Die blutige Achse der Nashornwilderei
Die Wilderei in Afrika ist außer Kontrolle geraten. TRAFFIC, das Artenschutzprogramm des WWF, hat eine Studie veröffentlicht, die den fatalen Zusammenhang zwischen Wilderei, Korruption und Schlupflöchern in den Gesetzen zeigt. Im Fokus der Studie stehen zwei Nationen, die maßgeblich für die Wildereikrise an Nashörnern in Afrika verantwortlich sind: Südafrika und Vietnam.

Südafrika ist Nashornland
Nirgendwo auf der Welt gibt es mehr Rhinozerosse als hier. Fast drei Viertel des weltweiten Bestandes lebten am südlichen Zipfel Afrikas. Derzeit gibt es in Südafrika etwa 18.900 Breitmaul- und 2.000 Spitzmaulnashörner. Diese Stabilisierung - schließlich galt das

Breitmaulnashorn schon 1895 als fast ausgestorben - hat Südafrika mit bahnbrechenden Strategien im Naturschutzmanagement, der Zucht, und der Aus- und Umsiedlung von Nashörnern erreicht.
Die gesetzlich überwachte Trophäenjagd habe sich dabei bislang als eine unverzichtbare Säule im Naturschutz erwiesen, schreibt TRAFFIC. Das Prinzip ist einfach, ist aber gerade in Europa moralisch stark umstritten. Reiche Leute, meist Europäer oder Nordamerikaner, kommen nach Südafrika, zahlen viel Geld und dürfen auf Nashornjagd gehen. Über die Bestandsgrößen werden Quoten errechnet und Lizenzen erteilt.
Heute bestreiten in Südafrika etwa 70.000 Menschen von der Jagdindustrie ihren Lebensunterhalt, meistens aus ländlichen Gegenden, die wenig andere Lebensmöglichkeiten bieten. Die Erlöse fließen teilweise direkt in den Nashornschutz zurück. Zwischen 2008 und 2011 konnte Südafrika so insgesamt 35,5 Millionen US-Dollar ausschließlich für den Nashornschutz aufbringen.
Pseudo-Jäger, die keine Waffen bedienen können
Seit etwa fünf Jahren vollzieht sich jedoch eine Entwicklung, die alle bisherigen Erfolge bedroht: die ausufernde Wilderei und die „Pseudo-Jagd“. Zwischen 2008 und 2011 wurden 384 Lizenzen zur Jagd auf Nashörner erteilt, obwohl viele dieser „Jäger“ nicht einmal in der Lage waren Waffen zu bedienen. Auch an den Trophäen hatten sie kein Interesse. Sie wollten nur die Hörner.
Pikant: Fast die Hälfte ihnen besaßen die vietnamesische Staatsbürgerschaft. Seit dem Jahr 2009 warnt nun die "Professional Hunters Association of South Africa" ausdrücklich vor der Vergabe von Lizenzen an Vietnamesen. Im April 2012 hat auch das Umweltministerium Südafrikas reagiert und verweigert bislang weitere Genehmigungen.

Hochrangige vietnamesische Diplomaten im Visier der Ermittler
Vietnams großes Interesse an Nashörnern wirkt sich besonders dramatisch auf die Wilderei aus. Sie ist so hoch wie seit den 1960er Jahren nicht mehr. Zwischen 1990 und 2007 fielen jährlich etwa 14 Nashörner der unrechtmäßigen Jagd zum Opfer. Im Jahr 2008 waren es plötzlich 83. Es folgten weitere Rekordzahlen: 122, 333, 448, 668. 2013 könnten es laut Schätzungen 794 werden.
Wilderei wird in Südafrika mit Haftstrafen von bis zu zwölf Jahren geahndet. 2012 wurden 267 Wilderer festgenommen, darunter auch Händler, Exporteure und Kuriere. In der ersten Jahreshälfte von 2013 sind es bereits 94 Festnahmen. Und immer wieder führen die Spuren nach Vietnam. Unter den verhafteten Wilderern und Schmugglern befanden sich in der Vergangenheit auch hochrangige vietnamesische Diplomaten.

Woher stammt die Gier nach dem Horn?
Die Nutzung von Nashornprodukten ist in Vietnam illegal. Sie gelten aber als Wundermittel. Das zermahlene Horn soll fiebersenkend, entgiftend und krampflösend sein. Es soll bei Masern, Schlaganfall und Epilepsie helfen. In der jüngeren Vergangenheit tauchte zudem das Gerücht auf, Nashornpulver heile sogar Krebserkrankungen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist dies Humbug und auch in der traditionellen Medizin Vietnams ist diese Anwendung völlig unbekannt.
Das Pulver hat sich aber auch zu einem Statussymbol der Wohlhabenden entwickelt. Es soll nach fettem Essen oder Trinkgelagen helfen. Und die vietnamesische Regierung und Verwaltung schaut diesem Treiben tatenlos zu. Seit 2008 wurde in Vietnam kein Fall von Nashornnutzung mehr gerichtlich geahndet.
Bis zu 25.000 Dollar für ein Kilogramm
Die Nachfrage in Vietnam ist so grenzenlos groß, dass die Preise in die Höhe schießen. TRAFFIC schätzt den derzeitigen Wert für ein Kilo Nashorn auf bis zu 25.000 US-Dollar. Gehandelt wird das illegale Nashornpulver fast überall: über das Internet, öffentliche Märkte, spezialisierte Geschäfte, aber auch unter der Hand, beispielsweise in Krankenhäusern.
Auch in Vietnam gab es früher Nashörner. Im Jahr 2010 fiel das letzte in Vietnam lebende Java-Nashorn dem Pulver-Wahn zum Opfer. Es wurde tot mit abgetrenntem Horn aufgefunden.













