„Wir werden den Kampf gegen die Wilderei gewinnen.“
Elefanten, Nashörner, Wilderer: 2012 feierte Tom Milliken sein 30. Dienstjubiläum. Zum Feiern bleibt jedoch keine Zeit. Der Leiter des Elefanten- und Nashornprogrammes des Artenschutznetzwerkes TRAFFIC ist der Chefermittler des WWF. Er untersucht die Spuren der Wilderer, dokumentiert Fundstellen und Tatorte. Im Gespräch erklärt er, wie die Wildereikrise zu lösen ist, warum er seinen Optimismus nicht verloren hat und was das alles mit Deutschland zu tun hat.
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© Matthias Adler / WWF -
WWF: Sie sind eines der Urgesteine beim WWF. Haben Sie jemals eine so heftige Wildereikrise miterlebt?
Tom Milliken: Bei den Nashörnern hatten wir schon einmal eine ähnlich schwere Zeit. Das war in den 1990er Jahren. Wir dachten, wir hätten alles im Griff. Die Wilderei war rückläufig. Und auf einmal: Boom, ist das Problem wieder da, sogar noch viel schlimmer. Was mit den Elefanten derzeit passiert, habe ich noch nicht erlebt. Ich bin aber nach wie vor davon überzeugt, dass wir diesen Kampf gewinnen können.
Was macht sie so optimistisch?
Als ich 1982 beim WWF anfing, habe ich in Japan gearbeitet, damals der größte Elfenbeinimporteur der Welt. Jährlich wurden bis zu 400 Tonnen Elfenbein ins Land eingeführt. Die Importe sind inzwischen auf jährlich etwa vier Tonnen gesunken. Glücklicherweise interessieren sich die jungen Japaner heute eher für iPhones als für Elfenbein. In der heutigen Krise heißen die beiden Schrauben Vietnam und China, die wir umdrehen müssen, damit wir den Kampf gegen die Wildtiermafia gewinnen.
Die Situation in Vietnam ist demnach recht ähnlich wie in Japan vor 30 Jahren.
Das stimmt. In Vietnam ist derzeit Nashornpulver der letzte Schrei. Für die aufstrebenden, jungen Leute ist es Teil ihres Lebensstils: Partys, Alkoholexzesse, Luxusprodukte – und dann eben auch dieses Nashornpulver. Benutzt wird es meist als eine Art Medikament. Ihm werden zahlreiche Wirkungen zugeschrieben. Erhältlich ist es in Vietnam fast überall für jedermann und jederzeit – über das Internet, auf Märkten. Aber auch Vietnam wird darüber hinweg kommen, da bin ich mir ganz sicher.
Kann Vietnam dieses Problem nicht selbst lösen?
Die Regierung von Vietnam gilt als sehr korrupt. Das bestätigt auch der aktuelle Report von „Transparency International“. Die Politik ist Teil der mafiösen Struktur. Es ist unter Geschäftsleuten oder eben auch Politikern nicht unüblich, dass Nashorn mit großer Geste als Gastgeschenk überreicht wird. Es gab auch schon mehrere Fälle, bei denen hochrangige vietnamesische Diplomaten mit Nashorn aufgegriffen wurden.
Wie soll Vietnam „gedreht“ werden?
Wir müssen internationalen Druck aufbauen, wir müssen Vietnam öffentlich kritisieren aus allen Richtungen. Wir brauchen möglichst hochrangige internationale Politiker, die öffentlich die unbequeme Frage stellen: Warum macht ihr eigentlich so schreckliche Dinge? Ein internationales shaming - damit können wir diesen Kampf gewinnen.
Die Wilderei wirkt für die meisten Deutschen als ein sehr weit entferntes Problem...
Die Deutschen sollten nicht denken, dass sie damit nichts zu tun haben. Seid ihr euch da so sicher? Nur mal ein Beispiel: Nirgendwo in Europa werden mehr Nashornartefakte aus Museen gestohlen als in Deutschland. Zwischen 2011 und 2012 haben wir insgesamt 82 solcher Diebstähle registriert, darunter auch ganze Köpfe. Gerade hier in Berlin gibt es eine große vietnamesische Gemeinde. Seit Südafrika keine Jagdlizenzen an Vietnamesen mehr erteilt, beantragen inzwischen immer mehr Europäer Genehmigungen - in letzter Zeit auch vermehrt aus Polen, Tschechien und Russland. Diese Wildtiermafia agiert international – und Deutschland spielt da keine Ausnahme.
Wie steht es um die Elefanten?
Es ist nicht einfach zu sagen, was gerade passiert. Wir sind gerade dabei, die Populationen zu prüfen. Im März wird in Bangkok die Generalversammlung der Unterzeichner des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) stattfinden, dann werden wir sichere Zahlen liefern können. Schon jetzt wissen wir, dass die Populationen in Zentralafrika stark dezimiert sind. Es gibt Vermutungen, dass es in Senegal gar keine Elefanten mehr gibt. Im schlimmsten Fall rechne ich damit, dass 2012 zwischen sieben und zwölf Prozent aller Elefanten getötet wurden.
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© Matthias Adler / WWF -
Sie beobachten sehr genau, was sich in Afrika derzeit abspielt. Was können sie aus ihrer Beobachtung sagen, ohne dass sie dafür Zahlen brauchen?
Es fällt auf, dass sich die Hotspots verlagern. Vor drei Jahren waren Nigeria, Kamerun und Gabun Schwerpunkte der Elefantenwilderei. Jetzt hat sich alles weiter nach Osten verschoben. Kenia und Tansania sind auf einmal dabei. Ich habe die Befürchtung, dass dies auch daran liegen könnte, dass es in den bekannten Hotspots einfach keine Elefanten mehr zu jagen gibt. Die Hotspots in Asien, dort wo das meiste Elfenbein eingeführt wird, sind immer noch die gleichen: Hongkong, Taiwan und Hanoi – da hat sich nichts verändert.
Geändert hat sich aber, dass nun international operierende Syndikate am Wildtierschmuggel beteiligt sind. Wie arbeiten die?
Das ist neu in der Geschichte der Wilderei in Afrika. Als ich vor 30 Jahren mit meiner Arbeit begann, war so ein Rhino-Horn vier oder fünf Monate in der Welt unterwegs, bevor es den Markt erreicht hat. Heute laufen die Deals ab wie ein Uhrwerk. In spätestens 36 Stunden ist die Ware beim Käufer.
Nehmen Sie zum Beispiel Johannesburg in Südafrika. Ein asiatischer Schmugglerring kooperiert dort mit der Crew einer Thai International Airways-Maschine. Die fliegt ganz regulär an einem Donnerstagmorgen zurück nach Bangkok. Also lautet der Auftrag: ‚Zwei Rhino-Hörner bis Donnerstagmorgen’. Mittwochnacht brechen Wilderer auf in den Krüger-Nationalpark, verteilen sich, suchen nach einem Nashorn. Per Handy stehen sie in Kontakt. Vielleicht eine Stunde später tönt es dann durchs Telefon. ‚Wir haben eins.’ Fünfzehn Minuten später. ‚Getötet! Zwei Hörner dabei! Lasst uns verschwinden. In 45 Minuten sind wir an der Straße.’ Dann rennen sie mit ihrer Beute los. Am verabredeten Treffpunkt warten bereits drei Geländewagen. Ein Auto nimmt die Waffe mit der das Tier getötet wurde, ein zweites die Wilderer, im dritten verstaut ein Kurier die Beute. Dann rasen alle davon. Der Kurier fährt auf direktem Wege nach Johannesburg, übergibt die Hörner an einen Mittelsmann, der sie dem Syndikat liefert. Ein Kurier bringt die Ware zum Flughafen. Korruptes Bodenpersonal schleust dort vermutlich das Horn unbemerkt ins Flughafengebäude und vorbei an den Kontrollpunkten. Ein Stewart übernimmt das Paket direkt an der Gangway und versteckt es an Bord des Flugzeugs in einem Kleiderschrank der Crew. Die Maschine startet durch und landet zwölf Stunden später in Bangkok.
Wie wollen Sie die Jagd nach dem Elfenbein unter Kontrolle bringen?
Wir wissen von einigen großen Elfenbeinfunden von Zollbehörden. Wir wissen aber auch, dass es anschließend nicht einmal zu Ermittlungen gekommen ist. Wir fordern daher, dass jeder Elfenbeinfund ab 600 Kilogramm polizeilich untersucht werden muss. Es müssen Inventarlisten erstellt werden, wir müssen transparent machen, wo, wann, wie viel Elfenbein gefunden wird. Anschließend müssen Untersuchungen vor Ort eingeleitet werden. Dafür müssen natürlich die Strukturen errichtet werden. Wir brauchen Verhaftungen und anschließende Prozesse. Das klingt nach einer ganzen Menge von Maßnahmen, die notwendig sind. Wenn man aber davon ausgeht, dass wir insgesamt neun Nationen im Fokus haben, die maßgeblich an der Wilderei beteiligt sind, und allein fünf von diesen neun für etwa 60 Prozent des illegalen Elfenbeinhandels verantwortlich sind – dann haben wir ein Ziel vor Augen, dass wir erreichen können.
Schon jetzt sind die Statistiken alarmierend. Was erwarten Sie für die letzten Monate des Jahres?
Es ist traurig, aber in den letzten Monaten des Jahres schnellen die Zahlen in aller Regel noch einmal in die Höhe. Oktober, November und Dezember sind die schlimmsten Monate für Elefanten und Nashörner. In Südafrika ist Regenzeit. Die Wilderer sind dann durch die schlechte Sicht geschützt. Die Ferienzeit Ende Dezember verstärkt noch einmal die Wilderei. Es klingt absurd, während der Feiertage wird erheblich stärker gejagt.
Wie wollen Sie den Handel verhindern?
Dabei spielt natürlich öffentlicher Druck eine große Rolle. In China gibt es derzeit schon ein paar sehr spannende Kampagnen, bei denen beispielsweise der Schauspieler Jacky Chan oder der ehemalige Basketballspieler Yao Ming auf die Problematik hinter dem Elfenbein aufmerksam machen. Sie zeigen deutlich, dass dafür Elefanten abgeschlachtet werden. Und die Leute hören ihnen zu, denn sie sind extrem prominent in China. Aber auch hier ist Deutschland auch gefordert. Wie viele Deutsche fahren denn jedes Jahr nach Thailand? Und nicht wenige kaufen sich auch kleine Schmuckstückchen aus Elfenbein. Das ist nicht nur illegal, sondern an diesem Schmuck klebt Blut, dass sollte alle wissen. Wir werden dafür trommeln, dass es jeder erfährt.
Das Gespräch führte Matthias Adler.











