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Stand: 13.04.2017

Interview mit Matthias Kopp, Leiter des Bereichs Nachhaltige Finanzsysteme beim WWF

„So investieren, dass unsere Lebensgrundlagen erhalten bleiben“

Matthias Kopp, Leiter des Bereichs Nachhaltige Finanzsysteme beim WWF © WWF
Matthias Kopp,  Leiter des Bereichs Nachhaltige Finanzsysteme beim WWF © WWF

Warum arbeitet der WWF am Thema Finanzsystem?

Kopp: Wie private und öffentliche Kapitalströme gelenkt werden, hat erheblichen Einfluss auf die Ökosysteme und das Weltklima. Sie müssen deswegen zukünftig in Einklang mit unseren planetaren Grenzen gebracht werden. Dazu gehört es zum Beispiel, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius zu halten. Ein solches Ziel gibt es heute nicht im täglichen Handeln der allermeisten Finanzakteure. Wir wollen dies ändern und Akteure wie Banken, Versicherungen oder Pensionskassen bei dieser Veränderung unterstützen.

Was möchte der WWF konkret erreichen, was soll besser werden im Finanzsektor?

Unsere Botschaft an die Akteure des Finanzsystems ist, dass Umweltschäden in Zukunft immer mehr Geld kosten werden. Entsprechend müssen sie im Risikomanagement, in der Investitionsplanung, der Kreditvergabe, wie auch bei der Finanzmarktregulierung berücksichtigt werden. Nach Auffassung des WWF heißt das unter anderem, dass die Umweltauswirkungen von Finanzprodukten für Kunden transparent gemacht werden müssen.

Allerdings muss sich auch der individuelle Geldanleger der Bedeutung des „Hebels“ Finanzmarkt bewusst werden und von seiner Bank und Versicherung umweltgerechtes Finanzieren und Investieren verlangen. Denn auch die Nachfrage trägt dazu bei, dass die bestehenden Marktstrukturen grüner werden.

Der WWF setzt sich außerdem dafür ein, dass öffentliche Mittel, zum Beispiel über Exportkreditabsicherungen oder direkte Finanzierung, strikten Nachhaltigkeitskriterien genügen.

Wie sieht Dein typischer Arbeitstag aus?

Ich führe zum Beispiel Gespräche über Projekte mit Finanzdienstleistern, um konkrete Verbesserungen für die Umwelt zu erreichen. Dazu gehört auch die Entwicklung von Kriterien für klimaverträgliches Investment – zum Beispiel im Rahmen von Forschungsprojekten, in denen wir mit Universitäten, anderen NGOs, Consultants, Softwareanbietern oder auch Investoren und Banken zusammenarbeiten. Oder der Blick auf die Kreditvergabe von Banken, etwa auch wieder aus Klimasicht. 

Wie kann man denn prüfen, ob ein Unternehmen mit dem wie und was es produziert im Rahmen dessen bleibt, was die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius hält?

Dazu entwickeln wir mit Partnern Kriterien für bestimmte Sektoren wie Stahl und Zement, die dann bei Investitionsentscheidungen einfließen können. Wir befragen deutsche Pensionskassen nach deren Klimastrategien im Anlageprozess. Und auch im internationalen Kontext versuchen wir die Dinge voranzutreiben. Deswegen besteht mein Arbeitstag aus vielen Diskussionen und Gesprächen, dem Erarbeiten von Konzepten und Dokumenten, aber auch dem Vortragen vor Vertretern aus der Finanzbranche. Einige Reisen in die Finanzzentren gehören auch dazu.

Was würdest Du Deiner Mutter raten, wie sie ihr Geld anlegen soll, damit es nicht die Umwelt schädigt und möglichst ökologisch sinnvoll angelegt ist?

Für Menschen wie meine Mutter mit wenig Lust, sich um diese Frage intensiv zu kümmern, sind nachhaltige Exchange Traded Funds (ETFs, börsengehandelte Investmentfonds), die einen bestimmten Aktien-Index abbilden, eine sehr interessante Option. Die Kosten dafür sind gering und man beteiligt sich an der Marktdynamik – wenn man einen ETF mit guter Nachhaltigkeitslogik findet. Dazu kann sie einen Anlageberater fragen oder würde nach etwas Internet-Recherche zu Anlageoptionen auf gute Quellen stoßen.

Grundsätzlich machen Aktienkäufe aus Renditesicht statistisch am meisten Sinn, allerdings nur für die „Mütter“, die in den nächsten Jahren nicht dringend auf das Geld angewiesen sind, weil Aktienkurse eben schwanken können.

Was ist das Problem bei Rankings von Finanzprodukten?

Ganz grundsätzlich ist deren Aussage so gut wie das Kriterienraster und die Informationszugänglichkeit, die ihnen zugrunde liegt. Aktuelle Rankings haben allerdings nur einen sehr verkürzten Blick auf die Zukunftsperspektive der Unternehmen oder der Projekte, auf denen ein Finanzprodukt letztlich abstellt. Man kann sicher ganz gut mit „dunkelgrün“, also eindeutig nachhaltig, bewerteten Produkten umgehen. Es gibt spezielle „Rating-Agenturen“, die solche Einschätzungen vornehmen. Man muss sich aber fragen, ob man mit deren Erwerb tatsächlich den größten ökologischen „Verbesserungseffekt“ erreicht, denn wir wollen ja erreichen, dass Problematisches besser wird, nicht nur, dass bereits Gutes mehr Wert wird. Und auch bezüglich der finanziellen Performance muss ein Investment in bereits Gutes nicht die beste Wahl sein, denn durch Verbesserung entsteht in der Regel eher Wertzuwachs. 

Wie kann es sein, dass ich mehr für die Umwelt erreiche als bei einem Nachhaltigkeitsprojekt, wenn ich in ein Unternehmen mit schlechter Umweltbilanz investiere?

Das ist wie immer im Leben, wenn man von Problemlagen ausgeht. Derjenige, der aus einer Problemlage kommt, kann durch die richtigen Schritte sich selbst ganz weit nach vorne bringen – und damit die Problemlage selbst sogar auflösen, oder zumindest einen erheblichen Beitrag dazu leisten. Ein Unternehmen mit großem ökologischem Fußabdruck hat eben enorme Potenziale zu dessen Verringerung. Es lohnt sich, dort zu investieren, wo für die Umwelt am meisten herausspringt – vorausgesetzt das Unternehmen besitzt eine klare, glaubwürdige Verbesserungsstrategie. Genau deswegen benötigt ein solches Unternehmen Kapital, um den Verbesserungsprozess einleiten und durchstehen zu können.

Nach welchen Kriterien legt denn der WWF sein Geld an?

Der WWF selber hat noch kein „dynamisches“ Anlagekonzept im Sinne der Identifikation von ökologisch problematischen Unternehmen mit großem Verbesserungspotenzial, sondern verfolgt eher einen werterhaltenden „Screening- und Ausschluss-Ansatz“. 

Warum wird „Dein“ Thema für den Umweltschutz noch weiter an Bedeutung gewinnen?

Wir überschreiten bereits heute auf so vielen Feldern die Tragfähigkeit unseres Planeten. Kapitalströme sind hierbei entscheidende Treiber. Deshalb sollten wir hier und heute schleunigst gegensteuern. Wir müssen Investments in und Finanzierung von ökologisch inakzeptablen Unternehmen und Geschäftsmodellen abstellen und Finanzmittel in nachhaltige Projekte umlenken. Das ist ein effektiver Weg. Deshalb ist die Arbeit zur „Vergrünung“ am Finanzmarkt in den letzten Jahren auf vielen Ebenen bereits deutlich intensiver und bedeutsamer geworden. Neben dem grüner werdenden Gesamtmarkt ist die grüne Nische auch nicht uninteressant. Sie wächst bereits und ich bin optimistisch, dass der Markt auch für Kleinanleger immer mehr und gewichtigere Alternativen bereithalten wird. 

Weitere Informationen

Unter diesen Links finden Sie weitere Informationen, die Ihnen bei der Orientierung helfen können. Die Informationen, die Sie dort finden, geben nicht die Meinung des WWF wieder. Sie können damit jedoch einen Überblick über weitere Informationsquellen zum Thema nachhaltige Finanzen erhalten.

Das FNG-Siegel: fng-siegel.org >>>

Climate Ratings For Funds: climpax.org >>>

Sustainable Investment: sustainable-investment.org >>>
Institut für nachhaltige Kapitalanlagen: nk-institut.de >>>

Verein zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage: cric-online.org >>>
Verbraucherzentrale Bremen: verbraucherzentrale-bremen.de >>>

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