„Der Kouprey ist vermutlich bereits ausgestorben“
WWF-Artenschutzexperte Volker Homes über das geheimnisvolle Wildrind und die neuen WWF-Aktivitäten in Südostasien

- Koupreys in freier Wildbahn: Historische Aufnahme aus den frühen fünfziger Jahren. © the wild cattle of cambodia
Der Kouprey ist mit dem ausgestorbenen Auerochsen verwandt und erst seit 1937 als eigene Art bekannt. Einst war das Wildrind entlang des Mekong in den tropischen Trockenwäldern von Kambodscha, Laos, Vietnam und Ostthailand zu Hause.
WWF: Wie groß ist die Chance, heute noch einen Kouprey zu finden?
Volker Homes: Noch stuft die Weltnaturschutzunion IUCN den Kouprey aktuell als „critically endangered“, also „vom Aussterben bedroht“ ein. Doch vermutlich ist er bereits ausgestorben. Es wäre eine Überraschung, wenn doch noch ein Exemplar auftauchen würde. Ganz ausgeschlossen ist das allerdings nicht, denn der Kouprey lebt beziehungsweise lebte in Südostasien, einer Region, die für manche Überraschungen gut ist. Allein im Einzugsgebiet des unteren Mekongs wurden zwischen 1997 und 2007 rund 1.000 neue Arten entdeckt – darunter Säugetiere wie die Laotische Felsenratte und der Truong-Son-Muntjak, eine bislang unbekannte Hirschart. Ich schätze daher: Die Chance beträgt weniger als ein Prozent.
WWF: Gibt es Augenzeugen, Fotos, Berichte aus jüngster Vergangenheit?
Homes: Seit rund 20 Jahren gibt es eigentlich keine ernsthaften Hinweise auf lebende Tiere mehr. Obwohl viele Expeditionen in die Region unternommen wurden. Es gab schon davor nur ganz wenige Fotos. Es gibt lediglich genetische Hinweise, dass Kouprey-Gene noch in domestizierten Rindern stecken.
WWF: Warum ist das Kouprey verschwunden?
Homes: Es gab vermutlich nie sehr viele Tiere, Experten schätzten ihre Zahl auf höchstens 2.000 vor dem 2. Weltkrieg. Das anschließende jahrzehntelange Bürgerkriegsinferno hat sie dann stark dezimiert. Koupreys wurden gejagt und ließen sich leichter erlegen als andere Wildrinder. Durch Hausrinder wurden Krankheiten übertragen. Schließlich wurde ihr Lebensraum immer mehr zum Beispiel durch Kautschukplantagen ersetzt.
WWF: Neben Koupreys gibt es in Indochina weitere Wildrindarten, die tatsächlich noch anzutreffen sind.
Homes: Ja, der Banteng zum Beispiel, außerdem der Gaur und der wilde Wasserbüffel. Sie alle leben in den Trockenwäldern Südostasiens, das sind savannenartige Landschaften, die in Aussehen und Artenreichtum sehr stark an die viel berühmteren afrikanischen Pendants erinnern. Diese Wildrinder Südostasiens stehen auf der Roten Liste der bedrohten Arten.
WWF: Ist der Artenreichtum der Region auch der Grund für das verstärkte WWF-Engagement in Südostasien?
Homes: Richtig. Zugleich haben sich die Lebensräume in Indochina dramatisch verändert. In Thailand etwa gingen in wenigen Jahrzehnten 80 Prozent des Waldes verloren, ähnliches geschah in Vietnam. Laos und Kambodscha wiederum haben noch die größten Naturressourcen, sind aber die wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Länder der Region.
WWF: Das heißt, dort kann man sehr effektiv Naturschutz betreiben?
Homes: Genau. Die Euros, die wir dort investieren, sind bestens in Naturschutz angelegt.
WWF: Was konkret hat der WWF dort vor?
Homes: Ein Nebenfluss des Mekong, der Srepok, soll aufgestaut werden. Dadurch würde eine nicht unerhebliche Fläche an Trockenwäldern verloren gehen. Das wäre für die Wildrinder zum Beispiel eine Katastrophe. Das zum Beispiel wollen wir verhindern.
WWF: Setzt Ihr Euch auch für Schutzgebiete ein?
Homes: Es gibt bereits einige Schutzgebiete, doch die existieren leider nur auf dem Papier. Deshalb müssen wir erst einmal die bereits vorhandenen Reservate vernünftig schützen. Denn nach wie vor gibt es sehr viel Wilderei in der Region. Zugleich haben wir Projekte gestartet, welche die nachhaltige Nutzung natürlicher Produkte fördern. Wie Harz zum Beispiel: Bestimmte Bäume werden angezapft und deren Harz als Grundstoff an Industrieunternehmen verkauft. Es gibt Wildhonigsammler, die ihre Produkte jetzt in großen Städten Touristen anbieten und damit Geld verdienen. Das alles sind Projekte, die wir gerade unterstützen. Und wir wollen den Ökotourismus voranbringen, denn auch der trägt dazu bei, dass die Menschen mit intakter Natur ihren Lebensunterhalt verdienen können.
WWF: Hätte ich denn als Tourist eine Chance, einen Gaur oder Banteng in freier Wildbahn zu sehen?
Homes: Die ist ehrlich gesagt nicht sehr groß, dazu sind diese Tiere zu selten. Aber bei der einzigartigen Artenfülle der Region kommt sicher jeder Naturliebhaber auf seine Kosten.
Das Gespräch führte Donné Norbert Beyer

