Kamtschatka: Gute Zukunft für Lachse?

WWF fördert nachhaltigen Fischfang auf der russischen Halbinsel

© WWF / Peter Prokosch
© WWF / Peter Prokosch

Braunbären, die Lachse fangen – das ist auch auf Kamtschatka das typische Bild intakter nordischer Natur. Nach den Bären gilt nun verstärkt auch den wandernden Fischen das Augenmerk des WWF. Denn weltweiter Wildlachs stammt heute bereits zu einem Fünftel aus Kamtschatka.

Die Flüsse Kamtschatkas und das Meer rings um die Halbinsel im fernen Osten Russlands sind die einzige Region der Erde, wo noch alle sechs bekannten Arten der Pazifiklachsgattung Oncorhynchus natürlich vorkommen. Jedes Jahr ziehen allein den Kol-Fluss schätzungsweise fünf Millionen Lachse vom Meer aus hinauf, um dort abzulaichen. Die Wanderung der Lachse beginnt, sobald der Fluss eisfrei ist und endet erst, wenn er im Herbst wieder zufriert. Jeder vierte nordpazifische Lachs hat in einem der zahlreichen Flüsse auf Kamtschatka seine Kinderstube.

Auf Kamtschatka bilden die Lachse die Basis der Nahrungskette. Sie ernähren Bären, Adler und Menschen. Mehr noch, sie tragen sogar dazu bei, dass Wälder und Auen gedeihen, da die Lachse nach dem Laichen sterben und mit dem Prozess der Verwesung wieder Nährstoffe in den Lebenskreislauf zurückgeben. 

Noch kommen die Lachse zahlreich zum Ablaichen in ihre Geburtsflüsse zurück. Doch Gefahr ist im Verzug. Immer mehr Lachse werden vom Menschen weggefischt. Heute stammt bereits etwa ein Fünftel der weltweiten Wildlachsproduktion aus Kamtschatka: Tendenz steigend. Denn sowohl in Russland als auch weltweit steigt die Nachfrage nach edlen Fischarten. Zwei Wildlachsarten, der Rotlachs und die größte Art, der bis zu 40 Kilogramm schwere Königslachs, werden fast ausschließlich in den Küstengewässern vor Kamtschatka gefangen. Einige russische Fischunternehmer aus Kamtschatka und Wladiwostok haben bereits die offizielle Zulassung der Europäischen Union, Kamtschatka-Wildlachs auch nach Europa zu exportieren.

Das große Geschäft der Wildererbanden

Etwa die Hälfte aller Wildlachse im russischen fernen Osten wird in Kamtschatka angelandet. Wildlachs hat damit nicht nur eine wichtige Rolle als Proteinquelle für die lokale Bevölkerung. Die Lachsfischerei ist zugleich ein wichtiges Standbein für die regionale Ökonomie. Der Umsatz der dortigen Lachsfischerei beträgt jährlich etwa 460 Millionen Euro und sichert den Broterwerb zahlreicher Bewohner der Halbinsel.

Diese beträchtliche Summe wurde im Jahr 2006 gemäß offizieller staatlicher Quote durch den Fang und Verkauf von 35.905 Tonnen aller sechs Wildlachsarten erzielt. Fachleute vermuten allerdings, dass die wahre und inoffizielle Fangquote mindestens doppelt so hoch ist. Denn die hohen Fischbestände im Meer sowie in den Flüssen und Seen locken organisierte Wildererbanden mit Helikoptern und Schiffen aus ganz Russland an.

Korruption, Schattenwirtschaft und Schwindel bei den Lachsfangquoten sind an der Tagesordnung. So wird Kamtschatka-Lachs schon mal falsch etikettiert und taucht mitunter in Polen, China und Korea als Alaska-Lachs im Handel auf. 2006 wurden laut Angaben der lokalen Behörden die Regeln der Küstenfischerei insgesamt 517mal gebrochen. Doch nur in 60 Fällen wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Im September 2006 wurden auf dem Flughafen in Moskau 30 Tonnen Lachskaviar beschlagnahmt: Herkunft Kamtschatka.

Auf Dauer werden die Wildlachsbestände diesem hohen Nutzungsdruck nicht standhalten können. Erste negative Anzeichen gibt es bereits: So wird eine Art, der so genannte Kirschlachs, mittlerweile von den russischen Behörden auf der Roten Liste der gefährdeten Arten geführt.

Wichtige Schritte gegen den Raubbau

Im Jahr 2006 beschlossen Politiker des russischen Föderationsrates, dem Bergbau, insbesondere der Gold- und Erdölgewinnung auf Kamtschatka, Vorrang einzuräumen gegenüber der Küsten- und Binnenfischerei. Den Folgen dieser Fokussierung auf Natur zerstörende Wirtschaftsformen wird der WWF durch die Lobbyarbeit seines neuen Büros auf der Halbinsel entschieden entgegenwirken. Zugleich benötigen die Küsten- und Binnenlachsfischerei dringend einen funktionierenden gesetzlichen Rahmen, denn nach wie vor ist das Ausmaß der illegalen Fischerei und Korruption bei der Vergabe von Fangquoten sehr groß.

Umso wichtiger ist ein erster Erfolg gemeinsamer politischer Lobbyarbeit aller Nichtregierungsorganisationen: Im Februar 2007 wurde vom Regionalparlament ein Gesetz „Über die Fischereiwirtschaft und den Schutz natürlicher Wasserressourcen“ einstimmig angenommen. Jetzt werden politisch und wirtschaftlich entscheidende Weichen für die künftige nachhaltige Nutzung des Kamtschatka-Wildlachses gesetzt. Bei der gesetzlichen Umsetzung allerdings gibt es noch viele Schwierigkeiten, da gleichzeitig neue Fischereilizenzen zu neuen Bedingungen für eine Laufzeit von 20 Jahren vergeben werden. 

Neben der Bekämpfung der Wilderei und dem Schutz der Flüsse sowie der Küstengewässer will der WWF jetzt erreichen, die nachhaltige Fischerei von Kamtschatka-Wildlachs zu fördern und mittelfristig – wie beim Alaska-Lachs – eine Zertifizierung durch das Marine Stewardship Council zu erreichen. Das MSC-Siegel steht für eine nachhaltige und verantwortungsvolle Fischwirtschaft und garantiert, dass die Wildlachsbestände nicht überfischt werden und auch in Zukunft noch genutzt werden können. Ziel ist es, den Markt für illegalen Handel mit Lachs langfristig auszutrocknen. In spätestens zehn Jahren soll nach Ziel des WWF die Hälfte der gesamten Lachsbestände Kamtschatkas nach den nachhaltigen Kriterien des MSC bewirtschaftet werden.

Der WWF wird die Zertifizierung in einem Modellprojekt unterstützen, um das MSC-Siegel auf Kamtschatka bekannt zu machen. Von diesem Pilotvorhaben erhofft sich der WWF einen Nachahmereffekt, der auch die großen Fischereiunternehmen in Kamtschatka erfasst und sie für die ökologischen und ökonomischen Vorteile der MSC-Zertifizierung sensibilisiert. Bereits Ende 2008 soll der erste MSC-zertifizierte Kamtschatka-Lachs auf dem Weltmarkt erhältlich sein. Dies könnte eine entscheidende Weichenstellung zum Schutz der Kamtschatka-Wildlachse werden.

Weitere Informationen

MSC-Fischerei >>

Übersicht Kamtschatka >>

Kontakt WWF

Helene Kolb
WWF-Russlandexpertin
Fachbereich Wald

Tel.: 069 79144-147

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