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Pferdefleischskandal: „Wollen wir das“?

WWF-Referent für Agrarrohstoffe und Tierhaltung Markus Wolter im Interview zum Pferdefleischskandal, was in der Tierhaltung falsch läuft – und dass demnächst auch Hunde- und Katzenfleisch in Lebensmitteln gefunden werden könnte.

Markus Wolter, WWF-Referent für Agrarrohstoffe und Tierhaltung © WWF
Markus Wolter, WWF-Referent für Agrarrohstoffe und Tierhaltung © WWF

WWF: Döner, Lasagne oder Nudelsoße: In immer mehr Lebensmitteln wird nicht deklariertes Pferdefleisch entdeckt. Haben wir es hier nur mit der Spitze eines Eisbergs zu tun?

Wolter: Ja, so könnte man es sagen. Ich vermute, dass dieser Skandal nicht erst gestern begonnen hat. Die Fleischbranche arbeitet mit extrem knappen Margen, und was wir erleben, ist eine klassische Folge davon. Der Preis für Rindfleisch befindet sich derzeit auf einem Allzeithoch, das müsste sich eigentlich in den Preisen niederschlagen – tut es aber nicht. Das ist doch seltsam, vor allem, wenn man weiß, dass Pferdefleisch nur 20 Prozent dessen kostet, was man für Rindfleisch ausgeben muss.

 

Bei den vielen Kontrollen, die wir haben, hätte das doch längst auffallen müssen, oder?

Der Skandal macht die Schwachstellen der Verflechtungen auf EU-Ebene deutlich. Das Fleisch stammt ja offenbar aus Rumänien, wurde irgendwo anders verarbeitet und verpackt und dann landet es in Deutschland beim Verbraucher. Da haben Sie viele Möglichkeiten, die Herkunft und Fleischart zu verschleiern. Gerade Rumänien ist in dieser Beziehung ein schwieriges Land. Ich habe dort selbst eine Zeitlang gearbeitet. Die Korruption ist dort unglaublich hoch.

 

Da kann einem ja angst und bange werden. Was blüht dem Verbraucher als nächstes – wird vielleicht noch Fleisch von Hund, Katze oder Ratte in der Fertiglasagne entdeckt?

Ich will so etwas nicht völlig ausschließen, halte es aber für sehr unwahrscheinlich. Hund und Katze werden in der Tat im asiatischen Raum verzehrt, doch gerade für die Einfuhr von Fleisch aus Nicht-EU-Ländern gelten bei uns strenge Restriktionen. Zudem können Katze und Hund relativ leicht am Schlachtkörper erkannt werden. Das Problem beim Pferdefleischskandal ist eben, dass sich alles innerhalb der EU abspielte, und da gibt es offensichtlich noch keine ausreichenden Kontrollen.

Die bunten Bilder aus der Werbung färben die Realität schön. © photodisc
Die bunten Bilder aus der Werbung färben die Realität schön. © photodisc

Der Fall wirft auch ein Schlaglicht auf Tiertransporte und Massentierhaltung. Muss der Skandal nicht wieder einmal Anlass sein, unseren Umgang mit Nutztieren zu überdenken?

Das sollten wir immer wieder tun. Zwar haben wir in Deutschland die höchsten Tierschutzstandards der Welt, aber auch bei uns gibt es großes Tierleid. Die bunten Bilder aus der Werbung färben die Realität schön. Da suggeriert zum Beispiel Wiesenhof mit einem Fachwerkhaus und Naturbildern, die Hähnchen lebten auf einem schönen Bauernhof und freuten sich ihres Lebens. Doch die allermeisten Hühner und Schweine in Deutschland stehen ihr ganzes Leben lang in Ställen auf ihrer eigenen Scheiße ohne Auslaufmöglichkeit. Dabei sind gerade Schweine extrem reinliche Tiere, die würden sich freiwillig nie in die Nähe ihrer Exkremente begeben. Da müssen wir uns immer wieder fragen: Wollen wir das?

Wie viele dieser Tiere werden unter solchen Bedingungen krank?

Ganz schlimm ist es bei Puten; sie nehmen innerhalb kürzester Zeit das 400-fache ihres  Eigengewichts zu. Das  führt zu Deformierungen an den Füßen und zu Schäden am Skelettapparat. Stellen Sie sich einen extrem adipösen Jugendlichen vor – dann haben Sie ein Bild von dem, was da passiert. Über 90 Prozent aller Puten, die am Schlachthof angeliefert werden, sind an den Gelenken und Füßen krank. Es gibt Versuche bei Puten, denen ein starkes Schmerzmittel verabreicht wurde und die daraufhin deutlich mehr standen und sich bewegten. Wem Füße und Gelenke weh tun, bewegt sich nur ungern – und genau das geschieht den Puten in der heutigen Haltung.

 

Und das erlaubt unser Tierschutzgesetz?

Das Gesetz sagt: Jeder schmerzhafte künstliche Eingriff am Tier ist zu vermeiden. So gesehen verstoßen 95 Prozent der Nutztierhalter gegen das Grundgesetz, denn vielen Tieren wird absichtlich wehgetan, damit sie ins Stallsystem passen. Schweinen zum Beispiel wird der Schwanz kupiert und die Zähne geschliffen, weil sie sich sonst vor Langeweile gegenseitig beißen würden. Systematisch werden unsere Nutztiere verstümmelt. In der Schweiz ist das übrigens anders, dort gilt die Würde von Tieren so viel, dass sie ins Grundgesetz aufgenommen wurde. Viele Nutztiere dort werden unter wesentlich besseren Bedingungen gehalten.

75 Prozent der benötigten Eiweißfuttermittel für Kühe, Schweine und Geflügel werden in die EU importiert, vorwiegend aus Südamerika. © photodisc
75 Prozent der benötigten Eiweißfuttermittel für Kühe, Schweine und Geflügel werden in die EU importiert, vorwiegend aus Südamerika. © photodisc

Die artgerechte Haltung ist aber nicht das einzige Problem der Massentierhaltung…

Nein, ein weiteres großes Problem ist die Fütterung. 75 Prozent der benötigten Eiweißfuttermittel für Kühe, Schweine und Geflügel werden in die EU importiert, vorwiegend aus Südamerika. Außerhalb Europas werden auf 20 Millionen Hektar Eiweißpflanzen für die europäische Tierproduktion angebaut. Und dieses Futter ist zu einem Großteil gentechnisch verändert, muss aber nicht entsprechend deklariert werden. Wenn ich also konventionelle Milch oder ein konventionelles Schweineschnitzel kaufe, weiß ich nicht, ob das Tier genmanipuliertes Futter erhielt.

Hat die Verwendung des Futters Auswirkungen auf unsere Umwelt?

Ja, das Futter für Geflügel und Schweine zum Beispiel besteht bis zu einem Viertel aus Sojaschrot, denn das ist die entscheidende Komponente für das Muskelwachstum. Dieses Futter wird unter Monokulturbedingungen mit hohem Pestizideinsatz in Südamerika angebaut. Dieses System der Fernfütterung hat zur Folge, dass die Nährstoffe hier wieder als Gülle wieder auf unseren Feldern landen. Die Folge: Das Grundwasser wird durch Nitrat belastet, stickstoffarme Ökosysteme wie Moore, Wälder oder Gewässer werden geschädigt. Die Ostsee ist mittlerweile ein weitgehend totes Meer. Das liegt unter anderem an der Art der Fütterung, dem Import von Futtermitteln und an der deutlich zu großen Menge an Tieren, die in Europa zur Fleisch-, Milch- und Eierproduktion gehalten werden.

Wir essen insgesamt zu viel Fleisch. © agarfoto
Wir essen insgesamt zu viel Fleisch. © agarfoto

Was ist mit Medikamenten, die den Tieren zugeführt werden?

Da passiert dasselbe. Inzwischen ist nachgewiesen, dass Antibiotika aus der Tiermast über die Gülle, die auf Feldern ausgebracht wird, von Pflanzen aufgenommen werden. Das mögen aus medizinischer Sicht noch keine bedenklichen Mengen sein, aber ich habe kein gutes Gefühl, wenn sich in meinem Weizenbrot Spuren von Antibiotika nachweisen lassen.

Was können wir als Verbraucher tun?

Wir essen insgesamt zu viel Fleisch. Um die Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu erfüllen, würde die Hälfte unseres Fleischkonsums reichen. Das hätte auf jeden Fall einen positiven Effekt für unsere eigene Umwelt, aber auch für Südamerika, wo wertvolle Wälder für die Futtermittelproduktion abgeholzt werden. Dieses Abholzen hat schwerwiegende Folgen für unser Klima, den Wasserhaushalt und die Artenvielfalt.

Zurück zum Pferdefleischskandal: Kann ich mich vor so etwas schützen, ohne gleich Vegetarier werden zu müssen?

Eine absolute Garantie gibt es nicht – es sei denn, ich ziehe mein Schwein im Garten groß und baue mein Gemüse selbst an. Allerdings gibt es ein paar Grundsätze, mit denen man ganz gut fährt. Erstens: Generell gibt es bei Bio-Produkten eine größere Sicherheit als bei Fleisch aus konventioneller Landwirtschaft. Zweitens: Wer die Möglichkeit hat, sollte direkt beim Erzeuger kaufen und sich von diesem so gut wie möglich informieren lassen. Drittens: Deutsche Ware ist meistens sicherer, deshalb auf die „4-D-Garantie“ achten – in Deutschland aufgezogen, gemästet, geschlachtet, verpackt. Die Kaufentscheidung sollte auf jeden Fall bewusst fallen – dass das meistens auch etwas mehr kostet, ist klar.

Das Interview erschien auch in Move36, dem Jugendmagazin der Fuldaer Zeitung.

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