Nirgendwo auf der Welt gibt es mehr Tiger als im nepalesisch-indischen Tiefland im Schatten des Himalajas. Doch mit zunehmender Anzahl der Raubkatzen mehren sich von Jahr zu Jahr gefährliche Konflikte zwischen Tigern und Menschen, die beide das Leben kosten können. Denn auch die Bevölkerung wächst und ist in hohem Maße von den Wäldern der Tiger abhängig.

Mehr Tiger – Größere Gefahr

Der nepalesische Tigerschützer Bhadai Tharu verlor durch einen Tigerangriff ein Auge © James Morgan / WWF-US
Der nepalesische Tigerschützer Bhadai Tharu verlor durch einen Tigerangriff ein Auge © James Morgan / WWF-US

Im Abstand von nicht einmal zwei Wochen wurde im Südwesten Nepals eine Frau durch einen Tiger getötet und eine weitere verletzt, als sie im Wald Feuerholz sammelte. Wut, Angst und Proteste der anliegenden Gemeinden sind groß.

„Als mich ein Tiger angriff und mir eines meiner Augen nahm, war ich so wütend, dass ich glaubte, ich könnte diesen Tiger töten“, erzählt Bhadai Tharu, der in einem Wildtierkorridor von der Raubkatze überrascht wurde.

Hundert Kilometer weiter östlich sind allein in den letzten zwölf Monaten zehn Menschen rund um die Nationalparks Chitwan und Parsa an der Grenze Nepals zu Indien durch Tigerangriffe ums Leben gekommen. Ein Anstieg um das Dreifache, der direkt auf Nepals Erfolg im Tigerschutz zurückzuführen ist: Die Zahl der Raubkatzen in dem südasiatischen Land hat sich seit 2010 ebenfalls fast verdreifacht. Was für den Artenschutz ein riesiger Grund zur Freude ist, bedeutet für die Bevölkerung in den Tigerlebensräumen eine wachsende Gefahr.

Tiger vor der Haustür

Tiger greifen vor allem dann an, wenn Menschen in ihr Revier eindringen. Doch durch den rapiden Verlust an natürlichen Lebensräumen kommen die Raubkatzen immer häufiger und immer näher an Siedlungen und nutzen landwirtschaftliche Flächen wie Zuckerrohrfelder als ihr Territorium. Diese reihen sich dicht an die Wälder des Valmiki-Tigerreservates in Indien. Insgesamt drei Schutzgebiete formieren sich hier entlang der indisch-nepalesischen Grenze zu einem großen Lebensraum für Tiger.

Frauen tragen Feuerholz © Gary Van Wyk / The Ginkgo Agency / Whiskas / WWF-UK
Frauen tragen Feuerholz © Gary Van Wyk / The Ginkgo Agency / Whiskas / WWF-UK

Dazwischen wohnen Menschen, die Vieh halten und Landwirtschaft betreiben. So kommen sich beide Seiten zwangsläufig sehr nahe. 

Man stelle sich vor, ständig fürchten zu müssen, einem Tiger im Vorgarten zu begegnen.

Die Menschen im grenzübergreifenden Chitwan-Parsa-Valmiki-Komplex leben in einer sehr gefährlichen Region.

 

Die Not verstehen lernen

Im Süden des indischen Schutzgebietes Valmiki, wo die Tigerdichte besonders hoch ist, diskutieren Frauen und Männer verschiedener Altersgruppen über sichere Viehzäune, über enge Maschen und horizontale Drähte. Und darüber, wo die nächsten solarbetriebenen Straßenlaternen am nötigsten gebraucht werden, um Tiger nachts aus Dörfern fernzuhalten: Zwei der vielfältigen Maßnahmen des WWF in der Region – und eine der zahlreichen Besprechungen mit gewählten Vertreter:innen der Dörfer vor Ort, die ähnlich in Nepal seit Jahren stattfinden.

Hauptsächlich indigene Gemeinschaften besiedeln das Projektgebiet in Nepal und Indien, die traditionell natürliche Ressourcen nutzen und deren Glaube und Kultur eng mit der Natur um sie herum verknüpft sind. „Ihre Vorfahren haben hier mit wesentlich mehr Tigern gelebt,“ sagt Katjuscha Dörfel, Südasien-Expertin beim WWF. „Wir können viel von ihnen lernen. Und letztlich sind sie es, die entscheiden, wie gut der Tiger in ihrer Heimat geschützt werden kann.“

Sofortige Hilfe bei Tigerangriffen

Tigerschutz-Wachturm Bardia-Nationalpark © Emmanuel Rondeau / WWF US
Tigerschutz-Wachturm Bardia-Nationalpark © Emmanuel Rondeau / WWF US

Im meterhohen Gras ist der Tiger erst in letzter Minute zu sehen: In Nepal warnen auf Anregung der Bevölkerung erste Wachtürme mit Lichtanlagen und Sirenen, wenn Tiger die Nationalparks verlassen und sich in Richtung der Dörfer bewegen.

Außerdem gibt es einen Hilfsfonds zur sofortigen Entschädigung für gerissenes Vieh und nach Angriffen auf Menschen - selbst wenn diese aus großer Not und Armut in die Schutzgebiete eingedrungen sind. Fast alle hier sind darauf angewiesen, ihr Feuerholz zum Kochen in den Wäldern der Tiger zu sammeln, obwohl sie sich damit ständig in Gefahr begeben.

Biogas und schnelle Eingreiftruppen

In Indien verringern in einigen Gemeinden inzwischen Biogasöfen die Abhängigkeit vom Feuerholz und reduzieren so gefährliche Begegnungen mit Tigern im Wald. Das hilft der Bevölkerung, den Tigern und den Wäldern. Schnelle Eingreiftruppen sind nach Tigersichtungen und Angriffen zur Stelle, um die Menschen bei Verletzungen zu versorgen und die Raubkatzen zu vertreiben oder zurück ins Schutzgebiet zu transportieren.

Der Erfolg zeichnet sich ab: Während früher rund um die nepalesisch-indischen Schutzgebiete regelmäßig Tiger aus Angst und Rache getötet wurden, konnten diese Vergeltungstaten in den letzten Jahren komplett verhindert werden: Kein einziger Tiger wurde ermordet.

Viele Menschen, viele Tiger, viel Unterstützung

Bengal-Tigerjunge © GettyImages / Brezina
Bengal-Tigerjunge © GettyImages / Brezina

Die enge Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung erfordert viel Zeit und Vertrauen. Die WWF-Naturschützer:innen kümmern sich gemeinsam mit den Dorfräten auch um alternative Einkommensquellen, wie Ökotourismusprojekte. Denn die Armut ist groß in der strukturschwachen Region.

Die Menschen in den Tigerlandschaften brauchen nicht nur Schutz, sondern sollen von den Raubkatzen profitieren können.

Helfen Sie den Menschen gemeinsam mit uns, um sichere Viehzäune und Wachtürme zur Frühwarnung zu bauen, an allen Brennpunkten schnelle Eingreiftruppen vor Ort zu haben und eine friedliche Koexistenz von Mensch und Tiger zu ermöglichen. Wir verbessern Bildungschancen und Umweltbewusstsein. Wir schaffen Wildtierkorridore, um die Tiger von Siedlungen und Feldern fernzuhalten und Raubkatzen wie Menschen gleichermaßen zu schützen. 

Wer Tiger schützt, schützt so viel mehr. Spenden Sie jetzt!

Setzen Sie sich für den Schutz der Tiger ein