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Wissenschaftliche Debatte statt Glaubenskrieg

30. November 2012

Wie der Verband der Chemischen Industrie mit klimaskeptischen Politsekten anbandelt und damit nicht nur seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt.

Regine Günther ist Leiterin Energie- und Klimapolitik beim WWF Deutschland. © Lichtschwärmer
Regine Günther ist Leiterin Energie- und Klimapolitik beim WWF Deutschland. © Lichtschwärmer

Sie sehen die Klimawissenschaft als Teil einer weltweiten Verschwörung. Erneuerbare Energien sind ihrer Meinung nach der erste Schritt in Richtung Öko-Diktatur. Sie rücken Klimaforscher in die geistige Nähe von Verbrechern und Terroristen. Und an diesem Wochenende treffen sie sich in München. Die Rede ist vom EIKE-Institut (selbsternanntes „Europäisches Institut für Klima und Energie“) und dem Heartland-Institut, zwei der prominentesten Vereinigungen sogenannter Klimaskeptiker.

 

Erst im Sommer sorgte das Heartland-Institut für einen Skandal, als es auf Plakatwänden Ted Kaczynski, der als „Unabomber“ lange Zeit zu den meistgesuchten Terroristen der Welt gehörte, die Frage in den Mund gelegt hatte: „Ich glaube immer noch an den Klimawandel. Und Sie?“

 

An sich wäre das Münchner Treffen der beiden Vereine nicht weiter beachtlich. Die obskuren Veröffentlichungen der beiden Gruppierungen sind für die Forschung in etwa so relevant wie die Beiträge von Kreationisten zur Evolutionstheorie. Auch politisch handelt es sich – zumindest was Deutschland betrifft – um wirre Splittergruppen. Immerhin verfolgen hierzulande alle politischen Parteien mit der Energiewende das Ziel, bis 2050 die Energieversorgung fast vollständig auf erneuerbare Energien umzustellen. Ohne die Erkenntnis, dass es auch der sich beschleunigende Klimawandel ist, der – global wie in Deutschland – dringend ein Umstellen auf Erneuerbare erfordert, wäre diese breite politische Allianz für die Ziele der Energiewende kaum denkbar.

 

Was allerdings in hohem Maße verstören muss, ist die Rolle, die einer der mächtigsten Wirtschaftsverbände bei dem Münchner Fundamentalistentreffen spielt: Der Verband der Chemischen Industrie (VCI), Dachverband einer der wichtigsten Industriebranchen, wertet das Tagungsprogramm mit einem Vortrag seines Hauptgeschäftsführers Utz Tillmann auf. Das Thema: „Die Auswirkungen des deutschen Energiekonzepts auf die deutsche Wirtschaft“.

 

Ausgerechnet die chemische Industrie! Der Wirtschaftszweig, der sich seiner klaren naturwissenschaftlichen Fundierung rühmt, der sich wie kein anderer dafür stark macht, den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland zu stärken. Dass ausgerechnet der Dachverband dieser so wichtigen Industriebranche bei den selbsternannten Skeptikern wirbt, kommt für das in Deutschland ansässige, wegen seiner obskuren Thesen völlig marginale EIKE-Institut einem Ritterschlag in Sachen Seriosität und Glaubwürdigkeit gleich.

 

Natürlich ist es für eine Lobbygruppe wie den VCI legitim in der öffentlichen Diskussion gegen die Energiewende Stellung zu beziehen. Doch für die Reputation der chemischen Industrie und für die Qualität der klimapolitischen Debatte ist damit das Signal verbunden, dass fundamentalistische Wissenschaftsleugner für eine der Top-Branchen der deutschen Wirtschaft ernstzunehmende Gesprächspartner darstellen. Dies ist verheerend.

 

Es mag dahingestellt sein, ob hinter dem VCI-Auftritt beim Club der Klimaskeptiker politisches Kalkül oder schlichte Fahrlässigkeit stehen. Man mag es auch verschmerzen, wenn der VCI damit die eigene wissenschaftliche Glaubwürdigkeit (und die seiner Mitglieder) untergräbt und sich in der energie- und klimapolitischen Debatte ins Abseits stellt. Was allerdings nicht zu verschmerzen wäre, ist das Öffnen der Büchse der Pandora hinsichtlich der allgemeinen, wissenschaftlichen Fundierung der politischen Debatte. Oder treffender: die Vergiftung des gesellschaftlichen Diskurses zur Klimapolitik. Klimawissenschaft und Klimapolitik haben nichts mit Glauben, sondern mit rationalen Erkenntnissen zu tun. Und das muss auch so bleiben.

 

In den USA ist gerade zu besichtigen, in welche Sackgassen es führt, wenn aus einer politisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung, dem legitimen Ringen um geeignete Positionen, ein fundamentalistischer, religionsgleich aufgeladener Glaubenkrieg wird, was nicht zuletzt den umtriebigen Aktivitäten des Heartland Institutes zu verdanken ist. In Deutschland sind wir davon glücklicherweise noch weit entfernt. Doch es gilt, den dubiosen Anfängen Einhalt zu gebieten.

 

Der VCI muss sich entscheiden, ob er mit Populismus und Wissenschaftsfeindlichkeit Politik machen oder ernstzunehmender Gesprächspartner bleiben will. Beides gleichzeitig geht nicht. 

 

Regine Günther ist Leiterin Energie- und Klimapolitik beim WWF Deutschland.

 

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