Markt in Chengdu. © Tony Cunningham
Markt in Chengdu. © Tony Cunningham

Wasser, Luft und Artenhandel

Ab durch die Mitte Teil 4

Tag 8: Chengdu – Guangzhou - Hongkong. Schlange gefällig?

In Guangzhou, zu deutsch Kanton, empfängt uns nach dem Schnee der Minshan-Berge subtropisches Klima. Wir sind auf dem Weg zum Qingping-Markt, einem der größten und mittlerweile auch bei Touristen bekannten Märkte Chinas für den Handel mit wildlebenden Arten. Wir werden begleitet von Timothy Lam, einem Experten der WWF-Schwesterorganisation TRAFFIC, die weltweit den Handel mit bedrohten Arten dokumentiert, kontrolliert und mit Behörden zusammenarbeitet, um der Artenmafia das Handwerk zu legen. Denn der illegale Handel mit bedrohten Arten ist ein Milliardengeschäft.

Timothy arbeitet von Hongkong aus, einem der Hauptumschlagplätze für den Artenhandel weltweit. Hin und wieder operiert er als verdeckter Ermittler, sucht auf Märkten und in Geschäften nach illegaler Ware und versucht, die Hintermänner aufzuspüren. Viele der Waren gelangt von Hongkonger Zwischenhändlern aus nach Europa – von Holz bis zu Reptilien.

Susanne und er streifen über den Markt, bleiben stehen: Hier der immer seltener werdende Tibetische Raupenkeulenpilz, dort gefährdete Orchideen, weiter hinten der allheilende, in der Wildnis so gut wie ausgerottete Ginseng. Eine Straße weiter sehen wir getrocknete Schlangen, wie Reisig zu Bündeln zusammengebunden. Ein Mann verkauft lebendige Skorpione, nebenan gibt es Wasserschildkröten. Vor dem kleinen Restaurant, in dem wir zu Mittag essen, entdecken wir einen kleinen runden Käfig mit Kröten.

Doch der Qingpingmarkt, auf dem man noch vor Jahren Hunde zum Verzehr kaufen konnte, hat sich gewandelt. Inzwischen kommen Touristen hierher, um exotische Bilder zu schießen. Die wirklich heiße Ware ist in den Untergrund verschoben worden. Eine ganze Straße widmet sich inzwischen dem Verkauf von Hunden, Katzen und Kaninchen – auch das ein Wandel in China, dessen Menschen bis vor kurzem Tiere nur als Nahrungsmittel, nicht aber als Haustiere geschätzt haben.

Wir verlassen China und fahren – nun bei Linksverkehr – über die Grenze zur Universität Hongkong, um mit der Leiterin des Instituts für Chinesische Medizin zu sprechen. Prof. Tong Yao wird von ihrem Assistenten Dr. Yi Bin Feng begleitet. Gemeinsam sind sie derzeit auf der Suche nach alternativen Zutaten für traditionelle chinesische Medizinrezepte. Ihre aktuelle Mission: ein Ersatz für Bärengalle. In der Prüfung sind Schweine- und Entengalle, außerdem Coptis chinensis, der chinesische Goldfaden, der zur Familie der Hahnenfußgewächse gehört. „Es gibt eine lange Forschungsgeschichte in der traditionellen chinesischen Medizin fürErsatzstoffe“, erklärt Prof. Tong. „Weil die Qualitätskontrolle für Tierprodukte sehr schwierig ist, benutzen chinesische Medizinexperten viel lieber Pflanzen.“

Aber wie überzeugt man Ärzte und Patienten, Ersatzstoffe zu akzeptieren? „In Hongkong folgen mehr und mehr Menschen der Idee, keine bedrohten Arten zu verwenden“, antwortet Tong diplomatisch. Sie selbst habe in ihren 30 Berufsjahren weder Tiger noch Moschus oder Bärengalle verwendet. „Aber“, gibt sie zu, „die Patienten fragen danach.“

In der Bonham Street 12 bekommen wir einen Eindruck von der Nachfrage. Tsang Sau Yuen betreibt hier einen Laden. Der Großhändler zeigt uns Bärengallen, die er aus Russland bezieht, außerdem Moschusdrüsen. In einer Vitrine lagert das Horn der bedrohten Saiga-Antilope. „Ich lasse mir vom Verkäufer die CITES-Genehmigung faxen, dass ein Produkt international gehandelt werden darf und lege es der hiesigen CITES-Stelle vor. Wenn sie sagt, dass das CITES-Zertifikat echt ist, kaufe ich.“ Tsang, der früher mit Nashorn gehandelt hat, verkauft im Jahr zwei bis drei Kilo Bärengalle. Eine wiegt zwischen 30 und 100 Gramm, je nach Herkunft. Jede Galle bedeutet einen toten Bären.

Im Hintergrund falten sieben Angestellte Boxen für ein Baby-Hustenmittel: gemahlener Bernstein, Perlen und Kräuter zu 56 Hongkong-Dollar pro Schachtel. Welches Produkt ist derzeit am schwierigsten zu bekommen? „Es gibt Kanäle, durch die man alles bekommen kann“, sagt Tsang. Pause. „Außer den Sachen, die verboten sind.“ Tsang setzt pro Jahr 20 Millionen Hongkong-Dollar um. Er sagt, sein Geschäft zähle zu den kleinen.     

Tag 9: Mai Po. Zwischen den Städten

Links Hongkong, rechts Shenzhen, in der Mitte wir. Aus der tosenden Metropole Hongkong sind wir hierher gefahren, der Taxifahrer ließ uns mittendrin zu einem Kollegen umsteigen, weil Mai Po ihm zu weit draußen war. Nun atmen wir durch im WWF-Projekt:1.500 Hektar Feuchtgebiet, das seit 1995 als RAMSAR-Gebiet der UNESCO anerkannt ist und besonderen Schutz genießt. Hier leben 400 verschiedene Vögel, darunter 27 bedrohte Zugvögelarten. WWF-Experte Wen Xinjia zeigt uns sein Reich: Zwischen Teichen und Mangrovenwäldern erspähen wir Schwarzstirnlöffler, Frösche und geflügelte Insekten.

Der WWF Hongkong hat 1984 das Management für Mai Po übernommen und betreibt vor Ort neben Forschung und Erhaltung auch Umweltbildung: Hunderte von Einheimischen, Schulklassen, Studierenden und Touristen besuchen das Naturschutzgebiet Jahr für Jahr und staunen über so viel Natur vor der Riesenstadt. Neben den zahlreichen Vogelarten beherbergt Mai Po 21 Amphibien- und sieben Reptilienarten wie die chinesische Weichschildkröte, 24 Säugetierarten wie den Eurasischen Otter sowie 250 Pflanzenarten. Wen Xinjia erzählt uns, dass nur hier noch „Gei wai“ praktiziert wird, die traditionelle, nachhaltige Hongkonger Methode des Fisch- und Krabbenfangs, die der WWF unterstützt.

Tag 10: Hongkong. Wasser und Luft

Professor Ho ist ein fröhlicher Wissenschaftler mit vielen internationalen Abschlüssen und einer ernsten Mission. Der Biologe der Open University Hongkong erforscht unter anderem die Qualität von Trinkwasser und das Management der Wasserressourcen. Die Wasserkrise Chinas bringt er auf einen simplen Nenner: „Zu viele Menschen, zu wenig sauberes Wasser.“ Mit schnellen Strichen malt er im Hongkonger WWF-Büro einen Umriss Chinas an die Tafel. China hat demnach extrem unterschiedliche Wasservorkommen, es gibt ein Nord-Süd- und ein West-Ost-Gefälle. Süden und Westen stehen am besten da. Über zwei Drittel des Wassers im Osten sei mindestens extrem verschmutzt, wenn nicht verseucht. „Es gibt Bakterien und Schwermetalle, die man auch bei intensiver Wasseraufbereitung nicht wegbekommt.“

Im landwirtschaftlich geprägten Westen werden Pestizide und Dünger immer mehr zum Problem. Es gibt Gesetze, aber die werden nicht eingehalten, sagt Ho. „Das Land ist zu groß, es gibt zu wenige Kontrollen.“ Die einzige Chance sieht Ho jenseits der Paragrafen. „Wir müssen eine Kultur schaffen, in der es ein breites Umweltbewusstsein gibt. Die Menschen müssen ihren Behörden und Firmen und Nachbarn auf die Finger schauen.“

Der WWF-Experte Alan Leung zeigt uns die Ergebnisse einer Studie zur Situation des Perlflussdeltas. Dort haben sich hunderte Industriefirmen angesiedelt. Verschmutzung, Dämme und Überfischung machen das Ökosystem krank, Klimawandel und Urbanisierung verschlimmern das Problem. Fisch aus dem Perlfluss ist so verschmutzt, dass Tiere wie der chinesische Delfin, die an der Spitze der Nahrungskette stehen und Fische verspeisen, ernsthaft in Gefahr sind.

Überhaupt der Klimawandel. „Vor zwei Jahren war das Wort Kohlendioxid den meisten Hongkongern kein Begriff“, sagt Liam Salter, der das WWF-Klimateam in Hongkong leitet. Was tun? Liam und seine Kolleginnen Monika und Justine, beide gebürtige Hongkongerinnen, riefen die „Climateers“ ins Leben. Prominente Hongkonger Bürger legen ihre persönliche CO2-Bilanz vor und bekennen sich zu einem individuellen Reduktionsziel. So wie Teresa Au, Leiterin des Bereichs Corporate Sustainability bei der Bank HSBC. „Weniger fliegen kann ich kaum, ich muss dienstlich oft durch Asien reisen“, erklärt sie ihre CO2-Statistik von fast 50 Tonnen im Jahr. „Aber ich habe überall Energiesparlampen eingeschraubt, lasse das Auto stehen, so oft es geht. Ich weiß, das ist Kleinkram, aber es ist etwas.“

Ihre Climateers-Kollegin Choy Yo Suk, die beim Legislative Council in Hongkong Gesetze verantwortet und Mitglied der Nationalen Volksversammlung Chinas ist, kämpft für ein besseres Umweltrecht in China. „Das ist meine eigentliche Mission, denn im Alltag brauche ich nicht viel und habe deshalb eine ganz gute Klimabilanz“, sagt die Buddhistin. Während die Zentralregierung in Peking längst begriffen habe, wie wichtig Klimaschutz sei, hinke Hongkong hinterher. „Hier bestimmen die Gesetze des Marktes, was geschieht“, sagt sie. „Aber die Umweltprobleme sind so gewaltig, dass es sich niemand mehr leisten kann, der Wahrheit nicht ins Auge zu blicken.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.     

Astrid Deilmann, WWF

Ab durch die Mitte

Susanne Honnef und Astrid Deilmann