Verbrannter Bergwald in der Nähe des Dorfes Daba. © WWF CauPo
Verbrannter Bergwald in der Nähe des Dorfes Daba. © WWF CauPo

„Der Kaukasus ist unsere gemeinsame Heimat“

Nugzar Zazanashvili, Leiter der Naturschutzabteilung des WWF Kaukasus-Programmbüros, über Naturschutz in einer Krisenregion mit über 40 Volksstämmen

Dr. Nugzar Zazanashvili ist Biogeograph. Er wurde 1957 in Georgien geboren. Seit 1992 ist er beim WWF: zunächst vier Jahre als Ausbildungsleiter und seit 1998 als Leiter der Naturschutzabteilung des WWF Kaukasus-Programmbüros. Außerdem ist er Autor von fast 90 (populär)wissenschaftlichen Publikationen. © WWF CauPO

WWF: Der bewaffnete Konflikt zwischen Georgien und Russland führte 2008 zu vielen Verletzten und kostete über 160 Menschen das Leben. Auch Natur kam zu Schaden: Im Borjomi-Kharagauli-Nationalpark brannte es erheblich. Wie sieht die Situation heute aus?

Zazanashvili: Im Borjomi-Kharagauli-Nationalpark waren mehrere kleinere Gebiete von den Kriegshandlungen betroffen, zusammen 150 Hektar. Das Gebiet, das am meisten Schaden nahm, liegt zwar außerhalb des eigentlichen Nationalparks, doch in dessen Pufferzone. Hier gibt es auf rund 1.000 Hektar Zerstörungen.

Schlimm ist auch, was die Bevölkerung erleidet. Wenn man auf der Hauptstraße von Tifilis nach Gori fährt, sieht man Flüchtlingscamps mit Tausenden provisorischer Häuser. Ein beklemmender Anblick.

Im Ministerium für Umweltschutz und Schutz der natürlichen Ressourcen wurde eine Expertenkommission gegründet. Der Direktor des WWF Kaukasus-Programmbüros, Giorgi Sanadiradze, gehört ihr an. Es wurde beschlossen, zunächst zu untersuchen, inwieweit sich das Ökosystem selbst regenerieren kann. Auf jeden Fall bauen wir gleichzeitig unsere Möglichkeiten zur Feuerbekämpfung in den Schutzgebieten Georgiens aus. Zusammen mit der georgischen Regierung wurde beschlossen, dass die Feuerbekämpfung zuerst im Borjomi-Kharagauli-Nationalpark ausgebaut werden soll. Sie wird dann Vorbild für andere Nationalparks unseres Landes werden.

WWF: Über 40 verschiedene Volksstämme im Kaukasus und erzwungene Umsiedlungen unter Stalin sind immer wieder Ursache für Unruhen. Wie kann man unter diesen Bedingungen Naturschutz betreiben?

Zazanashvili: Unter Stalins Regime hatten alle Volksstämme zu leiden, inklusive der Georgier. Denn Stalin hatte sich nicht als Georgier gesehen, sondern als „Bolschewik und Kommunist“. Auch mein Großvater wurde Opfer der stalinistischen Repressionen der 1930er Jahre, weil er ein Anti-Bolschewik war. Es gab keine privilegierten Nationen in der Sowjetunion. Viele der willkürlichen oder strategischen Entscheidungen, National- oder Regionalgrenzen aufzuheben, diente dem künstlichen Gebilde „Sowjetunion“. Heute müssen wir mit den Konsequenzen leben.

Die Geschichte des Kaukasus begann aber weit vor der Sowjetunion. Dies ist eine Gebirgsregion, hier gibt es immer mal Spannungen und Kriege. Aber es gab auch immer eine Art „kaukasischer Identität“ und „Fair play.“ Das bedeutet, dass sogar jetzt, wo wir keine gemeinsame politische Sprache finden können, wir uns trotzdem gemeinsam um Natur- und Umweltschutz bemühen. Denn die Menschen, die hier leben, wissen, dass der Kaukasus unsere gemeinsame Heimat ist.

WWF: Erhalten Sie Unterstützung von der Bevölkerung?

Zazanashvili: Die Kommunikation mit der lokalen Bevölkerung ist schwierig. Wenn wir über „Euer Land“, „Eure Interessen“, „Eure Zukunft“ sprechen, verstehen die Leute nicht, dass nicht nur sie gemeint sind, sondern wir alle. Deswegen suchen wir das persönliche Gespräch mit den Menschen. Wir erklären, was wir tun, warum wir das tun, was sie davon haben und auf was sie gegebenenfalls verzichten müssen. Wenn wir offen und fair kommunizieren, sind die Leute eher bereit, uns zuzuhören. Dieses Vorgehen hat uns vom WWF die letzten 15 Jahre geholfen, einige heftige Konflikte zu lösen.

WWF: Um ein gemeinsames Schutzkonzept für die gesamte Ökoregion zu verabschieden, holten Sie Vertreter aller sechs Regierungen an einen Tisch und verabschiedeten einen „ökoregionalen Naturschutzplan für den Kaukasus“ (ECP). Was genau sieht er vor?

Zazanashvili: Der ökoregionale Schutzplan bestätigt, dass der Kaukasus unsere gemeinsame Heimat ist. Dort heißt es: Unsere Vision des Kaukasus ist eine Region, in der gesunde Populationen heimischer Pflanzen- und Tierarten sich vermehren können; wo Lebensräume, Landschaften und natürliche Prozesse erhalten werden; wo die Völker in ihrer Dynamik und Vielfalt aktiv an der fairen und nachhaltigen Nutzung ihrer natürlichen Ressourcen teilhaben können.

Ich glaube, dass der Kaukasus-Biodiversitäts-Rat (CBC) für die Umsetzung des Naturschutzplans ein wichtiger Motor ist. Wir hatten kürzlich bereits das achte Treffen in Batumi. Dort sprachen wir unter anderem über die Zukunft der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen Georgien und der Türkei und besuchten das infrage kommende Gebiet.

Das erste grenzübergreifende Projekt mit dem Nachbarn Armenien läuft bereits: Das Vulkan-Hochland an der Grenze wird zum Nationalpark. Übrigens dank der Unterstützung der deutschen Regierung, der KfW-Bankengruppe und des WWF Deutschland.

Die deutsche und die norwegische Regierung, Conservation International/Critical Ecosystem Partnership Fund, GEF, die Weltbank, UNDP, Swiss Aid haben sich hier sehr eingesetzt – entscheidend für den Ausbau der Naturschutzaktivitäten in der Region!

Teil 2: Künftige Ziele des WWF Kaukasus