Grenzmäander

WWF-Erfolg: Auch als Grenzfluss behält die Oder ihren freien Lauf

Oderschleife auf der tschechisch-polnischen Staatsgrenze © Městský úřad Bohumín, Tschechische Republik
Oderschleife auf der tschechisch-polnischen Staatsgrenze © Městský úřad Bohumín, Tschechische Republik

Natürliche Flüsse, die noch frei ohne menschliche Eingriffe fließen, findet man in Mitteleuropa fast nicht mehr. Gerade die typischen großen, weiten Schlingen – die so genannten Mäander – in denen die Flüsse flache Ebenen schlangengleich durchziehen, sind fast überall verschwunden. Die Freiheit, zu jeder Jahreszeit anders zu fließen, wurde den Flüssen durch zahlreiche Baumaßnahmen genommen.

Eine der wenigen Ausnahmen ist die Oder. Vor allem ihre Flusswindungen am Oberlauf der Oberen Oder zwischen der Tschechischen Republik und Polen blieben verschont. Dort sind die natürlichen dynamischen Vorgänge von Wasser- und Sedimenttransport bis heute erhalten geblieben. Neben den Mäandern bieten Seitenarme, Inseln, Uferabbrüche und Kiesbänke der artenreichen Flora und Fauna eine Heimat. In den Uferabbrüchen brüten Eisvogel und Uferschwalbe. Auch Biber und Fischotter finden hier noch eine Heimat.

WWF stoppte Ausbaupläne

Auch in politisch kalten Zeiten konnte die Oder frei fließen. Ende der neunziger Jahre jedoch sollte das ein Ende haben. Denn mit jedem Laufwechsel zog die Oder auch automatisch die Grenze zwischen Tschechien und Polen neu. Daher entwickelten die polnischen und tschechischen Flussverwaltungen 1998 Pläne zur Begradigung des Flusses – auf Kosten der Natur. Denn die Ausbaupläne hätten das außergewöhnliche Landschaftsbild und den imposanten Reichtum an natürlichen Lebensräumen vollkommen zerstört.

Das rief den WWF auf den Plan. Schon nach der verheerenden Sommerflut 1997 hatte der WWF begonnen, den Zustand der Oderauen zu kartieren und zu bewerten. Auf Grundlage dieser Ergebnisse und nach intensiver Überzeugungsarbeit schob die tschechisch-polnische Grenzgewässerkommission 2001 schließlich den geplanten Beginn der Ausbaumaßnahmen um zwei Jahre auf. Diese Zeit nutzte der WWF intensiv, um den Zustand der Grenzmäander zu untersuchen und eine Vorhersage über ihre weitere Entwicklung auszuarbeiten.

Der praktische Zweck war die Abschätzung der Hochwassergefahr für die anliegenden Gemeinden. Dazu wurde auch ein offener Dialog mit den tschechischen und polnischen Behördenvertretern, mit den betroffenen Einwohnern und Firmen sowie den Naturschutz-, Raumordnungsplanungs- und Staatsgrenzenbehörden geführt.

Nachdem abschließend wissenschaftlich dargelegt werden konnte, dass die Erhaltung des Flussbetts keine negativen Auswirkungen auf die Hochwasserschutzmaßnahmen für die nahe gelegene Stadt Bohumín hätte, unterzeichneten die zuständigen tschechischen und polnischen Behörden im Oktober 2003 den Verzicht auf Rückbau des Oderflussbetts. Und im November 2003 stimmte die ständige polnisch-tschechische Grenzkommission den WWF-Vorschlägen zur naturnahen Erhaltung der Oder-Grenzstrecke zu – ein einzigartiger Erfolg. Und ein Sieg der Vernunft.

Kontakt

WWF-Fachbereich Süßwasser

Dr. Petr Obrdlik

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