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Wo Braunbären zu Hause sind

Leben und leben lassen: In Slowenien kommen Braunbären und Menschen offenbar gut miteinander aus – anders als bislang in Österreich. WWF-Reporterin Astrid Deilmann war im Bärenland unterwegs.

© Wild Wonders of Europe / Staffan Widstrand / WWF

Seit Kilometern rauschen sie an uns vorbei, Buchen, Tannen, Eichen, Föhren, Lärchen. Ein tiefer, herbstbunter Märchenwald, wie ich ihn in Deutschland noch nie gesehen habe. Hier sollen Braunbären leben, und das glaube ich sofort.

 

Wir rumpeln über Waldwege mitten in den dinarischen Alpen Sloweniens, als unser Wagen plötzlich abrupt stoppt und das Scheinwerferlicht ausschaltet. „Bär – da vorne!“, ruft unser Bärenführer. Ich recke den Hals und sehe nichts. Wir steigen aus und schließen sachte die Türen. Unser Bärenmann klopft mit der flachen Hand auf seinen linken Unterschenkel: Dicht hinter ihm sollen wir bleiben. Schweigend und suchend stolpere ich hinter ihm über eine große Lichtung, die Kamera im Anschlag. „Da!“, zischt er. Wo? Meine Augen suchen den Waldrand ab. Ich nähere mich einem Bären, ohne ihn zu sehen, denke ich, das kann nicht klug sein, und dann sehe ich ihn doch, knappe 40 Meter entfernt. Ein Braunbär auf den Hinterbeinen, der in unsere Richtung schaut! Vor Schreck schalte ich die Kamera aus, statt zu zoomen. Als ich das Ding endlich wieder funktionsbereit habe, schieße ich nur verwackelte Bilder von einem Bären, der sich unaufgeregt Richtung Wald trollt.

 

Während wir auf einen Hochsitz klettern, um dort auf weitere Bären zu warten, versuche ich mich zu sortieren. Angst hatte ich keine, als der Jungbär – etwa zwei Jahre, schätzt unser Bärenführer – vor mir stand. Eher Respekt, nein: Ehrfurcht. Als sei da eine unsichtbare Grenze, die Bär und ich nicht überschreiten sollten. Das ist dein Tanzbereich, das ist meiner, du kommst nicht in meinen und ich nicht in deinen.

 

In Slowenien funktioniert dieses Prinzip ganz gut. Auf dem Weg hierher sind wir von Null auf 450 gefahren. Genau so viele Braunbären gibt es im kleinen Slowenien, in Deutschland hingegen keinen einzigen. Ein Großteil dieser Tiere lebt im Süden des Landes und nur wenige Bären im Alpenraum im Norden an der Grenze zu Österreich. „Bei uns war der Braunbär nie ausgestorben“, hat Janez Kastelic vom slowenischen Umweltministerium gesagt, als wir in strömendem Regen durch den beeindruckenden Mischwald gefahren sind. Und nicht ohne Stolz hat der Leiter der Abteilung Naturschutzpolitik hinzugefügt: „Jelen ist kein Nationalpark. Was Sie hier sehen, ist ein normales Jagd- und Forstrevier.“

 

Das Land hat ein funktionierendes Bärenmanagement. Richtet ein Bär Schäden an, springt der Staat ein und zahlt. Manchmal murren einige Schafzüchter, aber gemeutert wird nicht. Seit 1966 ist der Lebensraum der Bären geschützt, gejagt werden dürfen sie nicht mehr, die Population ist stabil und die Erfahrung der Forstbediensteten mit den Großräubern gut. In der Vergangenheit haben sie für verschiedene Wiederansiedlungsprojekte in Europa Braunbärenweibchen gefangen. Kein Kinderspiel, und doch ist es immer geglückt.

Bärenmangel in Österreich

© Staffan Widstrand / WWF

Wenn es nach dem WWF geht, sollen die nächsten Weibchen, die Marco Jonozovic und Anton Marinčič zu fassen bekommen, nach Österreich gebracht werden. Der Leiter des Wildtiermanagements der slowenischen Staatsforste und der Leiter des Forstreviers Jelen haben bereits einige Bärinnen gefangen, und sie würden es gerne für Österreich wieder tun. Denn das Nachbarland leidet unter akutem Bärenmangel. Von ehemals 35 Bären konnte kein Tier mehr genetisch nachgewiesen werden. Allerdings ist 2012 wieder ein Bär in die Nördlichen Kalkalpen eingewandert. Weil dieser sich aber nun mal nicht selbst vermehren kann, müssen Weibchen her bzw. muss die natürliche Zuwanderung unterstützt werden.

 

Für ein neues Bärenbestandsstützungsprojekt in Österreich scheint die Zeit derzeit nicht reif zu sein. Einzig das Land Oberösterreich würde einer Aussiedelung zustimmen. Obwohl eine repräsentative Umfrage im Frühjahr gezeigt hat, dass die Bevölkerung in den geeigneten Bärengebieten Steiermark, Nieder- und Oberösterreich zu über 70 Prozent für neue Bärinnen sind, zögern die Politiker. Landwirte und Jagdverbände fordern, erst müsse das mysteriöse Verschwinden der Bären aus den vergangenen Jahren lückenlos geklärt werden. „Lückenlos – das ist unmöglich“, sagt Jörg Rauer, einer der österreichischen Bärenanwälte. Es gibt verschiedene Erklärungsmöglichkeiten, von denen keine die allein selig machende ist: Krankheit, Abwanderung, illegaler Abschuss. Für letzteres hat die Wiener „Soko Bär“ des österreichischen BKA im vergangenen Winter immerhin einen Beweis gefunden: ein zweijähriges, ausgestopftes Bärenweibchen im Wohnzimmer eines verstorbenen Jägers.

 

Solange es keine neue Bärenpopulation in den Nördlichen Kalkalpengibt, die als Brückenkopf für die Besiedlung des restlichen Alpenraumes dient konzentriert sich der WWF umso stärker auf die anderen Alpenbären. Wenn es gelingt die Bärenzahlen im Trentino als auch im Dreiländereck zu steigern, dann wird über kurz oder lang auch Zentralösterreich wieder besiedelt werden.

 

Wir sehen an jenem Abend in Jelen noch zwei quicklebendige Bären. Einer spaziert gemächlich über den Forstweg, ein anderer frisst über eine Stunde lang ausgelegten Mais unmittelbar unter unserem Hochsitz, der sonst den slowenischen Experten zum Bärenmonitoring dient. Er stört sich nicht an uns. Er kommt nicht in unseren Tanzbereich, und wir nicht in seinen.

   
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