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Sumatra-Nashorn: Die Geschichte von Puntung und Tam

Das Sumatra-Nashorn ist akut vom Aussterben bedroht. Die Borneo Rhino Alliance will die Fortpflanzungsrate der extrem seltenen Tiere erhöhen. Wie, das erklärt ihr Leiter John Payne im Interview.

WWF: John Payne, Sie sind Leiter der Leiter Borneo Rhino Alliance. Worum geht es?

John Payne, Leiter der Borneo Rhino Alliance © WWF
John Payne, Leiter der Borneo Rhino Alliance © WWF

Payne: Wir sind eine NGO mit genau einer Mission und Vision: das Aussterben des Sumatra-Nashorns zu verhindern. Es ist extrem gefährdet und braucht jede denkbare Hilfe. Unser Weg ist, dass wir im malaysischen Bundesstaat Sabah Nashörner fangen und diese unter allerbester medizinischer und pflegerischer Betreuung halten - um unter diesen Bedingungen die Geburtenrate zu steigern. Diese ist momentan deutlich niedriger als die Sterberate, wenn man mal Wilderei außen vor lässt.

Die Tiere wiegen über 500 Kilogramm. Wie fängt man ein Rhinozeros im Regenwald?

Auf dem schockierendsten Weg, den man sich vorstellen kann – in einer Grube. Es sind Einzelgänger, die muss man erst mal finden, was gar nicht so leicht ist, denn sie sind sehr selten und leben im dichten, hügeligen Regenwald. Da sind die Sichtweiten unter 20 Metern. Man könnte denken, am besten wäre es mit einem Betäubungsgewehr, aber das funktioniert so nicht in der Praxis. Die beste Falle ist einfach ein Loch im Boden – nicht zu tief, nicht zu klein und voller Blätter, damit sich das Nashorn nichts tut. Die Falle muss am rechten Platz sein, wo man einigermaßen sicher ist, dass ein Nashorn vorbeikommt. Und dann heißt es warten. Wir haben es probiert mir Drähten, die dann per SMS melden, wenn ein Nashorn in der Falle ist, aber das war uns zu unsicher. Also haben wir ein kleines Team, das zweimal täglich nachschaut, ob ein Nashorn in der Falle sitzt. Es geht 999 Mal vergeblich. Letztes Jahr im Dezember war es dann aber soweit.

Die Sumatra-Nashörner Puntung und Tam © Borneo Rhino Alliance / WWF
Die Borneo-Nashörner Puntung und Tam © Borneo Rhino Alliance / WWF

Und wie viele haben sie so gefangen?

Zwei. Ein Weibchen und vor vier Jahren ein Männchen – wobei das eher einfach war. Der Bulle schaute einfach ab und zu auf einer Plantage vorbei.

Warum vermehren sich die Rhinozerosse nicht in ihrem natürlichen Lebensraum?

Es gibt einfach zu wenige. Zum Beispiel, die beiden, die wir gefangen haben: Tam, der Bulle, und das Weibchen Puntung – was übrigens Stumpf heißt, weil sie nur drei Beine hat. Den linken Vorderhuf hat sie noch als Jungtier in einer Wildererfalle verloren, wie unsere Untersuchungen gezeigt haben. Puntung wurde seit fünf Jahren im Wald beobachtet. Dieses junge, fortpflanzungsfähige Weibchen im besten  Alter hat anscheinend kein anderes Nashorn gesehen in diesen Jahren. Und als wir den etwa 20 Jahre alten Bullen Tam mit ihr erstmals zusammengeführt haben, wusste der auch nicht so recht, was er tun sollte – er hatte anscheinend noch nie mit einer Nashorn-Dame zu tun.

Und wie bringen sie das den beiden bei, was zu tun ist?

Das ist wieder sehr kompliziert. Borneo Nashörner sind wie gesagt Einzelgänger und reagieren normalerweise aggressiv aufeinander – außer beim Eisprung der Nashorn-Dame, der etwa alle 27 Tage stattfindet. Dazu haben wir feststellen müssen, das Puntung unter Endometriose leidet – Uterus-Zysten. Diese mussten wir dann von einem Team des Leibniz-Institutes für Zoo- und Wildtierforschung entfernen lassen. Im August war dann der erste Termin – wir haben die beide in einem Gehege zusammengebracht. Es sah zunächst gut aus, Puntung hat Tam ihr Hinterteil zugewandt, aber es ist dann doch nicht passiert. Nach zwei Tagen haben die beiden das Interesse verloren, beziehungsweise wurden aggressiv. Wir mussten abbrechen. Im Oktober machen wir den nächsten Versuch. Wenn es bis Jahresende nicht funktioniert, erwägen wir künstliche Befruchtung.

Sumatra-Nashorn in der Kamerafalle © Stephen Hogg / WWF
Borneo-Nashorn in der Kamerafalle © Stephen Hogg / WWF

Wie viele Babies könnte Puntung denn bekommen?

Immer nur eins. Wie viel insgesamt kann man nur schätzen. Wahrscheinlich höchstens fünf.

Was würde dann mit den Nachkommen von Tam und Puntung passieren?

Wir würden sie nicht auswildern – diese Option wäre wohl erst ab der nächsten Generation angebracht. Wir würden versuchen, für diese wieder Partner zu finden. Im Zoo von Cincinnati in den USA konnte man beispielsweise schon Zuchterfolge nachweisen. Und dann gibt es ja noch das Sumatra-Nashorn, aber eben in Indonesien. Ob wir die zusammenbringen können wäre aber vor allem eine politische Entscheidung zwischen Malaysia und Indonesien.

Glauben Sie, dass das Sumatra-Nashorn eine Chance hat zu überleben?

Eigentlich bin ich pessimistisch. Ich würde sagen die Chancen liegen bei 50:50. Was mich aber optimistisch macht: Wir sind viel besser als in der Vergangenheit, sowohl was Vernetzung, als auch das Wissen angeht. Manche Genetiker glauben, dass die Zahl der Nashörner schon zu gering ist, um ein langfristiges Überleben der Art zu sichern. Ich habe aber Gegenargumente: Es hat schon bei anderen Spezies geklappt, eine sehr geringe Zahl wieder auf viele Tausende zu steigern. Also bin ich also auch fast schon wieder optimistisch.

   
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