebäude nicht mehr beheizt. Ein sehr fühlbarer Beitrag zum Klimaschutz.
Die Passkontrolle in dem Terminal, das von oben wie ein liegender Drache aussehen soll, dauert. Auch wenn die Bestimmungen insbesondere für Journalisten vor Olympia gelockert worden sind, wird jeder Einreisende genau unter die Lupe genommen. Ein kleines Schaltbrett mit drei Smilies fordert mich dazu auf, die Arbeit des Kontrolleurs zu bewerten: Komplett zufrieden – zufrieden – unzufrieden. Jetzt bloß keinen falschen Knopf drücken.
Der Taxifahrer, der uns ins Zentrum bringen soll, kann kein Wort Englisch. Stattdessen zieht er geräuschvoll Schleim durch den Rachen und spukt aus. Naseputzen ist in China tabu, aber Rotzen gehört zum guten Ton. Dabei hat die Zentralregierung verfügt, dass sich die Chinesen westlichem Benehmen pünktlich zu Olympia anpassen mögen und eine große „Zivilisationskampagne“ gestartet. Das ficht unseren Taxifahrer wie den Großteil seiner Mitbürger nicht an. Ebenso wenig, dass der komplette Pekinger Berufsstand Olympias wegen Englisch lernen soll. Zum Glück spricht Susanne Chinesisch und kennt sich in der Stadt aus, in der sie studiert und die sie immer wieder bereist hat – Anfang der 1990er Jahre, als es auf Pekings Straßen noch keine Privatautos, sondern Unmengen Fahrradfahrer und nur eine Handvoll Taxis gab.
Inzwischen gibt es sieben Millionen Pkw, Neuzulassungen müssen die Abgasnorm EU 4 erfüllen, viele Taxen und Busse fahren mit Biodiesel, Erdgas oder Hybridantrieb. Der Verkehr entspricht allen Beschreibungen, die einem wie ein maßlos übertriebenes Klischee erscheinen, bis man ihn selbst gesehen hat: Ein drohender Tanz, wie Pogo ohne Anrempeln. Denn auch wenn wir jeden Moment glauben, von den alle Mittellinien ignorierenden Bussen, Lkw und Autos zerquetscht zu werden, die auf einer dreispurigen Autobahn bisweilen zu fünft nebeneinander fahren, passiert nichts. Irgendwie schaffen sie es immer noch rechtzeitig, sich mit Hupen statt Bremsen aus der Affäre zu ziehen.

- Die Reiseroute im April 2008.
Tag 2: Beim Chef der Green Olympics und bei machtlosen Beamten
Wir reisen mit jeder Menge Zahlen im Kopf nach China. 16 der 20 am stärksten verschmutzten Städte der Welt liegen hier, sagt die Weltbank. China steht beim Ausstoß des Klimagases CO2 inzwischen auf Platz 1 vor den USA, wie uns die Leiterin des Global Environmental Institutes in Peking, Jin Jiaman, bestätigen wird. Die Wüstenbildung nimmt zu: Schon jetzt ist China zu einem Drittel von Sand bedeckt. 25 Millionen Bäume werden jährlich allein für Einweg-Essstäbchen abgeholzt. 2006 gab es in mindestens 200 Städten keine zentrale Abwasserverwaltung, in 187 Städten keine Müllbeseitigungsanlagen. Die Wasserqualität der sieben großen Flüsse ist derart schlecht, dass 67 Prozent von den Behörden als „ungeeignet für menschliche Nutzung“ eingestuft werden. Nach offiziellen Angaben haben 340 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und selbst das, was als Trinkwasser aus den Leitungen fließt, wurde vom Gesundheitsministerium Anfang 2008 zu 40 Prozent als „ungesund“ eingestuft.
Und da will die Volksrepublik grüne olympische Spiele, die „Green Olympics“, ausrichten? Wir treffen uns mit Yu Xiaoxuan, dem Verantwortlichen für die grünen Spiele und er spricht eine volle Dreiviertelstunde auswendig zu den Journalisten und uns über die Maßnahmen, die olympischen Spiele umweltverträglich abzuhalten. Er erzählt von Null-Emissions-Bussen, 120 „Grünen Hotels“, die keine bedrohten Arten auf der Speisekarte führen dürfen. Von künstlichen Seen für die Sportveranstaltungen, die vom Wasser aus anderen Provinzen gespeist werden müssen. Von Fabriken, die wegen ihres Schadstoffausstoßes in Pekinger Vorstädte umgesiedelt wurden. Von verbesserter Luftqualität.
Draußen wabern Smogschwaden. 51,6 Prozent der Stadt seien dank Pflanzaktionen grün. "Wo sind denn die Bäume?", fragt die Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Herr Yu sagt, viele stünden in den Vororten. Pekings Innenstadt habe eine Baumrate von unter 41 Prozent. Das läßt Spielraum für Interpretationen, denn auf der 30 Minuten dauernden Fahrt vom Aoyun Dasha zum Umweltministerium zählen wir gerade mal zwölf Bäume. Die meisten sehen aus wie just angepflanzt. „China ist ein Entwicklungsland, Sie können uns nicht mit Europa vergleichen“, hat Yu zum Abschied gesagt. „Olympia ist ein Meilenstein, nicht das Ende des Weges zu mehr Umweltschutz.“
In der gerade in den Rang eines Ministeriums erhobenen Umweltbehörde SEPA erwarten uns fünf Gesprächspartner als Ersatz für Vize-Umweltminister Pan Yue, der verhindert ist und eine kurze, freundliche Erklärung verlesen lässt. Seit 2005 hat er mit ungewöhnlicher Offenheit seinen Landsleuten klar gemacht, wie schlecht es um die Umwelt in China bestellt ist. Vor allem seine Warnung, dass das Wirtschaftswunder bald zu Ende gehe, weil die Natur nicht mehr mithalte, hat aufhorchen lassen.
Doch die bislang chronisch unterfinanzierte und unterbesetzte SEPA – in der Zentrale in Peking arbeiten gerade mal 220 Beamte, insgesamt sollen sich 170.000 Angestellte um die Umweltsituation im ganzen Land kümmern – hat kaum Befugnisse. Wenn sie beispielsweise davon abrät, Kredite an umweltverschmutzende Unternehmen zu vergeben, kann sie nicht verhindern, dass das Geld doch fließt.
Wir wollen wissen: Welchen Anteil haben ausländische Unternehmen an Chinas Umweltproblemen? „Es entsteht viel Umweltverschmutzung bei der Produktion ausländischer Firmen, die dabei auch viele Ressourcen verbrauchen“, sagt einer der Beamten. „Viele Firmen nutzen veraltete Technologien, weil sie denken: das ist ein Entwicklungsland hier, dafür wird es schon reichen. Auch bekannte Unternehmen, die Markenprodukte herstellen, verstoßen gegen Umweltgesetze.“ Namen wollen die fünf Herren nicht nennen, aber auch deutsche Firmen seien darunter. „Die lokalen Behörden wollen vor allem ein steigendes Bruttosozialprodukt nach Peking melden können. Dafür drücken sie bei Umweltverstößen schon mal ein Auge zu“, sagen sie uns.
Teil 2 Symboltier für den Artenschutz >>


