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Stand: 31.05.2016

Der Zustand der biologischen Vielfalt in Europa

Der weltweite Rückgang der biologischen Vielfalt macht auch vor Europa nicht Halt. Die Regierungen der Europäischen Union müssen die Natur mit ihren wertvollen Leistungen erhalten, wiederherstellen und endlich eine nachhaltige und ökologisch verträgliche Landnutzung umsetzen.

Braunbär. © Wild Wonders of Europe / S. Widstrand / WWF
© Wild Wonders of Europe / S. Widstrand / WWF

Die Fakten:

  • Laut europäischen Roten Listen sind 23 Prozent der Amphibien, 17 Prozent der Säugetiere und 13 Prozent der Vögel  stark gefährdet (The IUCN Red List of Threatened Species 2015).
  • Die Anzahl der invasiven Arten in Europa steigt weiterhin rapide an, was immer mehr negative wirtschaftliche und ökologische Konsequenzen nach sich zieht. Der Schaden, der während der letzten 20 Jahre durch invasive Arten entstand, beläuft sich auf etwa 12 Mrd. Euro pro Jahr (Europäische Kommission, Invasive gebietsfremde Arten 2014)
  • Rund ein Drittel der nach der Flora-, Fauna-, Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) geschützten Lebensraumtypen in der EU sind in einem ungünstigen aber stabilen Erhaltungszustand, weitere 30% befinden sich in einem ungünstigen Zustand und verschlechtern sich weiter, und nur bei 4% der Lebensraumtypen konnte eine Verbesserung festgestellt werden (Europäische Kommission, State of Nature Report 2015). Bei Hoch- und Niedermooren beispielsweise befinden sich ganze 80% in einem ungünstigen Erhaltungszustand, nur rund 20% in einem günstigen Zustand und bei fast 50% dieses Lebensraumtyps verschlechtert sich der Erhaltungszustand noch weiter 
  • Bei den natürlich der EU vorkommenden Vogelarten gelten immerhin 50% der Bestände als sicher, 15% als potentiell gefährdet/ abnehmend und 17% als bedroht. Bei Säugetieren hingegen befinden sich mehr als 50% der Bestände in einem ungünstigen Erhaltungszustand, wohingegen nicht einmal 25% einen stabilen Erhaltungszustand aufweisen. Noch dramatischer sieht die Situation bei Fischen aus, wo nur ca. 20% der Bestände stabil sind, im Gegensatz zu 75%, die sich in einem schlechten Erhaltungszustand befinden, wobei sich 40% der Bestände momentan noch weiter verschlechtern (Europäische Kommission, State of Nature Report 2015).
  • 47 Prozent der europäischen Fischbestände werden als überfischt klassifiziert. Besonders bedenklich ist die Situation beispielsweise im Nordatlantik (64%) und noch dramatischer im Mittelmeer (93%). (Europäische Kommission, Konsultation zu den Fangmöglichkeiten 2013).
  • Als schwerwiegendste Bedrohungsfaktoren für die terrestrischen Ökosysteme wurde die „Landwirtschaft“ und „Eingriffe in die natürlichen Gegebenheiten“ (z.B. Eingriff in Wasserhaushalte, Verringerung des Biotopverbunds etc.) identifiziert (Europäische Kommission, State of Nature Report 2015).
  • Bei den Meeresökosystemen sind es dagegen die „Nutzung lebendiger Ressourcen“ und die „Verschmutzung“ (durch z.B. Plastik, Styropor, Öl), aber auch hier spielen „Eingriffe in die natürlichen Gegebenheiten“ und zusätzlich „Störungen durch menschliche Aktivitäten“ eine wichtige Rolle (Europäische Kommission, State of Nature Report 2015).

 

Der Verlust an Naturkapital

Wir wirtschaften unser Naturkapital herunter, ohne zu wissen, wie viel wir im Endeffekt verlieren werden und ob eine Wiederherstellung überhaupt möglich ist  Ohne drastische Schutzmaßnahmen wird der zu verzeichnende Schwund an biologischer Vielfalt und damit einhergehende Verlust an Ökosystemleistungen nicht nur andauern, sondern sich weiter beschleunigen. Das wird uns teuer zu stehen kommen: Jeder vierzigste Arbeitsplatz in der EU ist in einer der „Öko-Industrien“ angesiedelt: nachhaltige Waldwirtschaft, organische Landwirtschaft und Ökotourismus. Fast jeder sechste Arbeitsplatz in der EU hängt von der Umwelt ab. 

 

Neben der Vielzahl von Arbeitsplätzen brächte der Erhalt der biologischen Vielfalt und von Ökosystemleistungen diverse andere Vorteile, wie zum Beispiel die Verringerung regionaler Ungleichheiten, Wertschöpfung im Tourismus, Vermeidung wirtschaftlicher Kosten durch Naturrisiken, öffentliche Erholung und Freizeitnutzung und CO2-Speicherung.  Der gesellschaftliche Wert dieser genannten Vorteile beläuft sich auf 1,7-2,5 % des Bruttosozialprodukts der EU (Stand 2010).

 

Die benötigten Ausgaben für die Einrichtung, die ökologische Verbesserung und das gesamte Management der europäischen Schutzgebiete, dem sogenannten Natura 2000-Netzwerk, wurden auf mindestens 5,8 Milliarden Euro pro Jahr für die EU-27 (2010) geschätzt. Lediglich 9-19% dieser Kosten werden durch das EU-Budget bereitgestellt. Die meisten Kosten tragen die Mitgliedsstaaten (Stand 2011). Die Vorteile, die durch das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000 entstehen, werden auf 200-300 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt, was die erwähnten Kosten in Höhe von mindestens 5,8 Milliarden Euro pro Jahr bei weitem übersteigt.

 

Arbeiten in und für die Natura 2000-Gebiete haben zwischen 2006 und 2008 schätzungsweise 8 Millionen Arbeitsplätze, sowie indirekt 4 Millionen weitere Arbeitsplätze jährlich geschaffen; dies entspricht 6% der Arbeitsplätze in der EU sowie einem Einkommen von insgesamt etwa 145 Milliarden Euro pro Jahr.

 

EU-Politik zur biologischen Vielfalt bislang nicht wirkungsvoll genug

Im Jahr 2001 hatte sich die EU zum Ziel gesetzt, den Verlust an biologischer Vielfalt bis 2010 zu stoppen. Die Europäische Kommission beschloss 2006 den Aktionsplan der EU zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und verstärkte ihre Bemühungen zur vollständigen Umsetzung der Vogelschutz- und der Fauna-, Flora-, Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie). Diese beiden Rechtsvorschriften bilden die wesentlichen Säulen des Naturschutzes und des Schutzgebietsnetzes „Natura 2000“ in den 28 Mitgliedstaaten. Obwohl das Natura 2000-Schutzgebietsnetz mit rund 27.000 Schutzgebieten bereits rund 19 Prozent der EU-Landfläche einnimmt und andere Schutzmaßnahmen nach der Wasser-Rahmenrichtlinie und der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie begonnen wurden, konnte der Verlust an biologischer Vielfalt in der EU bislang nicht gestoppt werden. 

 

Die EU hat nach der 10. Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über die biologische Vielfalt (CBD – Convention on Biological Diversity) 2010 in Japan eine neue Biodiversitätsstrategie beschlossen mit dem Ziel, den Verlust an biologischer Vielfalt bis 2020 zu stoppen. Damit soll auch der Beitrag der EU zu den globalen Zielvorgaben der CBD bis 2020 umgesetzt werden. 

 

Die EU-Strategie umfasst 6 Handlungsfelder:

  1. Erhaltung und Wiederherstellung der Natur
    Vollständige Umsetzung der Vogelschutz- und FFH-Richtlinie, also das Erreichen eines „günstigen Erhaltungszustands“ sämtlicher Lebensräume und Arten von europäischer Bedeutung.
  2. Erhaltung und Verbesserung der Ökosysteme und ihrer Leistungen 
    Grüne Infrastrukturmaßnahmen zur Erhaltung und Verbesserung von Ökosystemen, besonders jene, die durch Fragmentierung geschädigt wurden.
  3. Sicherstellung einer nachhaltigen Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei
    Fischereiwirtschaft ohne wesentliche nachteilige Folgen für andere Bestände, Arten und Ökosysteme; Waldbewirtschaftungspläne erstellen, die mit nachhaltiger Waldbewirtschaftung in Einklang stehen; Ausdehnung landwirtschaftlich genutzter Flächen, die von biodiversitätsbezogenen Maßnahmen profitieren.
  4. Bekämpfung invasiver gebietsfremder Arten
    Ermittlung invasiver gebietsfremder Arten und ihrer Einschleppungspfade; Bekämpfung dieser Arten und Steuerung von Einschleppungspfaden, so dass die Einführung und Etablierung neuer Arten verhindert wird.
  5. Bewältigung der globalen Biodiversitätskrise
    Erhöhung des Beitrags der EU zur Vermeidung des globalen Biodiversitätsverlustes.
  6. Beiträge anderer Umweltmaßnahmen und Umweltinitiativen
    Bessere Umsetzung des bereits existierenden Umweltrechts in der EU; außerdem Verkleinerung des „Biodiversitätsfußabdrucks“ der EU als weltweit tätige Handelsmacht und Unterstützung von Entwicklungsländern bei ihren Bemühungen um den Schutz der Biodiversität und ihrer nachhaltigen Nutzung.

(Europäische Kommission, Eine Biodiversitätsstrategie der EU für das Jahr 2020)

Zwischenbilanz aus dem Mid-Term-Review der EU-Strategie zu den einzelnen Handlungsfeldern:

  1. Im Vergleich zu 2010 ist die Zahl der Arten und Lebensräume mit „sicherem/günstigen/verbessertem“ Erhaltungszustand leicht angestiegen.
    Schlussfolgerung: Es gibt bei diesem Handlungsfeld zwar Fortschritte, aber diese passieren zu langsam, um das Ziel bis 2020 erreichen zu können.
  2. Wiederherstellungsmaßnahmen wurden ergriffen, aber die Tendenz der Verschlechterung von Ökosystemen konnte nicht aufgehalten werden. 
    Schlussfolgerung: Es gibt bei diesem Handlungsfeld zwar Fortschritte, aber das Ziel bis 2020 wird nicht erreicht werden können.
  3. Weiterhin eine anhaltende Verschlechterung der Zustände von Arten und Lebensräumen von europäischer Bedeutung, die auf die Landwirtschaft zurückzuführen ist. Im Vergleich zu 2010 hat die Waldfläche in Europa zwar zugenommen, jedoch weist der Erhaltungszustand von unter das europäische Naturschutzrecht fallenden Lebensräumen und Arten, die im Wald vorkommen, keine Anzeichen einer wesentlichen Verbesserung auf. 
    Schlussfolgerung: Insgesamt gibt es bei diesem Handlungsfeld keine signifikanten Fortschritte. 
  4. Fortschritte bei der Schaffung eines politischen Rahmens für nachhaltige Fischerei. Einsatz der Kommission für bessere Verwaltung der Meere. Allerdings werden die Maßnahmen uneinheitlich umgesetzt und es ist eine rückläufige Entwicklung bei allen europäischen Meeren zu verzeichnen.  
    Schlussfolgerung: Es gibt bei diesem Handlungsfeld zwar Fortschritte, aber diese passieren nicht schnell genug, um das Ziel bis 2020 erreichen zu können.
  5. In 2015 trat eine Verordnung über invasive gebietsfremde Arten in Kraft. 
    Schlussfolgerung: Bei diesem Handlungsfeld dürfte bei Beibehaltung des derzeitigen Kurses das Ziel bis 2020 erreicht sein. 
  6. Bei dem nach wie vor wichtigsten Geldgeber, der EU, konnten Fortschritte bei der Ressourcenaufstockung für die Biodiversität verzeichnet werden. Hinsichtlich der Reduzierung der Auswirkungen der Konsumgewohnheiten der EU-Bevölkerung auf die globale Biodiversität konnten jedoch noch keine ausreichenden Fortschritte erzielt werden. 
    Schlussfolgerung: Es gibt bei diesem Handlungsfeld zwar ebenfalls Fortschritte, diesen werden aber nicht reichen, um das Ziel bis 2020 zu schaffen.

(Europäische Kommission, Halbzeitbewertung der EU-Biodiversitätsstrategie bis 2020)

Forderungen des WWF

Trotz erster und guter Erfolge beim Aufbau des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 ist die Arten- und Lebensraumvielfalt in Europa nicht gesichert. Immer noch ist beispielsweise die intensive und hoch subventionierte Landwirtschaft in der EU für große Schäden an der Natur verantwortlich. 

 

Zudem müssen Naturschutz und Klimaschutz Hand in Hand gehen: Werden mehr Wälder, Moore, Auen und andere Wildnisflächen als natürliche Speicher für Treibhausgase in Europa erhalten, bremst das nicht nur den Artenschwund, sondern auch die Erwärmung der Erdatmosphäre.

 

Dem Kernziel, den anhaltenden Verlust der biologischen Vielfalt und der Verschlechterung der Ökosystemleistungen bis 2020 zu stoppen, ist die EU laut der Halbzeitbewertung kaum näher gekommen, stattdessen dauern die Verschlechterungen  weiter an. Auch der ökologische Fußabdruck in der EU ist immer noch mehr als doppelt so groß wie deren Biokapazität.  

 

Laut der Halbzeitbewertung ist  bisher nur eins der sechs Ziele auf einem guten Weg und kann bis 2020 vermutlich erreicht werden. 

Bei allen anderen Zielen müssen noch sehr viel mehr Anstrengungen unternommen werden, um das Zeitfenster einzuhalten.


Deshalb fordert der WWF zu den einzelnen Handlungsfeldern unter anderem:

  1. Die Vervollständigung und Ausweisung der Natura 2000-Schutzgebiete im Bereich der Meere und deren effektive und nachhaltige Bewirtschaftung im Sinne der Naturschutz-Richtlinien. Des Weiteren liegen für lediglich 58% der Natura 2000-Gebiete Bewirtschaftungspläne vor. Diese Zahl muss dringend erhöht und hierfür die erforderlichen Finanzmittel bereitgestellt werden.
  2. Die Entwicklung und Umsetzung nationaler und regionaler Konzepte zur Förderung der Wiederherstellung von grünen Infrastrukturen muss vorangetrieben werden.
  3. Die Landwirtschaft in der EU muss endlich nachhaltig werden und die Agrarsubventionen die Sicherung der biologischen Vielfalt finanziell unterstützen. Waldbewirtschaftungspläne müssen zu den Biodiversitätszielen beitragen und deren Potential muss hierfür mehr genutzt werden. 
  4. Die einheitlichere Umsetzung von Maßnahmen zur nachhaltigen Fischerei in den Mitgliedsstaaten sowie die bessere Umsetzung von Bewirtschaftungsplänen muss weiter vorangetrieben werden (siehe http://www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/fischerei/fischereipolitik-in-europa/)
  5. Die Umsetzung und Anwendung der Verordnung über gebietsfremde invasive Arten muss fristgerecht durch die Mitgliedsstaaten erfolgen.
  6. Zur Unterstützung des globalen Biodiversitätsschutzes muss die EU die wirksame Anwendung der Rechtsvorschriften zur Vermeidung von Biopiraterie in allen Mitgliedstaaten sicherstellen. Die konsequente Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks der EU bis 2020 muss eine Priorität der EU-Politik werden. Außerdem sind mehr Finanzmittel für den Schutz der Natur in Entwicklungsländern aus den Haushalten der EU-Institutionen und der Mitgliedstaaten zu mobilisieren, um die internationalen Biodiversitätsziele zu erreichen.

 

Um die Ziele der EU-Strategie zur biologischen Vielfalt bis 2020 noch zu schaffen, müssen die Defizite schnellstens beseitigt werden, um die biologische Vielfalt Europas auf Dauer zu erhalten und deren Verlust endlich zu stoppen.

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