
- Greifswalder Bodden. © Alexander Wieme / WWF
Ostsee: Erbe der Eiszeit
Mehr Schutz für das jüngste Meer der Welt
Erst vor knapp 12.000 Jahren entstanden, hat die Ostsee seither bereits mehr dramatische Veränderungen erfahren als viele andere Ozeane. Die heftigste jedoch steht ihr vermutlich erst bevor – ausgelöst durch den Wandel unseres Klimas. Deshalb arbeitet der WWF daran, die aktuellen ökologischen Belastungen schnellstens zu verringern.
Besonders die eigentümlich geformten Bodden, Haffe oder Schären sind begehrte Laich- und Aufwuchsgebiete für Fische – wie etwa die Bodden um Rügen für den Ostseehering. Sie sind zugleich Vogelparadiese – nicht nur während der Brutzeiten im Sommer: Allein in der Pommerschen Bucht zwischen Rügen, Bornholm und der polnischen Küste halten sich im Winter mehr als 3,5 Millionen Seevögel auf – darunter Eisenten, Trauerenten, Taucher- und Sägerarten. Sie ernähren sich vor allem von Miesmuscheln, Würmern und Fischen, die im flachen Wasser reichlich gedeihen. 2005 wurden große Teile der Bucht als EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen.
Die Vogelwarten auf der Kurischen Nehrung und auf Hiddensee haben über Jahrzehnte dokumentiert, dass sich Brutvögel auf ihren Zügen aus Nordosteuropa an der südlichen Ostseeküste wie in einem Flaschenhals konzentrieren. Besonders eindrucksvoll ist dies im Herbst, wenn in der Vorpommerschen Boddenlandschaft und auf Rügen zwei Monate lang bis zu 50.000 Graue Kraniche gleichzeitig Station machen.
Eine Erfolgsgeschichte konnte der WWF für die Seeadler mitschreiben, die nach jahrelangem Niedergang durch Umweltgifte, Eierdiebstahl und Störung der Brutplätze stark dezimiert waren. Heute hat sich der Bestand der majestätischen Vögel in allen Ostseeländern wieder so erholt, dass sie wieder fast überall an der Küste zu beobachten sind.

- Muscheln und Algen. © Krause Huebner / BfN
Zu viel Nährstoffe und Schiffsverkehr
Heute leben rund 85 Millionen Bewohner an den Küsten rings um das Quasi-Binnenmeer. Ihre Abwässer und Abgase aus Haushalt, Industrie und Landwirtschaft belasten die Ostsee. Vor allem der Überschuss an Nährstoffen aus der Landwirtschaft: Längst hat die Überdüngung mit Stickstoff und Phosphaten zu einem solchen Wachstum von Planktonalgen geführt, dass sie Pflanzen das Licht und Fischen den Sauerstoff nehmen. Mehr als ein Sechstel des Ostseebodens ist bereits lebensfeindliche tote Zone, in der es zeitweilig oder dauerhaft keinen Sauerstoff mehr gibt.
Dagegen wurden 2007 endlich erste Maßnahmen beschlossen: Im Rahmen des Ostsee-Aktionsplanes verpflichteten sich die Anrainerstaaten auch auf Druck des WWF, jährlich insgesamt 135.000 Tonnen Stickstoff und etwa 35.000 Tonnen Phosphor weniger ins Meer einzuleiten – ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.
Nicht nur Landwirte sind seitdem gefordert, auch Schiffseigner. Denn mittlerweile stammt rund ein Viertel des Stickstoffs, der über die Luft in die Ostsee gelangt, von Schiffen.Weil immer mehr Schiffe die Ostsee befahren – zurzeit sind es etwa 2.000 täglich – und jedes Jahr drei bis fünf Prozent hinzukommen.
Umso erfreulicher, dass die Weltschifffahrtsorganisation IMO die Ostsee 2004 zum „Besonders Sensiblen Seegebiet“ erklärte. Der WWF hatte jahrelang dafür gekämpft, damit strengere gesetzliche Schutzmaßnahmen für alle Schiffe erlassen werden konnten. Seit 2005 gibt es auf gefährlichen Passagen „Einbahnstraßen“: Schiffe, die in unterschiedliche Richtungen fahren, müssen auch verschiedene Routen nehmen. Außerdem wurden Vogelschutzgebiete ausgewiesen, in denen große Schiffe nicht fahren dürfen.
Doch noch immer gibt es keine Lotsenpflicht. Dabei waren es meist Schiffe ohne diese erfahrenen Berater, die Unfälle verursachten. Der WWF wird daher weiter insistieren, bis diese Selbstverständlichkeit und weitere Umweltstandards endlich gesetzliche Pflicht und umgesetzt werden.

- Ringelrobbe. © Sindre Kinnrod / WWF Canon
Belastungen verringern
Auch die Fischerei ist eine erhebliche Belastung für das biologische Gleichgewicht in der Ostsee. Doch noch gravierender scheint der Klimawandel das Schicksal der Ostsee zu verändern. Nach Prognosen führender Wissenschaftler wird die Ostsee sich um mehrere Grad erwärmen. Also rosige Aussichten auf polnische Oliven, Mecklenburger Riesling und jede Menge Touristen?
Nur im bestmöglichen Szenario. Damit dies eintreten kann und sich die Ostsee nicht durch noch mher Algenwuchs in ein totes Meer verwandelt, müssen wir die jetzigen Belastungen erheblich verringern. Konkret:
• Das Wasser muss wieder klar werden, damit die Ostsee wieder durchatmen kann. Alle müssen gemeinsam dieses Jahrhundertziel schultern – Kommunen, Industrie, Schifffahrt und Anwohner. Der WWF wird dazu noch mehr Überzeugungsarbeit leisten.
• Wir brauchen zudem einschneidende Veränderungen in der Fischereipraxis und im Verbraucherverhalten, um Dorsch und Ostseelachs zu retten und den Stör wieder heimisch zu machen.
• Kegelrobbe und Seehund, heute nur sporadische Gäste an der deutschen Ostseeküste, sollen wieder Dauerbewohner werden, wie dies dank guter Naturschutzarbeit des WWF bereits mit Seeadler und Kranich gelungen ist.
• Die Ringelrobbe wiederum ist mehr als andere dringend darauf angewiesen, dass wir endlich konkrete Maßnahmen im Klimaschutz erreichen – denn die kleinste Robbenart zieht ihre Jungen auf dem Eis der nördlichen Ostsee auf. Deshalb brauchen wir keine neuen Kohlekraftwerke, die das Klima über die Abgase und das Ostseewasser über die Verwendung als Kühlmittel weiter erwärmen.
All diese Ziele des Naturschutzes werden wir nur mit Ostsee-Nutzern gemeinsam erreichen. Wie bei der Schutzvereinbarung zum Greifswalder Bodden, den auf WWF-Initiative hin Angler, Wassersportler und Naturschützer gemeinsam unterzeichneten. Oder bei der Entwicklung von Qualitätskriterien für Naturtourismus auf Rügen.
Das WWF-Projektbüro in Stralsund arbeitet gemeinsam mit anderen WWF-Organisationen und vielen nationalen Fachbehörden an Konzepten, wie die Ostsee-Natur am besten dauerhaft geschützt werden kann. Noch gibt es Einiges zu tun, damit unsere Vision Wirklichkeit wird: Die Ostsee als einzigartiges Erbe der Eiszeit für unsere Kinder und Enkel zu bewahren.
Aktuell
Ranking Anrainer: Schlechte Noten für Ostseeschutz >>
Weitere Informationen
Die Rippenqualle - gefährlicher Alien? >>
Internationale Seiten zur Ostsee in englischer Sprache
WWF International: Safeguarding the treasures of the Baltic Sea
Die Seiten der Helsinki Comission (HELCOM)
Typische Tiere der Ostsee und ihrer Küste:
Kontakt
WWF-Projektbüro Ostsee
Knieperwall 1
18439 Stralsund
Tel.: 03831 297018
E-Mail schreiben

