
- © Michele Depraz / WWF-Canon
Susu, der blinde Delfin
Heute kommt der Ganges-Delfin (Platanista gangetica) nur noch in den Einzugsgebieten der Flüsse Ganges, Brahmaputra und Megha vor. Damit lebt er in einem der von Menschen am dichtbesiedelsten Gebieten der Welt. In Nepal bevorzugt der Gangesdelfin Ausläufe und Stromschnellen, während er sich in Indien und Bangladesh eher in langsam fließenden Gewässern aufhält.
Die Flussdelfine haben einen graubraunen, stämmigen Körper mit gewölbtem Bauch. Die Weibchen werden etwa 2,60 Meter lang; die Männchen sind mit einer Körperlänge von rund 2,10 Meter dagegen etwas kleiner. Alle 30 bis 120 Sekunden muss der Ganges-Delfin an die Oberfläche auftauchen, um durch einen Schlitz am Kopf Luft zu holen. Wegen des rasselnden Geräusches, das er dabei macht, wird er auch „Susu“ genannt. Den zweiten Beinamen „blinder Delfin“ trägt er, weil seinen Augen die Linse fehlt und er somit fast nichts sehen kann.
Ganges-Delfine haben die Angewohnheit, auf der Seite zu schwimmen. Dabei schleift eine seiner riesigen Flossen im schlammigen Flussbett. Forscher gehen davon aus, dass ihm dieses Verhalten bei der Futtersuche hilft. Da der Delfin mit seiner schmalen, spitzen Schnauze nicht kauen kann, verschlingt er seine Beute ganz. Auf seinem Speiseplan stehen verschiedene Fische und wirbellose Arten, wie etwa Garnelen, Muscheln, Welse, Karpfen und sogar Süßwasserhaie.
Im 19. Jahrhundert wurden oft große Delfingruppen in der Nähe der Städte gesichtet. Doch heute tauchen die Tiere meistens nur noch in Zweierpaaren auf. Einige von ihnen sind sogar alleine unterwegs. Wenn der Wasserpegel steigt, schwimmen die Ganges-Delfine flussaufwärts in kleinere Ströme. Etwa alle zwei bis drei Jahre können die Weibchen, nach einer Tragzeit von neun bis elf Monaten, ein einziges Kalb zur Welt bringen. Die Jungtiere haben eine sehr dunkle Hautfarbe, die sich erst mit dem Alter aufhellt.
Während der Bestand der Ganges-Delfine1982 noch auf rund 4.000 bis 5.000 Tiere geschätzt wurde, gibt es zurzeit nur noch 1.200 bis 1.800 Individuen. Die Population des Gangesdelfins hat sich vor allem so dramatisch verkleinert, weil der Bau von fünfzig Dämmen die Flussläufe stark verändert hat. Dem Ganges wird mehr Wasser entnommen, als nachfließen kann. Zusätzlich werden Chemikalien und Haushaltsabwässer in den Fluss geleitet. Viele Delfine sterben auch ungeachtet als Beifang.

