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Stand: 30.11.2016

Tigerverdopplung Tx2: Wie Straßen und Schienen das Ziel gefährden

Im Jahr 2010 beschlossen alle 13 Tiger-Staaten, bis 2022 die wildlebenden Tiger zu verdoppeln. Jetzt ist Halbzeit und es sieht gut aus für das große Ziel. Nun zeigt eine aktuelle Studie, dass die erhoffte Tigerverdopplung stark gefährdet ist – durch den Straßenbau.

Tiger-Verdopplung durch Straßenbau gefährdet © Indraneel Dani
Tiger-Verdopplung durch Straßenbau gefährdet © Indraneel Dani

Wilderei und die Lebensraumverlust ließen 97 Prozent der wildlebenden Tiger verschwinden. Der Tiger-Gipfel im Jahr 2010 sollte die Wende einläuten. Die 13 Tiger-Staaten verpflichteten sich dazu, bis zum Jahr 2022 die Zahl der Tiger auf über 6000 zu verdoppeln.

Dalberg-Report offenbart neue Herausforderungen: „The Road Ahead“

Zur Halbzeit gibt es zwar Zahlen, die optimistisch machen, allerdings offenbart eine aktuelle Studie neue Herausforderungen. Mindestens 3890 Tiger leben derzeit in freier Wildbahn. Doch diese Erfolge könnten sich als äußerst fragil erweisen. Laut einer Untersuchung der Dalberg Global Development Advisors besitzt der Straßenbau das Potenzial, alle bisherigen Bedrohungen in den Schatten zu stellen.

Für die Studie „The Road ahead“ untersuchte Dalberg drei Regionen, die exemplarisch für alle Tiger-Landschaften stehen. Das Ergebnis: Lineare Infrastrukturen – dazu gehören vor allem Straßen, aber auch Eisenbahnlinien, Pipelines, Leitungen, Zäune und Kanäle – bedrohen nicht nur das Ziel der Tigerverdopplung, sondern sie gefährden auch den grundsätzlichen Fortbestand der Tigerpopulationen.

Auch Eisenbahnlinien zerschneiden den Tigerlebensraum © iStock / Getty Images
Zug in Indien © iStock / Getty Images

Weshalb sind Straßen für Tiger so gefährlich?

Ein Tigerrevier kann bis zu 1000 Quadratkilometer groß sein, das ist mehr als die Fläche von Berlin. Zerschneidung und Zerstückelung ihrer Lebensräume hat für Tiger schwerwiegende Auswirkungen. In den immer kleiner werdenden Territorien gibt es weniger Beute, die Fortpflanzungsrate sinkt, Krankheiten und heftige Revierkämpfe unter den Tigern nehmen zu. Die Zahl der Tiger nimmt ab. Straßen führen zudem immer mehr Menschen in zuvor unberührte Gebiete. Die Folgen: Es kommt zu Mensch-Tier-Konflikten bei den Siedlungen, auf Feldern und Plantagen. Und zu Wildtier-Unfällen auf den Straßen und Schienen. Außerdem bringen die Straßen nicht nur Siedler, Bauern, Händler und Holzfäller in Tigergebiete, sondern auch Wilderer.  

Asien boomt und wächst – acht Billionen Dollar für Straßen

Im Jahr 2050 werden mehr als drei Milliarden Menschen Asiens Großstädte bewohnen. Dieses Bevölkerungswachstum wird Konsequenzen für den gesamten Kontinent nach sich ziehen. Um den Bedürfnissen der wachsenden Bevölkerung gerecht zu werden, errechnet die Asiatische Entwicklungsbank einen Investitionsbedarf in Höhe von acht Billionen US-Dollar in Infrastrukturprojekte. Allein zwischen 2012 und 2022 sind in Asien zusätzliche 11.000 Kilometer Straßen und Schienen geplant, die direkt durch Tiger-Regionen führen. Die weiteren Investitionen sind noch gar nicht abzusehen, aber es ist wohl mit weiteren Beeinträchtigungen und Fragmentierungen der Tiger-Lebensräume zu rechnen.

Karte der wichtigsten Straßen in Asien © WWF
Karte der wichtigsten Straßen in Asien © WWFLupe
Geplantes Infrastrukturprojekt zwischen Bangkok (Thailand) und Dawei (Myanmar)
Geplantes Infrastrukturprojekt zwischen Bangkok (Thailand) und Dawei (Myanmar)Lupe

Indochinesische Tiger in Dawna-Tenasserim

Indochinesischer Tiger © Anton Vorauer / WWF
Indochinesischer Tiger © Anton Vorauer / WWF

In der Dawna-Tenasserim-Landschaft entlang der Grenze zwischen Thailand und Myanmar sind 200 der letzten 250 Indochinesischen Tiger beheimatet. Das 30.000 Quadratkilometer große Gebiet soll durch mehrere Infrastruktur-Projekte zerstückelt werden. Derzeit sind zwei vierspurige Autobahnen geplant, Eisenbahntrassen sowie Öl- und Gaspipelines. Diese Straßen würden die WWF-Tigerprojekte zerschneiden, die Korridore zerstören. Hinzu kommt, dass in Myanmar entlang einzelner neuer Straßen die Wälder abgeholzt werden. Schätzungen gehen davon aus, dass Myanmar bis 2035 etwa 13 Prozent seiner Waldflächen für Infrastrukturprojekte verlieren wird.

Bengal-Tiger in Terai-Arc

Bengal-Tiger wird von Touristen beobachtet © Tony Heald / naturepl.com / WWF
Bengal-Tiger wird von Touristen beobachtet © Tony Heald / naturepl.com / WWF

Die Terai-Arc-Landschaft zwischen Nepal und Indien gilt als eine der artenreichsten Regionen der Erde. Auf einer Fläche von fast 50.000 Quadratkilometer erstrecken sich insgesamt 15 geschützte Ökosysteme, die über die höchste Tiger-Dichte der Welt verfügen. Mindestens 239 Bengal-Tiger sind hier beheimatet. Seit diesem Jahr setzt der WWF auch ein erfolgreiches Projekt zur Vernetzung von Schutzgebieten beiden Ländern um, um die erfolgreiche Arbeit von Regierungen, NGOs und Schutzgebieten der letzten Jahre weiterzuführen und auf andere Flächen zu erweitern. Jedoch wird aktuell entlang der indisch-nepalesischen Grenze ein 650 Kilometer langer Highway errichtet. Weitere Straßen und Schienen mit einer Länge von 5000 Kilometer sind bereits in Planung, die bei schlechter Planung und unzureichender Berücksichtigung der Tiger-Lebensräume die bisherige Naturschutzerfolge zerstören könnten.

Sumatra-Tiger in Indonesien

Sumatra-Tiger © Saipul Siagian / WWF Indonesien
Sumatra-Tiger © Saipul Siagian / WWF Indonesien

Sumatra ist einer der wichtigsten Biodiversitäts-Hot-Spots. In sechs Tigergebieten leben auf einer Fläche von etwa 75.000 Quadratkilometern weniger als 400 der letzten Sumatra-Tiger, aber auch etwa 100 Nashörner, 1700 Elefanten und 15.000 Orang-Utans. Seit 1990 wurden hier etwa auf 50.000 Kilometer Straßen gebaut. Im gleichen Zeitraum verlor Sumatra mindestens 15 Prozent seiner Waldflächen für Palmöl-Plantagen. Demzufolge gilt die indonesische Insel als Blaupause dafür, wie Infrastruktur- und Landnutzungsplanungen auf gar keinen Fall passieren sollten.

Derzeit wird ein 2800 Kilometer langes Straßenprojekt realisiert. Eine weitere geplante, 40 Meter breite Straße soll mitten durch den Harapan-Regenwald führen und das tausend Quadratkilometer große Gebiet zerschneiden. Entwicklungen, die dramatisch für den Tiger sind. Diese Entwicklungen zeigen, dass es umso wichtiger ist, dass der WWF weiterhin an der Verdoppelung der Tigerzahlen in Rimbang Baling in Sumatra arbeitet – gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung und den politischen Entscheidungsträgern, damit sozio-ökonomische Entwicklungen Hand in Hand mit den Naturschutzbemühungen für den Tiger und seinen Lebensraum gehen.

Fazit:

Der WWF fordert anhand dieser Beispiele, dass Tigerlandschaften in die Infrastrukturplanungen integriert werden, damit die Tiger langfristig eine stabile Population erreichen und auch zwischen den Schutzgebieten wieder wandern können und gleichzeitig die asiatischen Staaten von den Infrastrukturprojekten profitieren können.

(Text: Matthias Adler und Michael Zika)

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