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Stand: 22.06.2016

Der Epilog des Sommermärchens 2006

Es war einmal ein Bär, der kam aus Italien und suchte in Bayern ein neues Revier. Es war einmal ein Fußballtrainer, der kam aus den USA und wollte in Deutschland Weltmeister werden. Der Bär hieß Bruno und der Trainer Jürgen. Das Sommermärchen endete bekanntlich nicht mit einem Happy End: Den Traum des Fußballers beendeten die Herren Fabio Grosso und Alessandro del Piero mit zwei Schlenzern ins Eck. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bruno bereits sein 32. und letztes Schaf gerissen. Eine Polizeikugel beendete das kurze und wilde Leben des „Problembären“ auf der Küpfalm. Der Bär wurde ausgestopft und landete in einem Münchener Museum. Der Trainer ging zurück nach Amerika und weil er nicht gestorben ist, trainiert er dort noch heute.

Braunbär im Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald © Jörn Ehlers / WWF
Braunbär im Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald © Jörn Ehlers / WWF

Die Geschichte könnte damit enden, doch sie hat ein Nachspiel: Bruno der Bär hieß eigentlich JJ1, benannt nach seiner Mutter Jurka und seinem Vater Joze. Eben jene Jurka hat ihren ältesten Sprössling entscheidend geprägt und damit wesentlich Anteil an dessen fataler Neigung, sein Futter in der Nähe von Menschen zu suchen. Ein Vorliebe, die ihm zum Verhängnis wurde.

Schlechte Gewohnheiten durch Anfüttern erlernt

Jurka, die Bärenmutter, stammt ursprünglich aus Slowenien. Sie war wohl schon früh von einem Hotelier angefüttert worden, der seinen Gästen eine besondere Attraktion präsentieren wollte. Keine gute Idee und der Beginn einer tragischen Familiengeschichte. Die slowenische Bärin tapste irgendwann in eine Röhrenfalle und wurde im Rahmen eines Wiederansiedelungsprojektes in einen Naturpark in der norditalienischen Provinz Trentino verfrachtet. Ihre schlechten Gewohnheiten hatte sie im Gepäck. Auch in ihrer neuen Heimat zeigte das inzwischen besenderte Tier wenig Scheu vor Menschen. Es wird vermutet, dass sie in Italien aus falsch verstandener Tierliebe erneut gefüttert wurde. Siedlungen bedeuteten für sie: leckeres und einfach beschaffbares Futter. Diese Erkenntnis gab sie ihrem Nachwuchs mit auf den Weg, mit dem sie wiederholt durch Siedlungen spazierte. Mehrere Versuche den Tieren mit Gummigeschossen und Knallkörpern den notwendigen Respekt beizubringen scheiterten.

Die Geschichte nahm ihren Lauf. Bruno erwischte es 2006 in Bayern. Die Spur seines Bruder JJ2, alias Lumpaz verliert sich in Österreich, vermutlich wurde er von Wilderern getötet. JJ3 war ebenfalls auffällig. Ihn ereilte dasselbe Schicksal wie seine Brüder: Er wurde 2007 in der Schweiz erlegt, nachdem er wie sein älterer Bruder auf den Geschmack von Schafen gekommen war.

10. Todestag des Braunbären Bruno

Der Tod des Braunbären Bruno jährt sich am 26. Juni zum zehnten Mal. Der WWF und eine finnische Eingreiftruppe mit karelischen Bärenhunden hatten seinerzeit vergeblich versucht, ihn lebend zu fangen. Aus Montana wurde eigens eine Röhrenfalle für Grizzlys eingeflogen, doch weil das Tier nach mehreren Vergrämungsversuchen gelernt hatte, nicht zweimal am selben Ort aufzutauchen, war der Versuch mit der Falle zu Scheitern verurteilt. Ziel war es, das Tier zu betäuben und in einem Gehege unterzubringen. Schon damals schieden sich an der Unterbringung im Gehege die Geister. Während zahlreiche Bärenfans nichts unversucht lassen wollten, den Problembären vor dem tödlichen Schuss zu bewahren, waren viele Wildbiologen skeptisch. Sie lehnen das Einsperren von frei geborenen Tieren, die Hunderte Kilometer umherstreifen konnten, ab, weil sie es für Tierquälerei halten. Klar ist: die Unterbringung im Gehege kann allenfalls eine Ausnahme sein. Die Frage, wie es Bruno in Gefangenschaft ergangen wäre, blieb unbeantwortet. Doch am Schicksal seiner Mutter lässt sich ablesen, wie so ein Bärenleben verlaufen kann.

WWF unterwegs mit der Bärenfalle © Dirk Barth / WWF
WWF unterwegs mit der Bärenfalle © Dirk Barth / WWF

Denn irgendwann verloren die italienischen Behörden ebenfalls die Geduld mit der vorwitzigen Bärin im Trentino. Sie suchte immer wieder die Nähe zu Menschen und verhielt sich so auffällig, dass es trotz Besenderung zu riskant war, das 250 Kilo schwere Raubtier weiter frei herumstreifen zu lassen. Jurka ging in die Falle und landete 2007 im Kloster San Romedio, benannt nach einem Heiligen der auf einem Bären ritt. Jurka konnte dem Leben bei den Mönchen allerdings nichts abgewinnen und schlug alles kurz und klein, was ihr zwischen die Tatzen kam. Auf Grund zahlreicher Proteste, von Tierschützern im Trentino, baute die Forstverwaltung in Casteller (Trento) eine 8000 Quadratmeter große Auffangstation für „Problemtiere“. Aber auch die neue Bleibe war für einen Wildbären keine wirkliche Alternative. Zu wenig Rückzugmöglichkeiten und wenig Möglichkeit der Abkühlung setzten dem gefangenen Tier gewaltig zu. Sie brauchte mehr Platz. 

Asyl im Alternativen Wolf- und Bärenpark

Freianlage im Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald © Jörn Ehlers / WWF
Freianlage im Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald © Jörn Ehlers / WWF

Schließlich gewährte man der Bärendame aus den Südalpen im Schwarzwald Asyl. Sie fand 2010 im Alternativen Wolf- und Bärenpark ihr wohl endgültiges Domizil. Eine Freianlage mit insgesamt zehn Hektar stehen Jurka und derzeit sieben Artgenossen dort zu Verfügung. Auf dem Gelände entwickeln sich Freiflächen und Wald weit gehend unbeeinflusst. „Für Zirkusbären und Tiere, die aus Gefangenschaft kommen, sind das Superbedingungen, aber für einen frei geborenen Bären bleibt es eine Art goldener Käfig“, beschreibt Diana Pretzell vom WWF Deutschland die Situation. Tatsächlich brauchte Jurka eine ganze Weile, um sich einzugewöhnen. Nach ihrer Ankunft aus Italien tat sie alles, um das Gefängnis hinter sich zu lassen: Sie kletterte auf zehn Meter hohe Fichten, versuchte den Elektrozaun zu erden und probierte es mit Tunnel graben. Erst allmählich wurde die Bärin ruhiger und passte sich an ihr neues Leben an. Inzwischen hält Jurka sogar wieder Winterruhe, ein natürliches Verhalten, das Tiere in Gefangenschaft oft ablegen. In ihrer Bären-WG spielt sie zudem eine wichtige Rolle, indem sie ihren degenerierten Mitbewohnern, denen die Instinkte bei ihrem Leben hinter Gittern abhanden gekommen sind, vorlebt, welche Kräuter man essen kann und welche Beeren lecker sind. „Dennoch, ihr Freiheitsdrang ist ungebrochen. Ein ehemaliger Wildbär in Gefangenschaft ist ein gequältes Tier“, findet selbst Rüdiger Schmiedel, der Geschäftsführer der Stiftung für Bären. Am liebsten würde er wohl den Zaun einreißen und Jurka in die Freiheit entlassen, auch wenn er weiß, dass das keine Lösung ist. Er ist sich sicher: „Sie würde die Nähe zu Menschen suchen und in die Verhaltensweise zurückfallen, die auch ihren Söhnen zum Verhängnis wurden.“ Und so endet die Geschichte der inzwischen 20-jährigen Jurka wohl in einem Park im Schwarzwald wo sie den Rest ihres Lebens verbringen dürfte. Nicht die schlechteste Behausung aber für ein Wildtier eben nur die zweitbeste Lösung.

Die Geschichte ihrer Familie endet dennoch mit einem Hoffnungsschimmer: Jurka hat nämlich noch eine Tochter: JJ4. Und die nimmt anders als ihre randalierenden Brüder Reissaus, wenn sie Menschen riecht. Sie lebt nach wie vor in Norditalien und hat schon mehrfach Junge bekommen. Es geht eben doch, das Zusammenleben von Mensch und Natur.

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