Abfahrt von Vulkankegeln
Naturverträglicher Wintertourismus in Kamtschatka
Die schlechten Schneeverhältnisse in Europa im Winter 2007 machen Wintersportler erfinderisch auf der Suche nach Alternativen. Für die Abenteurer unter den Schneehungrigen gibt es einen neuen Geheimtipp – eine Wintertour am östlichsten Ende unseres Kontinents: Kamtschatka.
Verschneite Wildnis soweit das Auge blickt. Unzählige Flüsse durchschlängeln lichte Birken- und Mischwälder, vorbei an gewaltigen Gebirgsketten, von denen majestätisch die Kegel der mehr als zwanzig Vulkane aufragen. Mit einer Höhe von mehr als 4.500 Meter können die Berge Kamtschatkas mit den höchsten Gipfeln der europäischen Alpen mithalten. Nahezu unberührt und menschenleer fallen die glatten, weißen Schneehänge der Vulkane zur Pazifikküste hin ab.
Zum Glück aller Winternaturliebhaber wird die Halbinsel Kamtschatka allein schon wegen ihrer entlegenen geografischen Lage kein Ort für Massenwintertourismus wie die Alpen werden. Für jeden geflogenen Kilometer bei der langen An- und Abreise aus Europa soll eine Spende an das WWF-Biogasprojekt in Nepal gezahlt werden, um das verbrauchte Kohlendioxid zu neutralisieren.
Doch die Tourismus zeigt sich ausgerechnet in diesem Winterparadies auch von seiner hässlichsten Seite: röhrende Motoren, Müllberge unter den Gipfeln und zerstörte Böden durch tonnenschweren Schneekatzen. Heli-Skifahren ist beliebt. Reiche Russen und risikofreudige Europäer fliegen mit Sprit fressenden Hubschraubern unter anschwellendem Getöse die Berge hoch. Jeden Tag schwärmen stinkend und dröhnend Helikopter, Schneekatzen und Motorschlitten auf der Suche nach der besten Tiefschneeabfahrt aus. Doch die Ski-Touristen sind nicht die Einzigen in der weißen Welt.
In der Wildnis Kamtschatkas leben weltweit die meisten Braunbären und brütenden Riesenseeadler pro Quadratkilometer. Projektleiterin Helene Kolb vom WWF Deutschland erklärt stolz: „Aufgrund der einzigartigen Natur wurden zwischen 1996 bis 2001 sechs Schutzgebiete als „Vulkane Kamtschatkas“ zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt. Zusammen mit anderen Schutzgebieten ist damit fast ein Drittel der Halbinsel geschützt! Der WWF fördert alle sechs Schutzgebiete mit dem Status „Weltnaturerbe“. Dabei geht es sowohl um streng geschützte Gebiete als auch um Naturparks mit ausgewiesenen Zonen für die Entwicklung von Ökotourismus“.
Ausbeutung droht
Als militärisches Sperrgebiet war die Natur der Halbinsel bis zum Ende des kalten Krieges vor Eingriffen des Menschen weitgehend geschützt und konnte sich frei entwickeln. Doch die unkontrollierte Nutzung des Landes seit der politischen Wende reißt zunehmend Wunden in die Landschaft. Die Gewinnung von Erdöl, Kohle, Gas und die Ausbeutung der Natur durch Wilderei, Abholzung und Tagebau bedrohen die einzigartige Ökoregion.
Jetzt hinterlässt auch noch der Trend zum Heli-Skifahren seine Spuren. Der Müll häuft sich an den Hubschrauberlandeplätzen und wilden Camps, der hohe Dieselverbrauch belastet die Luft mit Giftstoffen und der Lärm der Motoren stört die Braunbären während ihres Winterschlafes.
Doch Winterurlaub geht auch anders: Der WWF begrüßt ausdrücklich das Engagement des Deutschen Skiverbandes (DSV) auf Kamtschatka und seine Initiative "Ski for Nature". In Zusammenarbeit mit den Direktoren der Weltnaturerbegebiete erarbeitet der DSV Grundpfeiler für einen naturverträglichen Skitourismus in Kamtschatka. Skifahrer zum Beispiel, die aus eigener Kraft aufsteigen, genießen dort eine winterliche Märchenwelt – ohne Tiere und Pflanzen zu bedrohen. Diese so genannten Tourengeher wandern auf Skiern den Berg hinauf und genießen anschließend die bezaubernde Aussicht über das menschenleere Land und die wohlverdiente Abfahrt.
Naturnah Ski fahren
Das DSV-Projekt wird nun ein Angebot für Skifahrer erarbeiten, das die negativen Auswirkungen des Skisports auf die Natur auf ein Minimum begrenzen will und zugleich einen Nutzen für die einheimischen Bewohner und die Naturparks gewährleistet. Neben einem Ausbildungsprogramm für lokale Ski- und Bergführer sollen ein Leitfaden für nachhaltigen Skitourismus formuliert und winterfeste Berghütten geplant werden.
Die Skitouren sollen in ausgewählten Gebieten durch Birkenwälder und Tundra auf die spektakulären Gipfel der Vulkane führen und dabei die Schutz- und Ruhezonen der Bären und Riesenseeadler schonen. Die Abfahrt mit Pazifik-Ausblick wird unter anderem zu einer Winterhütte gehen, wo Touristen übernachten und am nächsten Tag zu einer neuen Tour aufbrechen können.
Bei Tagestouren können die Touristen ihr Gepäck in der Hütte lassen. Längere Strecken zwischen den einzelnen Aufstiegen könnten auch mit Hundeschlitten erfolgen. Jedes Jahr werden bereits traditionelle Hundeschlittenrennen von den Volksgruppen der Korjaken und Evenen auch mit Touristen durchgeführt. Die Skifahrer würden mit einem Versorgungshubschrauber an- und abreisen, der das Naturparkcamp Nalychevo in der Wildnis mit Lebensmitteln, Brennstoff und Post beliefert.
WWF-Wanderpfad
Für die Sommertouristen hatte der WWF bereits seit Mitte der 1990er Jahre Modellprojekte für Ökotourismus entwickelt. Ein Umweltbildungszentrum mit Naturmuseum, mehrere Rangerstationen, mit Kabinen und Einstiegen ausgestattete Thermalquellen sowie Schutzhütten machen den 100 Kilometer langen „WWF-Wanderpfad“ zu einer beliebten und einzigartigen Route in der Wildnis Kamtschatkas. Die Russland-Expertin Helene Kolb resümiert: „Ich bin fest davon überzeugt, dass der Ökotourismus den internationalen Bekanntheitsgrad von Schutzgebieten des Weltnaturerbes Kamtschatka steigen lässt und somit langfristig die Existenz von Braunbären, Riesenseeadlern und Wildlachsen sowie der Menschen vor Ort sichern hilft.“
Das Umweltprogramm des DSV >>
