Das Wanglang-Naturschutzgebiet liegt im Zentrum von Minshan © WWF
Das Wanglang-Naturschutzgebiet liegt im Zentrum von Minshan © WWF

In den Minshan-Bergen

Ab durch die Mitte, Teil 3

Tag 5: Pingwu – Wanglang. Biogas und Baima

70 Prozent der Energie in China wird aus Kohle gewonnen. In Pingwu kann man das deutlich riechen. Die Luft legt sich schwer auf unsere Lungen. Zum Frühstück besuchen wir einen Markt. Es ist Feiertag in China, „Grabreinigungstag“ zum Gedenken an die Ahnen. Um acht Uhr morgens haben die meisten Händler frisch geschlachtet, neben Gemüse und Körben mit Heilpflanzen stehen Schalen mit Blut. Selbst den Genuss-Fleischessern in der Gruppe wird es blümerant. Um 9 Uhr brechen wir auf ins Naturschutzgebiet Wanglang. Es sind die Tage, in denen Tibeter auch in den Provinzen Gansu und Sichuan protestieren. Bei jedem Polizeiauto zucken wir zusammen und befürchten, dass unsere Reise hier zu Ende sein könnte.  

Doch wir fahren unbehelligt weiter. Erstes Ziel: Das Dorf Kazi auf gut 2.600 Metern Höhe. Es geht steil bergan. Wir überqueren einen über 3.000 Meter hohen Pass und werden auf der anderen Seite fürstlich empfangen. Ganz Kazi ist auf den Beinen, die örtliche Fernsehstation ist gekommen, um die „Großnasen“ zu filmen. Der WWF fördert in dem Dorf Biogas-, Solaranlagen und Energiesparöfen, um den Verbrauch des Feuerholzes in der Panda-Region einzudämmen. Stolz führen uns die Bewohner ihre Öfen vor, schenken uns Schmuck und erzählen von ihrem Alltag. Kinder springen umher. An den Häusern mit Biogasöfen hängen kleine Plaketten mit dem WWF-Logo. Sie sind poliert.  

Am Rande des Dorfbachs lagert Müll und es geht das Gerücht, dass in Kazi seltene Wildpflanzen gesammelt und verkauft werden. „Das packen wir im nächsten Schritt an“, sagen die WWF-Koordinatoren auf unsere Fragen, „jetzt haben wir ihnen erstmal bewiesen, dass sie vom Biogas profitieren, allein, weil sie nicht mehr ständig dem Rauch in ihren Hütten ausgesetzt sind.“ Vertrauen braucht lang in den Minshan-Bergen, ebenso die Abkehr von jahrhundertealten Traditionen.  

Susanne erklärt den Journalisten das Problem. „Die Menschen hier haben immer vom Handel mit Wildarten gelebt. Der Handel an sich ist auch in Ordnung. Aber inzwischen leben hier immer mehr Menschen, die immer mehr Wildarten sammeln, so dass sich die Bestände nicht mehr erholen können.“ So wird das, was seit Generationen richtig wahr, plötzlich falsch.

In Yazhe, einem tiefer gelegenen Dorf jenseits des Passes, haben sich die Bewohner mit Hilfe des WWF eine alternative Einkommensquelle aufgebaut. Die Baima, farbenprächtig gekleidete Angehörige einer tibetischen Minderheit, haben einige Häuser im Dorf zu Unterkünften für Ökotouristen umgebaut. 2.000 Touristen sind im vergangenen Jahr gekommen. Die Baima bieten ihnen Tagestouren zu Pferd an und traditionelles Kunsthandwerk. Ein Teil ihres produzierten Honigs wird mit Hilfe des WWF an die Supermarktkette Carrefour unten in der Zehn-Millionen-Metropole Chengdu verkauft. Zusammen mit den kargen Felderträgen und dem Vieh reicht das gerade so zum besseren Überleben. Die Baima laden uns zum Essen ein, die Frauen stimmen Trinklieder in hohen Tönen an. „Normalerweise machen sie die Männer betrunken und lassen sie dann links liegen“, erzählt Susanne von ihren früheren Besuchen in Yazhe. „Mit uns Großnasen gehen sie sanfter um.“  

Glücklich und erschöpft machen wir uns auf in unser Quartier für die kommenden beiden Tage: die Ökolodge im Naturschutzgebiet Wanglang. Hier empfängt uns bei einem heimeligen offenem Feuer der stellvertretende Leiter von Wanglang, Jiang Shiwei, mit einem Einführungsvortrag über das Gebiet und die Arbeit der dortigen Wildhüter.    

Tag 6: Wanglang. Krachend durchs Bambusdickicht

Heute ist Wandertag. Juchhe. Die Journalisten wie auch wir vom WWF haben uns während all der vielen Interviewtermine und Autofahrten schon ausgiebig auf diesen Tag gefreut. Um 8:30 Uhr stehen alle bereit. Wanderschuhe an den Füßen, Regenjacke, Über- und Unterziehklamotten für alle Wetterlagen im Rucksack. Die Sonne scheint, aber man weiß ja nie. Wir werden uns eine Höhe von etwa 3.000 Metern erwandern und da liegt eben auch jetzt noch Schnee.  

Vormittags geht es auf Ökotourismus-Wegen durch Nadelwälder hin zu wunderschönen Ausblicken, zum Beispiel auf den höchsten Berg der Region, den Xuebaoding, mit seinen über 5.500 Metern. Am Nachmittag führt uns dann Jiang Shiwei auf einem kleinen Seitenweg, der ansonsten nur von den insgesamt 31 Wildhütern auf ihren Patrouillengängen genutzt wird, ganz dicht auf die Spuren des Großen Pandas. Jetzt ist es vorbei mit gemütlichem Spazieren, es geht bergauf. Der Bambus, den der Panda als Hauptnahrungsmittel benötigt und der hier als Unterholz wächst, ist dicht und lässt uns kaum durch. Wir kommen uns vor wie eine Herde Trampeltiere, so laut krachen wir durch das Dickicht. Falls ein Panda in der Nähe war, hat er jetzt garantiert Reißaus genommen  

Entlang eines kleinen Gebirgsbaches lässt es sich dann etwas einfacher wandern. Allerdings ist es dort auch wesentlich rutschiger und der ein oder andere Hosenboden ist schon bald nicht mehr sauber. Aber es lohnt sich – wir sind ganz dicht dran an den Pandas. Sehen tun wir sie natürlich nicht. Selbst Wildhüter bekommen keine Pandas zu Gesicht, obwohl jeder von ihnen pro Monat 15 Tage auf Beobachtungstour im Wald verbringt. Große Pandas sind sehr scheu und wir viel zu laut, obwohl wir uns bemühen, leise zu sein.  

Allerdings sehen wir einige der Überbleibsel von Aktivitäten dieser seltenen Bärenart. Da sind angebissene Bambusstangen und jede Menge Pandakot. Pandakot von erwachsenen Pandas und daneben auch der von einem Pandajungen. Das man und frau sich so über Kothaufen freuen kann … Dass es in Wanglang neben dem Großen Panda noch 60 weitere Säugetierarten, beispielsweise den seltenen ziegenartigen Takin und den Goldstumpfnasenaffen sowie 150 Vogel- und über 600 Pflanzenarten, gibt, ist uns in diesem Moment ausnahmsweise mal egal. Hier waren Pandas!    

Tag 7: Wanglang – Chengdu. Der Damm

Frühmorgens nehmen wir Abschied von der Ökolodge und machen uns auf den Weg zurück nach Chengdu. Am Rande des Naturschutzgebiets kommen wir an einem riesigen Stausee vorbei. „Zur Gewinnung von Wasserkraft“, sagt unser Tourbegleiter Wu Jiawei. Je weiter wir die Serpentinen nach unten fahren, desto mehr Bauarbeiten sehen wir entlang des „Feuerstroms“, dem Hoaxi.

Wir halten an und blicken nach unten: Deutlich sieht man eine alte Straße unmittelbar neben dem Fluss. An den Berghängen gibt es jenseits einer wie mit dem Lineal gezogenen Linie keine Bäume mehr. An einer Stelle ist der halbe Berg abgerutscht. 14 Wasserkraftwerke sind entlang des Flusses geplant, etwa tausend Menschen wurden dafür umgesiedelt, es wurden Hänge abgeholzt und Tunnel durch den Berg gefressen, um das Wasser umzuleiten und so den Druck zu erhöhen. Welche Auswirkungen die Dämme und Stationen auf die biologische Vielfalt im und am Fluss haben werden, ist nicht abzuschätzen.  

Man muss in die chinesische Geschichte zurückgehen um zu begreifen, weshalb Wasserbau für China eine so hohe Bedeutung hat und mit 22.000 Dämmen etwa die Hälfte aller großen Wassersperrwerke weltweit dort liegt. Die Verbindung der Beherrschung des Wassers und des Volkes ist hier uralt. Alle politischen Herrscher wurden daran gemessen, inwiefern sie in der Lage waren, Überflutungen in Zaum zu halten und Bewässerungen zu schaffen – von den Kaisern bis heute. Der Bau des ersten Kanals unter den Qin führte die Dynastie über 200 Jahre vor Christus zur Macht. Ihnen gelang es erstmals, China zu einen. Seither gilt die Formel Wasser = Macht.   

Im WWF-Büro in Chengdu reden wir abends mit Wissenschaftlern der Universität Sechuan. Einer von ihnen, Herr Zeng, untersucht die Folgen der Wasserkraftprojekte. Zu diesem frühen Zeitpunkt kann er nur sagen, dass Flora und Fauna gestört und ihr Lebensraum zerschnitten wird. „Der gesamte Bauprozess müsste überwacht werden“, fordert er. Im vergangenen Jahr ist es ihm mit einem Bericht an die Regierung gelungen, zwei von acht an anderer Stelle geplante Projekte zu verhindern und damit Feuchtgebiete zu retten. „Wir können etwas bewegen“, sagt Lin Ling, Leiter des hiesigen WWF-Büros, „aber wir machen kleine Schritte.“  

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Wasser, Luft und Artenhandel

Susanne Honnef und Astrid Deilmann
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